Eine Seite - nicht nur für Priester

Vertrauen statt Gehorsam

Ende Juni werden erneut mehrere junge Männer zu Priestern geweiht. Sie haben bereits bei der Diakonatsweihe Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut gelobt. Ob sie dem Bischof und seinen Nachfolgern Gehorsam versprechen, lautete die Frage. Warum versprachen sie nicht, das Evangelium als die Magna Charta des Christentums zu befolgen? Wenn ein Parlamentarier angelobt wird, legt er den Eid auf die Verfassung ab, nicht auf den Staatspräsidenten. Ebenso verspricht ein Landtagsabgeordneter nicht, dem Landeshauptmann zu gehorchen, sondern die Grundsätze der Verfassung zu achten. Warum wird dieses Gehorsamsversprechen nicht auch in der Kirche so gehandhabt? In den Weisungen der Obrigkeit könne der Wille Gottes erkannt werden, sagte mir ein Priester. Ja, aber ist das immer so und ist das Evangelium nicht wichtiger als der Wille der Kirchenleitung?

Bedeutung des Gehorsams

Ich habe den Eindruck, daß Gehorsam und Hierarchieverständnis zu den derzeit wesentlichsten Punkten in der Kirchenverfassung gehören. "Wenn wir glauben wollen, müssen wir auch Gehorsam üben können" meinte Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano in einer Fernsehsendung. Hier wird der Inhalt der Religion mit Weisungen der religiösen Gemeinschaft unzulässig verquickt. Maria, die Frau aus Nazaret, wird oft als Beispiel für Gehorsam und Demut hingestellt. Daß sie vor ihrer Dienstbereitschaft aber die Frage gestellt hat "Wie soll das geschehen?" (Luk, 1,34), wird nicht erwähnt. Solche Fragen waren für eine Frau von damals keineswegs üblich und schon gar nicht gegenüber einem Engel, d.h. Boten Gottes. Maria ist auch diejenige, die im Magnifikat sagen darf: "Er stützt die Mächtigen vom Throne und erhöht die Niedrigen" (Luk 1,52) Nicht umsonst haben Befreiungstheologen diesen Text zu ihrem Manifest erklärt. Sie wollen ausdrücken, dass es in der Gesellschaft und wohl auch in der Kirche weder Herrscher noch Beherrschte geben darf.

Maria - ganz schön revolutionär!

Im Hochgebet, einem wesentlichen Teil der Eucharistie, wird die Gehorsamsstruktur der Kirche verdeutlicht und untermauert. Es wird für "Papst Johannes Paul, Bischof Wilhelm, die Priester und Diakone und alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind", gebetet. Natürlich braucht es das Gebet für die Kirchenleitung. Aber warum heißt es nicht einfach: Wir beten für alle Dienerinnen und Diener in der Kirche? Hier soll wohl die Hierarchie deutlich gemacht werden und wem die Gläubigen untergeordnet sind. Ist das in einer Kirche, in der der jesuanische Geist der Freiheit weht, notwendig?

Wenn alle den Geist besitzen...

Obwohl alle den Geist besitzen, haben die Gläubigen in Gremien grundsätzlich nur beratenden Charakter und die letzte Entscheidung steht dem Pfarrer, Bischof oder Papst zu. Obwohl betont wird, daß jeder Christ und jede Christin selbstständig denken und handeln soll und ein eigenes Gewissen hat, wird ihnen Mitentscheidung innerhalb der Kirchenorganisation meist untersagt. Das Vetorecht habe z.B. im Pfarrgemeinderat nichts zu suchen, sagt Luis Gurndin, da der Geist der Liebe regiere. Worum geht es also im Zusammenhang mit der Verweigerung der Mitentscheidung der Laien? Um die Erhaltung der Macht der Geweihten, des Klerus? Allerdings können die Gläubigen heutzutage durch Mitarbeit oder deren Verweigerung entscheiden, ob sie der Kirchenleitung diese Macht geben oder nicht.

