Die fünf Krisen der Kirche

nur in Österreich?!

Stellungnahme des Gesprächsforums "Kirchenzukunft" der Vorarlberger Bewegung "Kirche sind wir alle" (März/April 1998 Nr. 37)

Es ist ein Hauptziel der katholischen Kirche, glaubwürdig, dialogisch und engagiert christliche Antworten auf zentrale Fragen des Menschen zu geben: auf die Frage nach dem Menschsein und nach Gott. Die Botschaft Jesu Christi ist Mittelpunkt ihres Handelns. Glaubwürdige Verkündigung ist aber nur möglich, wenn die gegenwärtige Krise von allen in ihrem ganzen Ausmaß wahr- und ernstgenommen wird und durch gezielte Reformen gemeinsam gelöst wird. Die Krise der Kirche hat mehrere Dimensionen:

1. Krise der Glaubwürdigkeit

Inner- und außerhalb der Kirche begegnet man Aussagen von bischöflicher oder anderer offizieller Seite zu den aktuellen Problemen ("Fall Groer", Umgang mit den Briefen Bischof Stechers, die ersten beiden Briefe Kardinal Ratzingers) mit großer Skepsis. Es gelingt kaum, ein zukunftsorientiertes Kirchenbild in die Öffentlichkeit zu tragen. Viele Gläubige sind verunsichert: nicht darüber, daß - sondern wie gestritten wird. Viele werden einer unglaubwürdigen und zerstrittenen Kirche gegenüber gleichgültig. Auch viele kirchlich engagierte Laien und Priester sind über die aktuellen Vorgänge entsetzt. Viele schweigen aus Angst, manche aus Resignation: Man könne ohnedies nichts ändern.

2. Krise des Stils

Kirchenmitglieder wie Öffentlichkeit haben ein Recht auf Information und Klarheit. Mit Disziplinierungsmaßnahmen kann man heute weder Konflikte lösen noch Dialoge führen. Auch die kirchenpolitische Geheimdiplomatie ist einer modernen Gesellschaft höchst unangemessen. Mitunter irritiert auch die Härte der Auseinandersetzung.

3. Krise der Autorität

Die Kirche kann die Entwicklung der Laien hin zu mündigen Christen mit autonomem Gewissen nicht ignorieren. Auch lehramtliche Verbote können diese Entwicklung nicht rückgängig machen. Autorität ist gefragt, aber sie muß glaubwürdig sein.

4. Kommunikationskrise

Die Kirche kann sich der medialen Wirklichkeit nicht entziehen. Bischöfe repräsentieren in der Öffentlichkeit "die Kirche". Viele Gläubige sind enttäuscht und verwundert, weil sich ein großer Teil der Bischöfe der Medienöffentlichkeit verweigert und nicht klar Stellung bezieht. Statt dessen dominieren zur Zeit Stellungnahmen, die Dialog und Entwicklung verhindern. Konflikte werden verharmlost oder vorschnell geglättet. Einheit wird gefordert, Vielfalt unterdrückt.

5. Gesellschaftspolitische Krise

Die innerkirchliche Lähmung führt zu rapidem Bedeutungsverlust in gesellschaftspolitischen Fragen. Die Menschen suchen Seelsorge und Religion - aber immer weniger in der Kirche. Ihr droht das Absinken in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit.

Als Trost siehe die erste Lesung des 5. Fastensonntags (Jes. 43, 16-21)