Als Seel-Sorger Gottes Zuneigung erfahrbar machen

Bernardin Schellenberger

Die Aufgabe des Priesters besteht ferner - und vielleicht noch mehr - darin, die Gnade und Zuneigung und Anwesenheit Gottes in unserer Welt, und damit die Erlösung, die uns Jesus Christus gebracht hat, zu feiern und zu verkünden; die Menschen spüren zu lassen: Ihr seid nicht vergessen, ihr seid nicht allein, ihr seid kostbar, ihr seid geliebt, ihr werdet begleitet, ihr werdet getragen.

Diese Botschaft und diese Erfahrung darf und soll der Priester und Seelsorger den Menschen bringen auf eine erfahrbare, menschliche Weise. In meinen sieben Jahren im Dorf habe ich festgestellt, daß der Bedarf nach einer solchen Botschaft, nach einer solchen geistlich-menschlichen Präsenz ungeheuer groß ist.

Ich bin für ein Dorf mit 1900 Einwohnern da: 1350 Katholiken, 400 Protestanten, 150 Moslems (türkische Arbeiterfamilien).

Seelsorger für eine so "kleine" Gemeinde zu sein ist heutzutage ein unerhörter Luxus.

Tatsächlich ist die hiesige Pfarrstelle seit I975 schon nicht mehr besetzt, sondern dem Pfarrer einer ungefähr gleich großen Nachbargemeinde als Zweitpfarrei zugeteilt, und ich bin "zufällig" hier. In Wirklichkeit fände sich bei den I900 Menschen hier mühelos eine Aufgabe für mindestens drei Seelsorger. Ich meine nicht drei Priester, die Messen, sakramentale Versorgung und pfarrliche Aktivitäten anbieten (das wäre unerträglich), sondern Seel-Sorger: Menschen, die sich um jeden einzelnen im Dorf sorgen; die von Tür zu Tür gehen und das Leben der Menschen, ihre Freuden und Leiden teilen; die die Kranken begleiten, die Einsamen besuchen; die sich selbstlos für die Menschen, ihr Denken und Wohlergehen interessieren; die in diskreter, unaufdringlicher Freundschaft einfach da sind; die sich nicht verstehen als Moralapostel und Schlechte-Gewissen-Macher und auch nicht als Werbeleute für den Sonntagsgottesdienst und den Sakramentenempfang, sondern die aus einer Haltung des Hinhörens, der Liebe und des Glaubens heraus mit den Menschen im Gespräch sind.

Zum Glück kann ich das in "meinem" Dorf ein Stück weit so verwirklichen - obwohl das Dorf schon viel zu groß ist für Seel-Sorge in diesem Stil, so daß ich unter dem ständigen Eindruck lebe, viel zu viele Menschen zu vernachlässigen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich einer solchen Präsenz Türen und Herzen öffnen. Wenn ich durchs Dorf gehe, sehe ich nicht verschlossene Türen vor mir, sondern unzählige offene Türen, und aus jeder ruft jemand: "Wann kommst du endlich wieder einmal?", und an den meisten muß ich vorbeigehen, weil ich mich nicht verdreifachen kann.

Die "Ernte" ist wirklich überwältigend groß. Das springt in die Augen, wenn man unter "Ernte" nicht den Ertrag, das greifbare Ergebnis versteht, sondern die anstehende fruchtbare Arbeit. Sehr oft ist bei meinen Besuchen von Gott und vom Glauben gar nicht ausdrücklich die Rede. Wenn man zu schnell und zu penetrant damit daherkommt, erdrückt das die Menschen, denn die wenigsten von ihnen haben Übung, darüber zu sprechen, und so schließen sie leise und diskret ihre innere Tür, wenn ein Geistlicher seinen frommen "Verzähl" daherredet; "der muß ja so reden", denken sie sich, "und mitreden können wir da sowieso nicht".

Oft merken solche Geistliche gar nicht, daß sie in ihrer Eigen-Welt kreisen und daß ihre gutgemeinten Äußerungen nicht zum Zuhörer überspringen und der seine ganz eigene Weltanschauung für sich behält.

Ich meine, es kommt nicht in erster Linie darauf an, von Gott und vom Glauben zu reden, sondern darauf, diese Wirklichkeit zu leben und wortlos zu bezeugen. Auch wenn bei einem Besuch das ganze Gespräch nichts "Religiöses" enthält, weiß jeder, wer ich bin und warum ich komme und warum ich da bin. Statt von der Sympathie Gottes für die Menschen zu reden, versuche ich, sie diese Sympathie spüren zu lassen. Das fällt mir in dem Maß leicht, in dem ich sie wirklich liebe. (S. 44 - 46)