KVB - Akt des Ungehorsams?

Das Kirchenvolksbegehren wurde von der Kirchenleitung als Akt des Ungehorsams empfunden. Deshalb, so kommt mir vor, mußte es von der Kirchenleitung abgelehnt werden, auch wenn einige Anliegen geteilt würden, wie Bischof Egger betonte. Hätten Gläubige um Erneuerung gebeten, hätte man ja etwas tun können, wurde vermittelt. Wäre wirklich etwas geschehen? Es gab ja z.B. Verbände und Gremien, die um Erneuerungen angesucht haben. Warum ist Erneuerung nicht ein gemeinsames Anliegen?

Katholische Kirche als eine der letzten Diktaturen?

Manche Insider und Kritiker behaupten, daß die katholische Kirche von ihrer Struktur her neben der Regierung Chinas eine der letzten großen Diktaturen sei. Das System werde durch rigorosen Gehorsam der Obrigkeit gegenüber aufrechterhalten. Ich frage mich manchmal, warum viele Priester, Dekane und Theologieprofessoren im privaten Gespräch sich deutlich für Demokratisierung, Freistellung des Zölibates, Frauenpriestertum und andere notwendige Veränderungen in der Kirche aussprechen. Öffentlich trauen sie sich aber kaum ihre Meinung zu sagen. Die Antwort darauf dürfte in der Gehorsamsstruktur der Kirche zu suchen sein. Und warum bringen Bischöfe ihre Meinung zu diesen Themen nicht in Rom vor und / oder stehen öffentlich dazu? Auch sie haben Gehorsam versprochen und werden immer wieder darauf verpflichtet, z.B. durch die regelmäßigen Ad-limina Besuche im Vatikan. Eigenständige Meinungen zu haben und sie öffentlich darzulegen, dürfte nicht karrierefördernd sein. Vielleicht verstehen sich deshalb viele Bischöfe eher als Filialleiter Roms, denn als Sprachrohr des Volkes Gottes?

Positive Seite des Gehorsams

Der Gehorsam kann sich in der Kirche allerdings auch positiv auswirken. Ein Beispiel: Bischof Wilhelm Egger legte bei der Seelsorgetagung 1996 den Pfarrgemeinden nahe, Partnerschaften mit Pfarrgemeinden im Süden oder Osten einzugehen. Dies geschah dann auch teilweise. Ein wesentlicher Grund dafür war sicherlich die Empfehlung von oben.

Gehorsam kann Erneuerung verhindern

Ich wage zu behaupten, daß sich die Kirche mit diesem Gehorsamsverständnis des eigenen Kritik- und Reformpotentials beraubt hat. Eine Organisation, in der kaum etwas angezweifelt, kaum kritisiert werden darf, wird starr und unbeweglich. Sie kann sich somit an die Erfordernisse der jeweiligen Zeit nicht mehr anpassen. Dann verkommt die Leitung zu einem absolutistischen Instrument mit einer halbgottähnlichen Führungsgestalt. Es ist wohl anachronistisch, wenn Gläubige bis hin zu Staatsmännern dem Papst die Hand küssen. Es ist unbiblisch, ihn "Heiliger Vater" zu nennen. Laut Bibel sollen wir nur Gott Vater (und Mutter) nennen (Matt 23,9). Ich habe Respekt vor diesem charismatischen Mann, dem heutigen Papst Johannes Paul II, ebenso halte ich es für selbstverständlich, daß es einen Bischof in der Diözese braucht. Diese Leitungsfunktionen sollten aber befreit werden von vergangenheitsbedingten absolutistischen und monarchistischen Ausprägungen. Ihr Dienstaufgabe sollte klar herausgestellt werden. Dann wird auch keine persönlichkeitsunterdrückende Gehorsamsstruktur mehr benötigt. Die Freiheit wird zur Berufung: "Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit". (2 Kor 3,17b). Einheit würde nicht mehr mit Einheitlichkeit verwechselt.

