Literarische Seite
Spiritualität des Herzens - Für ein erneuertes Christentum
Georg Reider
Ende März dieses Jahres veröffentlichte der Köselverlag in München ein Buch des Kalterer Franziskaners P. Georg Reider, Leiter des Zentrums Tau, mit dem Titel „Spiritualität des Herzens. Für ein erneuertes Christentum“. Im Interview stellt P. Georg das Buch in seinen Grundgedanken vor.
Bücher zu spirituellen Themen gibt es massenhaft; es ist deshalb sicher nicht leicht, auf diesem Feld eigenes Profil durchscheinen zu lassen. Was ist das Besondere an deinem Buch bzw. was möchtest du dem Leser vermitteln?
P. Georg: Ohne zu be- oder gar zu verurteilen, kann man sagen, dass sehr viele Bücher, die mit dem allerorts bemühten „Megatrend Spiritualität“ mitschwimmen, weder einer religiösen Tradition verpflichtet sind, noch methodisch oder theologisch einheitlich aufgebaut sind. Das Anliegen dieses Buches ist, die große und reiche Tradition des Christlichen mit der Sehnsucht des heutigen Menschen, die sich vor allem in der spirituellen Suche ausdrückt, zu verbinden. Das scheint unter anderem das Dilemma der Großkirchen zu sein, dass es so schwer ist, die kostbare Tradition in die moderne Kultur zu integrieren ohne zu wissen wo Erinnerung oder Vision, Tradition oder Aufbruch angesagt sind. Meine Idee mit diesen Überlegungen ist, dass diese Entscheidungen nicht nur auf der Ebene des Denkens, des Glaubens, des Dogmas und der Moral zu fällen sind, sondern von der Innerlichkeit, von der Erwägung im Herzen, von der Innerung begleitet und unterstützt werden muss.
Gibt es für die „Spiritualität des Herzens“ einen besonderen Weg oder stellt sie einen eigenen Zugang zum Christlichen her?
P. Georg: Ja, der Gedanke der hinter diesen Ideen steht, ist jener der Integration der spirituellen Sehnsucht und des Glaubens auf einer höheren oder tieferen Ebene des Bewusstseins. Die Texte aus den verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen, welche für die Meditation eines vorgeschlagenen Weges angeboten werden, sollen eine Hilfe sein, die Gedanken, welche die Kapitel einleiten, aus der ganzheitlichen, spirituellen oder herzbezogenen Seite wahrzunehmen. Der Reichtum und die Tiefe des Christlichen erschließen sich nicht nur im Denken, im Glauben und im Für - Wahr – Halten, sondern auch und vor allem im Spüren, im Wahrnehmen im Ergriffenwerden und im Zulassen dieser Erfahrungen. Diese Schiene hat es in der christlichen Tradition immer gegeben und wurde ganz besonders von der Mystik und vor allem auch von der franziskanischen Theologie vertreten.
Das Buch ist auch kritisch und enthält Gedanken, die auch anecken werden. Welche Menschen möchtest du mit deinen Überlegungen ansprechen?
P. Georg: Ich möchte hier einen Abschnitt aus der Einführung anbringen: „Das Buch ist für jene geschrieben, welche offen, aber nicht verletzend, kritisch aber nicht zynisch, ehrlich aber nicht überheblich über die religiöse und gesellschaftliche Situation aus der Perspektive des Spirituellen nachdenken möchten: es will spirituelle christliche Tradition aus der Erstarrung des Kopfes, der Gewohnheiten und der Denkmuster befreien; es will den Versuch unternehmen, jenseits von Dogma, Moral, Tradition und Schrift, über religiöse Erfahrung nachzudenken und diese zu hinterfragen; es will anregen, aus dieser besonderen Perspektive auf das zu schauen, was uns im Alltag begegnet; es will eine Wirklichkeit bewusst machen, die uns alle verbindet, nach der wir uns alle sehnen und worüber weder Institution noch Gurus, weder Tradition noch Erleuchtete verfügen können“.
Ich glaube, dass mit diesen Gedanken die Motive dafür angesprochen sind, warum im Buch auch kritisch Stellung genommen wird, zu dem was sich in den Kirchen gerade tut, und wie diese Kritik ausgesprochen wird: nicht verletzend, nicht zynisch und nicht überheblich. Und ich hoffe, dass für diese Form der Kritik Raum ist und dass ich diesen Kriterien gerecht bleiben kann.
Danke für das Gespräch.
Das Interview führte Georg Pernter und wurde erstmals veröffentlicht in „tau_zeit“, 5. März 2008.
Spiritualität des Herzens. Für ein erneuertes Christentum. Georg Reider, Vorwort von Willigis Jäger, 2008, 208 S., Kösel Verlag, 18.10 €