Die Geschichte der „Anderen“

"Verbrannte Visionen? Erinnerungsorte der Täufer in Tirol" ist der erste Band der neuen Reihe "Die Geschichte der ‚Anderen'“. Sie stellt Problemfelder in den Mittelpunkt, die sich in der Vergangenheit aus dem Neben- und Miteinander verschiedener sozialer Gruppen ergeben haben. Mehr oder weniger restriktiv bestimmte die Mehrheit, was als Norm zu definieren sei -und wer die "Anderen" waren. Die Ideen und Lebensentwürfe der "Anderen" wurden nur in unterschiedlichem Maß geduldet, stellten jedoch oft das Potenzial für die Weiterentwicklung der Gesellschaft dar.

Publikationen in der Reihe "Die Geschichte der Anderen'" thematisieren die Spannungen und Konflikte zwischen dem Selbstverständnis und der Fremdbeurteilung gesellschaftlicher Gruppen – wechselweise aus dem Blickwinkel der Mehr- und Minderheiten.

„Erinnerungsorte der Täufer in Tirol“ – ein Begleiter zu Plätzen, Orten und Gegenden, deren täuferische Geschichte im Gedächtnis der heutigen TirolerInnen nördlich und südlich des Brenners meist in Vergessenheit geraten ist. Entdecken Sie die Geschichte Tirols von einer vielleicht etwas unbekannteren Seite. Dabei stellen sich auch Fragen für das Heute: Wie gehen wir mit Andersdenkenden um? Wie offen können wir für neue Ideen sein?

 


da ich ein religioeser mensch bin
trete ich aus der katholischen kirche aus

Das Schreiben Norbert C. Kasers anlässlich seines Austritts aus der kath. Kirche.

damit verzichte ich auf die verabreichung der sakramente auf alle kirchlichen funktionen wie trauung oder katholisches begraebnis
leider kann ich nicht »enttauft« oder »entfirmt« werden aber fuer mich ist das schon geschehen & wird mir in ewigkeit als mal Eurer unwuerdigkeit haften bleiben.

  1. meine politische meinung erlaubt es mir nicht im verband der kirche zu bleiben & eine scheinehe wie soviele andere will ich nicht mehr aufrechterhalten.
  2. die haltung der kirche zu kapital & geld schlechthin ist mir ein greuel. die prinzipien der armut sind kaum von jemandem so hochgelobt & vergewaltigt worden wie von der kirche. ich bin auf keinen fall bereit meinen glauben an GOTT zu bezahlen. ER ist unbestechlich & seine irdischen vertreter sollten es ebenso sein. glauben wird gelebt & nicht durch maestende bezahlung von unter- & oberhirten & ihren teilweise wahnwitzigen projekten ( = alles zur groeßeren ehre gottes wie Ihr zu sagen beliebt) geleistet.
  3. reden will ich gar nicht von der glorreichen liebelosigkeit der kirche & von ihrem scheinheiligen engagement im sozialen.
  4. die verbohrte pruederie der kirche ist ein weiterer punkt. die allgegenwart dieses organs ist mir zuwider   mir genuegt es wenn unser HERR & Gottueberall ist. er hat es nicht noetig mit dem zeigefinger in das intimste des menschen zu fahren & verdorrung & verdammung anzudrohen, doch betrifft die aergerliche einmischung der kirche nicht nur den bereich der sexualitaet: wenn man die kirche ernst nimmt wie sie es wuenscht ist man mehr oder minder der meinungs- & gedankenfreiheit beraubt man bleibt zeitlebens ein unbeholfenes kind an der fuehrenden hand einer unendlich lieblosen gewalttaetigen großen mutter.

diese vier punkte duerften genuegen.

mein austritt ist unwiderruflich

versuchen Sie nicht mir nachzulaufen oder mich zu belaestigen wie das verirrte schaf  -  lassen Sie meinetwegen Ihre ewig opfernde lammfromme herde ja auch nur keinen augenblick lang unbehuetet.

mit keinerlei hochachtung

ps. sollten formfehler in diesem schreiben sein die meinen austritt unmoeglich machen teilen Sie es mir schriftlich mit. gegen eine veroeffentlichung meines austrittes im pfarrblatt oder an der kirchentafel habe ich nichts einzuwenden. Sie werden es wohl unterlassen denn wie ich die kirche kenne berichtet sie unfehlbar nur gutes von sich.

(bruneck, 6. april 1976) norbert c. kaser, prosa, gesammelte werke – band 2, 1992², Haymon Verlag, S. 163