Erfreuliches Signal aus Rom

Noch im Februar vergangenen Jahres warnte Kardinal Joseph Ratzinger, der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, in zwei Geheimbriefen an die Bischöfe Österreichs und Deutschlands (und wohl auch Südtirols) vor dem Kirchenvolksbegehren und äußerte seine Sorge über die rasche Ausbreitung der Initiativen. Er ersuchte, "die Entwicklung dieser Gruppen weiterhin aus der Nähe zu verfolgen und eventuell auch Vorkehrungen zu treffen, damit sich die Gläubigen - und besonders die Priester - nicht aktiv daran beteiligen". Es gäbe eine "Reihe von Forderungen, die zum Teil der kirchlichen Lehre widersprechen" (welche?) "und in offenem Gegensatz zur kirchlichen Ordnung stehen", da sie "ein unannehmbares demokratisches Kirchenmodell" vertreten. Die Plattform "Wir sind Kirche" vom österreichischen Kirchenvolksbegehren sprach daraufhin von einem "traurigen Beweis kirchlicher Machtausübung".

Nun hat es eine positive Kehrtwende und einen erfreulichen Gesinnungswandel in Rom gegeben. Kardinal Ratzinger ließ in einem Brief vom 7.3.98 die österreichischen Bischöfe wissen, daß "keine grundsätzlichen Einwände" gegen eine Beteiligung der Gruppe "Wir sind Kirche" am "Dialog für Österreich" bestünden. Allerdings sei damit keine offizielle kirchliche Anerkennung verbunden. Kardinal Ratzinger betonte auch, "ein Dialog, der dem Heil der Menschen und der Ausbreitung des Reiches Gottes dienen will, wird sich ... allen Menschen guten Willens öffnen und vor keinem wichtigen Anliegen zurückschrecken".

Es ist erfreulich, daß mit diesem Brief das Kirchenvolksbegehren vom Vatikan als Gesprächspartner anerkannt wird. Die Initiativgruppe hofft, daß dieses Signal aus Rom auch Auswirkungen auf Südtirol hat. Z.B. könnte nun im diözesanen Pastoralrat und in den Pfarrgemeinderäten eine echte Auseinandersetzung mit den brennenden Problemen der Kirche stattfinden, Lösungsvorschläge könnten erarbeitet und nach gemeinsamer Beratung und Abstimmung in die Tat umgesetzt werden. Einige Anliegen, wie z.B. die Freistellung des Zölibates oder das Diakonat der Frau, müßten nach Rom weitergeleitet werden, andere, wie z.B. die Mitentscheidung der Laien könnten direkt umgesetzt werden. Hiermit werden neue Perspektiven für den dringend erforderlichen Reformprozeß unter Beteiligung aller Gruppierungen in der Kirche eröffnet.

Robert Hochgruber