Über die Möglichkeiten, Homosexuelle zu "heilen", befragte die Basler Zeitung (BaZ) Udo Rauchfleisch, Professor für klinische Psychologie an der Universität Basel und Autor mehrerer Bücher zum Thema Homosexualität.
BaZ:
Evangelikal-fundamentalistische Gruppierungen behaupten, eine "Heilung"
von Homosexualität sei möglich. Was halten Sie davon?
Professor Udo
Rauchfleisch: Da es sich bei der Homosexualität nicht um eine Krankheit
handelt, gibt es nichts zu heilen. Homosexuelle, bisexuelle und
heterosexuelle Orientierungen sind Ausgänge spezifischer
Entwicklungsverläufe und gleichwertige Varianten des sexuellen Erlebens.
Was halten Sie von der
Theorie, Homosexualität sei ein Erziehungsfehler?
Diese These entbehrt
jeglicher sachlicher Grundlage. Sie zeugt von fachlicher Unkenntnis und
belädt die Eltern in unzulässiger und ganz und gar unchristlicher Weise
mit Schuld.
Wer oder was
entscheidet über die sexuelle Orientierung eines Menschen?
Die
Geschlechtsidentität ist das Produkt verschiedener Bausteine:
Kern-Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und
Geschlechtspartner-Orientierung. Diese Bausteine werden wesentlich durch
Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt, dabei werden in
einem komplizierten Prozeß die "Weichen" für die sexuelle Orientierung
gestellt. Diese Weichenstellung, wie sie auch ausfällt, ist nicht
krankhaft. Die sexuelle Orientierung steht spätestens bei der Pubertät
fest und bleibt bis zum Lebensende relativ stabil. Die Vorstellung,
Schwule seien "weiblich" und Lesben "männlich" ist falsch. Schwule
Männer zweifeln so wenig an ihrer Männlichkeit wie lesbische Frauen an
ihrer Weiblichkeit.
Ist eine Umpolung der
eigenen Sexualität grundsätzlich möglich?
Eine grundsätzliche
Änderung der sexuellen Orientierung ist nicht möglich. Derartige
Versuche sind unmenschlich, da sie die Betreffenden zwingen, an ihren
innersten Empfindungen vorbeizuleben. Eine "Umpolung" kann höchstens zu
einer vordergründigen Anpassung führen.
Was halten sie von den
Bekenntnissen "geheilter" Schwuler?
Sie zeigen, daß
Menschen unter dem Einfluß einer Bezugsgruppe mit bestimmten
ideologischen Positionen und unter dem Druck verinnerlichter Gebote sich
bis zu einem gewissen Grad anpassen können, aber nur um den Preis der
Selbstverleugnung.
Was können die Folgen
dieser Selbstverleugnung sein?
Schwerste
Schuldgefühle, Selbstzweifel, die bis zu psychischen und physischen
Zusammenbrüchen, ja zum Suizid führen können, wenn die mühsam errichtete
Fassade zusammenbricht: Häufig verstößt die Bezugsgruppe die
"Gescheiterten" und entzieht ihnen im Moment des Zusammenbruchs auch die
so nötige Achtung und Anerkennung.
Wieso lassen sich
Homosexuelle durch solche Heilsversprechen ködern?
In unserer
Gesellschaft wird Homosexualität nach wie vor negativ beurteilt.
Diejenigen Schwulen und Lesben, welche die negativen Bilder
verinnerlicht haben, hassen und verachten sich selbst. Die
"Heilungsgruppen" nutzen diese eingepflanzten Schuldgefühle für ihre
Zwecke in unchristlicher Weise aus.
Aus der Baseler Zeitung von 23. Juni 1995