Zum Wirken des Heiligen Geistes

Josef Gummerer: Buchvorstellung

Josef Gummerer, Das Wirken des Heiligen Geistes. Gottesurteil,
MATZNELLER EDITIONS, Bozen, 1997, Lire 80.000.

Als negativ ist jede Auffassung abgewehrt, die im Heiligen Geist etwas von allen und allem Abgehobenes sieht, das niemand spüren, fühlen, wahrnehmen, erkennen kann. Es scheidet auch jede Auffassung aus, die meint, der Heilige Geist macht sich nur zu allen "Heiligen Zeiten" (höchst selten also) und bei wenigen Personen eindeutig bemerkbar.

Positiv gesehen, ist das Wesen des Geistes so gefaßt: Der Geist ist derjenige oder dasjenige, das sich gleichsam in jeder Sekunde in allen und allem am zartesten regt.

Auf dieses leiseste Sich-regen des Geistes antworten wir stets durch handelndes Tun und Lassen, indem wir das so Vernommene deuten. All das wird am deutlichsten während eines Gespräches zwischen zwei Personen. Blitzschnell erkennen wir dabei oft, wo wer steht.

Am kürzesten gefaßt, läßt sich sagen: Durch den Geist stehen wir stets - selbst wissend - vor der Wahl. Wenngleich er uns alles Mögliche andeutet, müssen wir selbst deuten, was das für uns bedeutet, damit wir wissen, was wir zu tun gedenken. Mit anderen Worten läßt sich daher sagen: Durch seine unhörbare, lautlose Stimme sind wir stets aufgerufen, urteilend zu entscheiden. Wiederholt stehen wir vor Scheidewegen.

Denn: Die erste durch den Geist ermöglichte Tatsache besteht darin, daß dieses oder jenes ohne eigenes Zutun als Erinnerung erwacht. (Siehe auch "die Kraft des Gedächtnisses", Augustinus). Das kann im Wachzustand geschehen, aber auch im Schlaf in der Form des Traumes.

Die zweite durch den Geist ermöglichte Tatsache besteht darin, daß ich als denkendes Wesen urteilend entscheiden kann, wie lange ich bei diesem oder jenem in der Erinnerung Erwachten verweile.

Die dritte durch den Geist ermöglichte Tatsache besteht darin, daß ich, nachdem dieses oder jenes erwacht ist, da oder dort verweilend, damit Zusammenhängendes suchen kann. Dabei kann ich das eine bevorzugen, das andere abdrängen, ausblenden, übergehen usw. Ich kann dabei aber auch ganz neue , bisher noch nie dagewesene Dinge konstruieren, entdecken, gestalten, schaffen, formen, kreieren, schöpfen, erschaffen.

Die vierte durch den Geist ermöglichte Tatsache besteht darin, daß ich die verschiedenen Dinge - je nachdem in welchen Zusammenhängen, zu welcher Zeit, an welchem Ort sie auftreten - deuten kann. Ja deuten muß. Denn: Je nachdem, was mir was bedeutet, entscheide ich urteilend und wähle so den weiteren Lebensweg. Auf diese Weise bestimmt einerseits der Geist meinen Lebensweg, indem er mir "nur" dieses oder jenes aufzeigt. Andererseits bestimme ich ganz bestimmt, indem ich das Aufgezeigte in einer ganz bestimmten Weise aufgreife, wähle, entscheide, handle.

Diese vierte durch den Geist ermöglichte Tatsache, das Deuten, ist eigentlich die schwierigste, das Schwierigste des Personseins überhaupt. Denn: Hier ist das angesiedelt, was wir die Stimme oder den Ruf des Gewissens nennen. Die Unterscheidung der "Geister". Das Orakel. Die Eingeweideschau. Die Traumdeutung. Die Zeichen der Zeit und dergleichen.


Josef Gummerer (Magister der Theologie, Wien, gebürtig aus Tramin) geht ganz anders vor als die bisherigen Theologen. Er bringt fließendes Leben zum Ausdruck, eine Quelle neuen Wissens, wohl dem wahren Traditionswissen, keineswegs einer starren theologischen oder philosophischen Tradition entnommen. Mehr als "neuer Wein in alten Schläuchen" oder zumindest ein Wein, dessen sprühende Kraft niemals nur einer vorgegebenen Formel gleichzustellen wäre, welche nur die Ausgangselemente wiedergeben würde. Ethik, Theologie, Mystik, Exegese sind Gummerer nicht unbekannt: er ist immer dabei, diesbezüglich Spuren, Zeichen, Hinweise weiterzugeben.

Eugen Galasso