Jakob Patsch wird am 20. Juni 1999 in Innsbruck zum Priester geweiht. Aus diesem Anlaß stellte er folgende Überlegungen zu Berufung und Priesteramt an. Hier einige Auszüge aus seinem Betrag in: "Wir sind Kirche" Nr.21/15.5.1999, Seite 1-2.
Die Bibel kennt nicht Berufene und Unberufene, Geistliche und Nichtgeistliche. Sie kennt nur Geistliche - geistbegabte Frauen und Männer - und Berufene, auch wenn jede und jeder eine einmalige und unverwechselbare Berufung hat. Nach den neutestamentlichen Schriften gibt es kein Gemeindemitglied, das ohne Berufung wäre.
So können alle zum Reichtum der Kirche beitragen, niemand geht leer aus. Die Gemeinde braucht jede und jeden. Und alle brauchen wir die Gemeinde. So bauen wir miteinander Gemeinschaft und messen uns allein an der Liebe.
Wir sind Kirche - und dies mit großem Selbstbewußtsein, weil Gott die Menschen in seine Kirche beruft.
Weggemeinschaft
Kirche ist Weggemeinschaft zum Reich Gottes, Gemeinschaft von Menschen, die an Jesus Christus glauben. Wo wir unsere Berufung wahrnehmen, entsteht die gemeinsame Heimat des Glaubens. Das Herzstück in dieser Kirche sind die vielen Frauen und Männer, die Jugendlichen und die Kinder, die ihr Christsein mit ihren Begabungen leben und sich einsetzen für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Amtspriestertum als Dienst
Kirchliche Ämter stehen im Dienst der Grundberufung aller Getauften zum Volk Gottes. Das Amtspriestertum dient dem gemeinsamen Priestertum des ganzen Gottesvolkes. Laien gehören zum Volk Gottes und beziehen von daher ihre Würde. Denn aufgrund von Taufe und Firmung besteht "eine wahre Gleichheit in ihrer Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi" (2.Vatic.:LG 32). Von daher festigt sich unsere Vision von der geschwisterlichen Kirche mit dem einen Gott und Vater Jesu Christi.
In einer geschwisterlichen Kirche versteht sich der Priester als Bruder. Gemeinsam mit seinen Schwestern und Brüdern wird er die Sehnsucht nach Gott wachhalten, auf das Evangelium hören und den Weg der Nachfolge suchen, die frohe Botschaft verkünden und in den Sakramenten Gottes zuvorkommende Liebe zusprechen. Er wird Charismen und Begabungen entdecken helfen und einladen, diese zum Aufbau des Leibes Christi einzubringen und zu entfalten, damit seine Kirche lebt.
Priestermangel
Gibt es einen echten Priestermangel? Leiden wir nicht viel mehr an der Blindheit der Kirche - vor allem der Kirchenleitung - die verschiedenen Berufungen wahrzunehmen? Ist es nicht so, daß der Heilige Geist seiner Kirche zu jeder Zeit genügend Berufungen gibt, daß die Kirche sie aber auch sehen und an-erkennen muß?
Die Gabe der Ehe
Um Priesterberufe wird gebetet und geworben, während gleichzeitig unzählige Berufungen ignoriert werden, weil es sich um verheiratete Menschen oder um Frauen handelt. Viele dieser Menschen bringen die Voraussetzungen mit (lebendige Spiritualität, theologische Bildung, Kommunikationsfähigkeit...), sehen sich aber nicht zum Zölibat berufen. Verheiratete Männer und Frauen in kirchlichen Leitungsämtern wären eine Bereicherung für die Seelsorge. Diese sollte dem Gottesvolk nicht vorenthalten werden!
So schließe ich mich den Voten der Salzburger Delegiertenversammlung
im Rahmen des "Dialogs für Österreich" an, nämlich geeignete und
entsprechend ausgebildete verheiratete Männer zum Priesteramt
zuzulassen, ebenso Frauen zum Diakonat.
"Bischöfe sind nicht dazu da, die Instruktion des Papstes auszuführen"
Kardinal Franz König kritisiert den Zentralismus in der katholischen Kirche und das Verhältnis zwischen Kurie und Ortsbischöfen. Er sieht sogar einen Widerspruch zu Vorgaben des Konzils.
WIEN (d. n.): Es gebe einen "überspannten Zentralismus". Dezentralisierung sei in der Weltkirche ein "Gebot der Stunde". Angesichts eines "gegenseitigen Mißtrauens" und der "Angst im kurialen Bereiche, daß der innerkirchliche Dialog die Einheit gefährde", gehe es um eine neue Form kirchlicher Führung. Und: Bischöfe seien "nicht Gesandte des Papstes", auch "nicht dazu da, wie manche behaupten, um die Instruktion des Papstes auszuführen."
Kardinal Franz König findet deutliche Worte zum Spannungsfeld Einheit und Vielfalt. Der Wiener Alterzbischof äußert die Kritik in seinem Beitrag für die eben erschienene offizielle Festschrift "150 Jahre Österreichische Bischofskonferenz 1849-1999", herausgegeben und verlegt vom Sekretariat der Bischofskonferenz (296 Seiten, öS 398, 28,92 Euro).
Die Wortmeldung Königs ist ungeplant aktuell. Erst am Freitag hatte ein vatikanischer Brief Kardinal Joseph Ratzingers für Aufsehen gesorgt. Im Schreiben werden mehrere Forderungen des Salzburger Delegiertentages zurückgewiesen, wie die Diakonatsweihe für Frauen oder die Erlaubnis zum Kommunionempfang von Geschiedenen, die wieder geheiratet haben.
Kardinal König weist auf Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils hin:
Die Gemeinschaft der Bischöfe hätte Last und Verantwortung des Papstes mitzutragen. "Die heute übliche Praxis im Verhalten zwischen Kurie und Diözesanbischof scheint nicht immer dieser Auffassung zu entsprechen", moniert er. Gerade an der Schwelle des neuen Millenniums gehe es darum, die notwendigen Folgerungen für die Praxis in Angriff zu nehmen. Dies würde sich positiv für die Ökumene wie die innerkatholische Situation auswirken. Diese Überlegungen änderten nichts an der Struktur der Kirche selber, sondern sprechen laut König "für eine Rückkehr zu einer dezentralisierten Form der obersten kirchlichen Führung früherer Jahrhunderte".
Die Presse, Wien, 30.3.1999