Die Aushöhlung und Zerstörung der Lebensgemeinschaft

Jahrhundertelang hatten unsere kleinen Dörfer mit 300, 400, 500 Seelen ihren eigenen Pfarrer. (Bei der Gründung der Diözese Rottenburg im Jahre I828 zum Beispiel kamen auf einen Priester 549 Katholiken; I984 waren es 3049.) Der kannte jede einzelne Familie und jeden einzelnen; der lebte jahrzehntelang alle Höhen und Tiefen des Lebenslaufs seiner Gemeindemitglieder mit; der betrieb womöglich selber seine Landwirtschaft oder seinen Garten und hielt seine Bienen wie alle seine Nachbarn auch. Der war einer von ihnen, wie in unserer Zeit die Arbeiterpriester wieder Mitglieder, Mitmenschen im Arbeitermilieu werden wollten. Verdorben war das freilich (wieder: welche Tragik, Ironie, Strafe der Geschichte!) von der pfarr-herrlichen Attitüde, vom Klerikalismus, der den Pfarrer eher fürchten denn als Mitchristen und Mitmenschen lieben lehrte; war verdorben vom schulmeisterlichen, würdeheischenden Sich-Abheben der Glaubensdiener, über die auch nur kritische Gedanken zu haben schon als sündhaft galt - was doch alles so ganz im Widerspruch zum Evangelium steht.

Aber grundsätzlich glaube ich, gegen alle modernen Modelle von Seelsorge und Laienmitarbeit und Priester-Ersatz und Aktivierung von Mitarbeitern und Kreisen und priesterlosen Gemeinden, daß dies das beste Modell der Seelsorge war und bleiben wird: der Diener und Bruder und Begleiter einer überschaubaren Anzahl von Christen, der für sie da ist, sie kennt und mit ihnen die Gegenwart des Herrn in ihrer Mitte in der Form der verschiedenen Sakramente feiert; der Priester als Mittelpunkt einer menschlich und soziologisch greifbaren Gemeinde und Gemeinschaft. Innerhalb dieser Gemeinschaft können und sollen natürlich dennoch, ja erst recht möglichst viele Mitglieder ihre Berufung zur gegenseitigen "Seelsorge" entdecken, mit der sie grundsätzlich seit ihrer Taufe und Firmung begabt sind. (S. 50, 51)

Im Gespräch mit Brautleuten und in manchen Hochzeitspredigten versuche ich die Einsicht zu wecken, daß die Liebenden in den wunderschönsten Augenblicken ihrer Liebe am ehesten etwas davon erfahren, wie Gott ist, ja daß sie an ihn rühren. Die Reaktion ist meistens Verwunderung und Unverständnis, weil ihnen "Gott" absolut nichts mit ihrer Liebe zu tun zu haben scheint; sie verbinden mit "Gott" eher bestimmte Moralprinzipien und im Fall ihrer Hochzeit den Gedanken an Kirche und ein stimmungsvolles Fest. Der Priester und Seelsorger aber sollte ihnen helfen, ihren engen Horizont und die scheinbare Gott-losigkeit ihrer Liebe aufzubrechen; er sollte Spurensucher, Spurenleser, Spurendeuter Gottes sein.

Auch den Kranken, den Traurigen, den Einsamen, den Enttäuschten sollte er diesen Dienst leisten; sollte ihnen die Einsicht und Erfahrung erschließen, daß durch die Bruchstellen ihres Lebens Gott eindringen möchte; daß er ihre Vordergründigkeit aufknacken möchte (vielleicht ist das der Sinn ihrer Wunden und Schmerzen), damit sie bloß und zugänglich für ihn werden.

Wo Menschen diese Dimension erschlossen wird, können sie auch mit Gewinn die Sakramente feiern als Punkte, an denen das Geheimnis aufleuchtet, sich uns ausdrücklich schenkt, an uns wirkt. Wo hingegen dieser Sinn - der im Alltag erschlossen und gelebt werden muß und folglich auch in einem Alltag des Seelsorgers mit den Menschen, mit denen er die Sakramente feiert - nicht gespürt wird, bleiben die Sakramente sterile Riten, in die man hineingeheimnissen mag, soviel man will: Sie werden unwirksam und nichtssagend bleiben. Alle Lehre von ihrer "objektiven" Wirksamkeit ist im Grunde dann doch eher eine Selbsttäuschung und Selbstbeschwichtigung des Spenders als eine ernst zu nehmende Wirklichkeit. (S.55, 56)

Immer öfter wird es zur Alltagspraxis von Priestern, fünf Minuten vor Beginn der Abhaltung eines Gottesdienstes herbeizueilen und während der letzten Strophe des Schlußlieds schon wieder ins Auto zu springen, um rechtzeitig mit dem Gottesdienst in der Nachbargemeinde anfangen zu können. Im Grunde genommen ist das, als drücke man seinem Kind zwanzig Mark in die Hand und sage: "Da hast du, was du brauchst. Aber bitte, verlang nicht, daß ich Zeit für dich habe." (S. 56)

Die größte Sünde der Kirche unserer Zeit: daß sie die Seelsorge verkümmern läßt

Den folgenden Satz möchte ich gesperrt drucken, weil ich ihn geradezu hinausschreien m"chte in die gegenwärtige Situation: Ich betrachte als die größte Sünde der Kirche in unserer Zeit die Tatsache, daß sie die Seelsorge derart verkümmern läßt.