Wer in einer Organisation mitarbeiten will, muß auch ihre Grundsätze befolgen, könnten manche sagen. Ist zudem die Freiheit jedem Menschen zuzumuten? Ein Bundesdeutscher sagte mir, daß er in Südtirol (und wohl nicht nur hier ) ein Bedürfnis nach Gehorsam, ja nach Unterwürfigkeit festgestellt habe. Dann bräuchten die Menschen selber nicht mehr zu denken und zu entscheiden. Sicher ist es einfacher, angepaßt zu leben als selbständig zu denken und zu handeln. Ich glaube auch, dass es Regeln und Gesetze braucht und dass sie eingehalten werden sollen, auch in der Kirche. Es geht nicht darum, der Anarchie das Wort zu reden. Regeln und Gesetze müssen jedoch glaubwürdig sein, dann werden sie auch als gerechtfertigt angesehen. Regeln und Gesetze müssen hinterfragbar bleiben, ein Menschenwerk, das sich immer wieder an die neuen Erkenntnisse und Gegebenheiten anpassen muß, auch in der Kirche.

Zeitweiliger Ungehorsam?

Zur Überwindung von gesellschaftlicher und innerkirchlicher Erstarrung und Machtanmaßung braucht es zeitweise den Ungehorsam. Damit soll die Grundlage für Weiterentwicklung geschaffen werden. Im Alten Testament gab es Prophetinnen und Propheten, die aus der Überzeugung heraus, dass Gott mit seinem Volk geht, die bestehenden gesellschaftlichen und religiösen Verhältnisse analysierten und aus Sorge um die Glaubwürdigkeit der Religion zum Widerstand gegen die königliche und religiöse Obrigkeit aufriefen. Sie taten dies nur dann, wenn sie die ursprüngliche Aufgabe der Religion gefährdet sahen.

Abbau von Angst gefragt

Und was können wir gegen ein übersteigertes Gehorsamsverständnis tun?

"Die Freiräume, die wir tatsächlich haben, sind viel größer, als wir glauben - nur sind wir zu feige, sie auch zu benützen. Wenn wir sie zu benützen wagten, würden wir manchmal eine Überraschung erleben", meint Erwin Ringel in seinem Buch: Zur Gesundung der österreichischen Seele, S. 104.

Freiräume ausnutzen

Der ehemalige St. Pöltner Prälat Johannes Oppolzer verweigerte bei seinem Einstand in der Pfarre Weinburg den von Rom verlangten Treueeid. Deshalb kann er nicht Pfarrer werden, sondern ist geschäftsführender Pfarrer. Welchen Unterschied macht das, außer daß eine Versetzung leichter möglich ist?

Bischof Jacques Gaillot aus Paris hat selber die Freiheit gelebt und deshalb Ausgrenzung erfahren. So kann er sagen: "Ich träume von einer Kirche, die ihre Angst verloren hat: die Angst der einen vor den anderen, die das Wort lähmt, die Angst davor, endlich sich selber zu sein, die Angst vor Verlust, die Angst vor der Trennung, die Angst vor Rom, die Angst vor dem Islam, die Angst vor der Zukunft. .... ‚Habt keine Angst!' lautet das Kennwort Jesu. ... Mehr denn je ist derjenige ein freier Mensch, der den anderen hilft, freie Menschen zu werden."

Heinrich Böll wurde vor 30 Jahren gefragt, wie er die Zukunft der Kirche sehe. Er antwortete: " Düster für die Kirche, wenn sie sich nicht mit jener ... Kraft verbindet, .. die auf Gewalt verzichten könnte, wenn die Kirche ihre Macht nicht zur Verfügung stellen würde ... aus der Einsicht und Erkenntnis, daß sich in dieser ... Kraft die Gegenwart Christi verbirgt ... Die Kirche müßte den Gehorsam durch Vertrauen ersetzen."

Robert Hochgruber