Klare Mehrheit unter Kirchgängern: für Frauen als Priester, gegen Zölibat

"Presse"-Umfrage. Acht von zehn Kirchgängern sind für verheiratete Priester, mehr als zwei Drittel für Priesterinnen. Noch krasser sind die Ergebnisse in der Gesamtbevölkerung.

WIEN. In ihrer Deutlichkeit überaus überraschende Ergebnisse liefert eine "Presse"-Umfrage des Gallup-Instituts zu den "heißen Eisen" der katholischen Kirche. Zusammenfassend läßt sich sagen: Sogar unter den aktiven Katholiken, den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern, kündigen teilweise weit mehr als zwei Drittel dem Papst in strittigen Fragen die Gefolgschaft auf. Allein daran ist zu erkennen, wie tief die Wurzeln für die Krise der katholischen Kirche Österreichs reichen. Und wie schwer ein Ausweg zu finden sein wird.

82 Prozent der Kirchgänger treten dafür ein, verheiratete Männer als Priester zuzulassen. Und immer noch mehr als zwei von drei Gottesdienstbesuchern, nämlich 69 Prozent, befürworten, daß Frauen zu Priestern geweiht werden können.

Am lautesten ist im Katholizismus der Ruf nach mehr Mitbestimmung zu vernehmen. 86 Prozent der aktiven Katholiken bejahen die Frage, ob die einfachen Gläubigen mehr mitbestimmen sollen. Nur 12 Prozent sind dagegen.

Auch die Lehraussagen der Kirche zur Sexualität und der Umgang mit Geschiedenen, die wieder geheiratet haben, finden unter den ständigen Meßbesuchern wenig Begeisterung. 62 Prozent stimmen in der Umfrage der Aussage zu, daß die Kirche ein völlig falsches Verhältnis zur Sexualität hat. Gleichfalls fast zwei Drittel (63 Prozent) verneinen die Frage, ob die Kirche Geschiedenen, die wieder heiraten, weiterhin die Sakramente verweigern soll.

In der Gesamtbevölkerung ist der Gegensatz zur derzeitigen offiziellen katholischen Kirchenlinie und -politik noch weit deutlicher ausgeprägt. 91 Prozent der Österreicher treten gegen den Zölibat, die verpflichtende Ehelosigkeit von Priestern, ein. Auch neun von zehn Katholiken - dabei sind alle Kirchenmitglieder eingeschlossen, auch jene, die fallweise oder überhaupt nie eine Kirche besuchen - sind gleichfalls für verheiratete Priester.

Ein völlig falsches Verhältnis zur Sexualität werfen der Kirche 82 Prozent aller Österreicher vor. Anders als bei den meisten anderen Themen ist dabei ein Unterschied zwischen den Geschlechtern feststellbar. Frauen mißfällt das Verhältnis der Kirche zur Sexualität zu 79 Prozent, Männern hingegen zu 86 Prozent.

Ruf nach Mitbestimmung

Ein deutliches Ost-West-Gefälle ist bei der Zulassung von Frauen für die Priesterweihe zu konstatieren. 96 Prozent der Tiroler und Vorarlberger aber "nur" 72 Prozent der Niederösterreicher und Burgenländer machen sich für Priesterinnen stark; im österreichischen Durchschnitt sind es 80 Prozent. Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind hier nicht auszumachen. Unter den Berufsgruppen ist die Ablehnung bei Pensionisten mit 25 Prozent noch am größten.

Drei von vier Österreichern (74 Prozent) sehen keinen Grund, Geschiedenen, die staatlich wieder geheiratet haben, die Sakramente zu verweigern. Besonders hoch fällt dieser Wert in Wien mit 90 Prozent aus.

Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach einer Verstärkung der Mitbestimmung in der Kirche. 88 Prozent sind dafür, 11 dagegen. Am ausgeprägtesten ist die Forderung wieder in Westösterreich, in Tirol und Vorarlberg mit 92 Prozent, knapp gefolgt von Niederösterreich und dem Burgenland mit 91 Prozent.

Vergleichsweise gespalten sind die Österreicher bei der Frage nach einer kirchlich geschlossenen Ehe auch für Homosexuelle. 54 Prozent lehnen diesen Schritt ab, 43 Prozent befürworten ihn. Unter den Kirchgängern verneinen 64 Prozent diese Frage. Auffällig ist, daß die positive Einstellung zur Homosexuellen-Ehe mit der Ortsgröße abnimmt. 48 Prozent der Bewohner von Orten bis 5000 Seelen und 38 Prozent von Orten über 50.000 Einwohnern treten für die völlige Gleichbehandlung Homosexueller in der Kirche ein.

Die österreichweit repräsentative Umfrage für die "Presse" wurde vom Österreichischen Gallup-Institut im Jänner heurigen Jahres unter 500 Befragten durchgeführt.

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