In einer Zeit, in der die Menschen wie vielleicht nie zuvor jemanden brauchen, der für sie Zeit hat, sich für sie interessiert, ihnen zuhört; in einer Zeit, in der so viele auf einen Menschen warten, der ihnen Güte und Menschenfreundlichkeit vermittelt; in einer Zeit, in der so viele nach mehr suchen als nach all den oberflächlichen und unerfüllenden Errungenschaften der modernen Zivilisation; in einer Zeit, in der eine solche Not herrscht nach Erschließern von Sinn, nach Interpreten der Welt und unseres Daseins, nach Geistlichen, nach Männern und Frauen Gottes - in dieser Zeit bleibt die Kirche gelähmt und verbohrt in jahrhundertelang festgefahrene Normen und Prinzipien über das priesterliche Amt, die durchaus nicht von Anfang an waren und die nicht zur unaufgebbaren Substanz gehören; und sie entwickelt keinerlei Phantasie und Mut, um mehr Arbeiter in die Ernte dieser Zeit zu schicken. Die Priester, die sie hat, zwingt sie zudem immer noch rigoroser in die unmenschliche, weil einseitige, oberflächliche und astige Rolle von Sakramentenspendern hinein, denen die "Laien" und ehrenamtliche Mitarbeiter möglichst alles andere abnehmen sollen und müssen.

Unser "Spezialgebiet" als Priester ist gerade nichts "Spezielles", sondern das ganze Leben: Wir sollen den Menschen eine tiefere Dimension erschließen, die allen ihren Lebensvollzügen eine größere Bewußtheit und Intensität verleiht; die ihrem Leben eine Richtung und ein Ziel gibt; die sie von der Ebene der gnadenlosen Leistungen zur Ebene der geduldigen Gnade und Liebe führt - was ihre besten Fähigkeiten freisetzen und ihr ganzes Leben erneuern und vertiefen kann.

Das aber - gerade weil es nicht nur ein Sektor, eine spezielle Fertigkeit ist - müssen wir zuerst selbst entdecken und leben, oder zumindest müssen wir angefangen haben, es zu entdecken und zu leben. Es ist zuwenig, den Menschen ein System dogmatischer Wahrheiten oder moralischer Prinzipien an die Hand zu geben oder irgend etwas Soziales zu organisieren. Das alles können wahrscheinlich Spezialisten für die jeweiligen Gebiete viel besser als wir. Was wir den Menschen vermitteln sollten, ist eine neue Art zu leben; und wer die nicht selber lebt, kann sie auch nicht anderen schenken. Wie heißt es im Priesterweihe-Ritus? "Imitamini quod tractatis - Ahmt nach, verwirklicht selbst, wovon ihr redet, womit ihr umgeht!" Bei unserem Dienst geht es nicht nur um ein Wissen von letzten Werten, sondern um ein Leben aus diesen letzten Werten und ein Wahrnehmen und Erleben dieser Werte im eigenen Leben. (S. 57 - 59)

Unmerklich ein neuer Klerikalismus

Wenn in der Seelsorge immer mehr "Laien" Dienste übernehmen, die früher die Priester versehen haben, geraten die Priester zusehends in die Position von "Spezialisten", und das führt entgegen allen Behauptungen und trotz aller Abschaffungen von Äußerlichkeiten und ehrenden Formalitäten zu einer neuen Form von Klerikalismus: Der Klerus wird immer kostbarer, weil immer rarer. Die Priester werden auf der Pyramide kirchlicher Dienste immer weiter in die schmale Spitze hinaufgedrückt und bekommen einen immer größeren Seltenheitswert. Zugleich behalten sie juristisch alle Macht in Händen: Ohne Unterschrift des Pfarrers kann in keiner Pfarrei etwas Erhebliches beschlossen und erlassen werden - auch auf materiellem Gebiet nicht -, selbst wenn die Pfarrei praktisch ganz von "Laien" betreut wird und der Pfarrer, verantwortlich für zwei, drei weitere Pfarreien, nur gelegentlich auftaucht, um die strikt ihm vorbehaltenen Sakramente zu spenden und alle vorgefertigten Dokumente zu unterschreiben. (S. 60, 61)

Ein Lösungsvorschlag: mehr Menschen die Priesterweihe erteilen

Meiner Ansicht nach wäre ein Ausweg aus dieser zunehmenden Klerikalisierung paradoxerweise der, möglichst vielen Männern (und warum nicht auch Frauen?), die als Seelsorger taugen, die Priesterweihe zu spenden. Das ist wie bei den Briefmarken: Je höher die Auflage, desto "gewöhnlicher" und verfügbarer werden sie. Wenn es wieder pro 500 Katholiken einen Priester geben würde, wäre ein Priester wieder etwas Normales und Alltägliches. Das täte allen Seiten gut.(s. 63, 64)

Aus: Schellenberger Bernardin, Wider den geistlichen Notstand.
Erfahrungen mit der Seeslorge, Freiburg Basel Wien, 1991