Auf Einladung der OEW hielt Richard Rohr, ein amerikanischer Franziskaner, am 20. 1. 1998 im Kolpinghaus in Bozen einen Vortrag zu dem oben genannten Thema. Moderiert wurde die Veranstaltung von Frau Isabella Engl, übersetzt hat Frau Marisa Vallazza.
Im folgenden will ich versuchen, die Aussagen von Pater Rohr summarisch wiederzugeben:
Die
Glaubensauffassung und Glaubenspraxis der westlichen Welt ist im
wesentlichen eine vom Kapitalismus geprägte. Das bedeutet, daß wir dazu
neigen, Glaubensgüter und religiöse Übungen wie Kapital zu akkumulieren.
Darüber hinaus verwechseln wir diese kapitalistische Ideologie und
Vorgangsweise mit einem Zuwachs an Moral und persönlicher Integrität.
Dieser stetige Anhäufungprozeß wird von einem extremen Sicherheits- und
Kontrollbedürfnis begleitet, was in der römisch-katholischen Kirche
sowohl eine starke Dogmatisierung als auch eine strenge moralische
Reglementierung hervorgerufen hat.
Richard Rohr präsentiert 4 Kategorien des menschlichen Lebensvollzuges: 1. needs - Lebensgrundlagen, Lebensnotwendigkeiten - 2. wants - Wünsche - 3. preferences - Vorlieben, die Wahlmöglichkeiten voraussetzen und 4. luxuries - Luxusgüter
Die Bewohner der reichen Länder leben vorwiegend in den zwei letztgenannten Kategorien und damit völlig am Evangelium vorbei, das ausdrücklich den bedürftigen Menschen zum Symbol für das Reich Gottes erhebt. Denn Jesus hat uns weder Reichtum noch existentielle Sicherheit versprochen. Es ist eine Kernaussage des Neuen Testamentes, daß der Slumbewohner dem spirituellen Geist des Evangeliums nähersteht als der Begüterte. Deshalb verstehen heute die Menschen der südlichen Hemisphäre die "Frohe Botschaft" besser als wir, die wir dem Konsumzwang unterliegen. Dabei fehlt es uns nicht an historischen Vorbildern. So waren beispielsweise die Juden dazu angehalten, angesichts des Sabbathjahres, das in regelmäßigen Abständen eine Zeit der Brache vorsah, das Loslassen von materiellen Gütern und Sicherheiten schrittweise einzuüben. Und auch der heilige Franciskus von Assisi, einer der großen spirituellen Lehrmeister des Christentums, verkörperte diese Bedürftigkeit geradezu bildhaft: "Ich trage Lumpen an meinem Körper, damit man erkennen kann, wie es in mir aussieht." Erst die Erkenntnis unserer Mangelhaftigkeit formt uns zu solidarischen Gemeinschaften und die Akzeptanz unserer seelischen Zerbrechlichkeit öffnet uns auf Gott hin. Das mystische Paradoxon "der Fülle in der Leere" erfährt nur derjenige, der sich nicht durch vielerlei Geschäftigkeiten und Besitztümer ablenken läßt.
Eine in Sicherheits- und Begriffstheologie gefangene reiche Kirche kann das Loslassen, also das Freigeben ihrer Mitglieder, nicht praktizieren und auf diese Weise zu keiner befreienden Spiritualität gelangen. Sie ist skeptisch und vorsichtig innerhalb ihrer hierarchischen Struktur, gegenüber bestimmten Personengruppen, wie gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen, oder in ihrem Verhältnis zu anderen Konfessionen. So ähnelt sie dem "Verlorenen Sohn", der sich nicht vorstellen kann, daß das Fest für ihn bereitet ist. Gott selbst aber ist Gnade und Mitgefühl. Jesus sagte nicht diktatorisch: "Das ist mein Befehl!" sondern "Mein Gebot ist Liebe". In dieser Liebe werden wir unnötigen Ballast abwerfen und somit echte Spiritualität erfahren können.
Elisabeth Agnoli