Was tut die Seele, wenn sie baumelt?
Eine kleine Anleitung für zwischendurch von Martha Heizer
Ich sitze am See, auf einem kleinen Bootssteg, und lasse meine Füße ins Wasser baumeln. Sehr angenehm, diese Kühle. Mit meinen Zehen spritze ich ein bisschen herum und schaue den Tropfen nach.
Beim Radfahren komme ich zu einer Brücke. Ich bleibe stehen und hänge meine Arme über das Geländer. Da entspannen sich meine Schultern und die Hände. Meine Arme baumeln eine Weile hin und her - dann ist das Weiterfahren wieder müheloser.
Ich schalte den Computer aus. Die Arbeit ist erledigt, die nächste kann ein bisschen warten. Ich lehne mich zurück und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Verschiedenes fällt mir ein, viele lose Enden baumeln in meinem Kopf herum. Jetzt muss ich nichts entscheiden, nichts weiterdenken, nichts überlegen. Ein kleiner, wohltuender Freiraum.
Und wenn ich meine Seele baumeln lasse? Wie fühlt sich das an? Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben.
OHNE DRUCK
Es gibt ein paar Voraussetzungen, die helfen, damit das überhaupt möglich wird: zunächst die körperlichen, also keine Verkrampfungen, keine Schmerzen, nicht zu große Müdigkeit; dann die geistigen: große Probleme lassen auch die Seele nicht aus. Wenn gedankliche Arbeit ansteht, damit wichtige Aufgaben erfüllt werden können, eventuell sogar noch unter Zeitdruck, wird die Seele nicht baumeln. Geht gar nicht. Und die Gefühle müssen mitspielen: Ein großer Kummer, aber auch überschäumende Freude sind hinderlich, ganz zu schweigen von Zorn und Wut. Ein ausgeglichener Gefühlshaushalt hilft. Ganz wesentlich ist auch Zeit. Nicht zufällig wird damit schnell Urlaub und Freizeit und Erholung assoziiert und manche Werbeträger haben sich das schon zunutze gemacht. Nur große Profis schaffen es auch ohne alldem.
RICHTUNGSLOSES SEIN
»Seele baumeln lassen« ist für mich nicht gleichbedeutend mit Beten oder Meditieren. Beten ist ausgerichtet, wendet sich an Gott, ist Zwiesprache, hat oft einen Inhalt, ist ein Tun. Auch Meditation ist eine spirituelle Praxis, die man einübt. Sie hat ein Ziel, »innere Leere« und / oder das Gefühl des Eins-Seins und / oder die Erleuchtung. Als Schmalspurvariante ist sie auch einfach eine Methode zur Entspannung.
GELASSENHEIT UND ZEIT
Was also tut die Seele, wenn sie baumelt? Ich kann aus meiner Erfahrung dazu nur zwei Dinge sagen:
Sie freut sich. In großer Gelassenheit und mit viel Zeit erfreut sie sich am Augenblick und beobachtet. Klassische Beispiele dafür sind die Blumen am Wegrand, ein kleiner Käfer, der über ein Blatt kriecht, ein spielendes Kind, die dahinziehenden Wolken. Es kann auch das aufmerksame Hören auf einen bellenden Hund oder ein Flugzeug sein, das Riechen am Jasminstrauch oder der exotischen Düfte in einem orientalischen Basar. Aber auch die Warteschlange an der Kasse, eine Baustelle, ein Bahnhof bieten Gelegenheit zum freundlich-freudigen Achten auf den Augenblick. Es braucht kein besonderes Ambiente, keine spezielle Gelegenheit.
Der zweite Aspekt führt mich zurück zu den Beispielen am Anfang: Ich kann mit meinen Füßen baumeln, wenn ich gut sitze. Die Arme über das Brückengeländer zu hängen setzt eine stabile Konstruktion voraus. Meine Gedanken ohne Richtung kreisen zu lassen geht dann, wenn ich eine klare Struktur im Hinterkopf habe, anhand derer ich dann wieder arbeiten kann.
HEIMAT HABEN
Mit der Seele ist es ähnlich. Sie ist umso freier beweglich, je besser sie verankert ist. Wenn sie weiß, wo sie hingehört, wo sie aufgefangen und beheimatet ist, kann sie sich in der nötigen Gelassenheit und mit großer Aufmerksamkeit jenen Beobachtungen widmen, die ihr auf den ersten Blick gar nichts bringen. Sie fällt damit nicht ins Leere. Sie verliert nicht die grundsätzliche Orientierung.
Mir geht es so, dass ich mich bei diesem Nichtstun, dem bloßen Schauen, sehr freuen kann über Gottes Schöpfung. Und damit verankert sich meine Seele, indem sie baumelt.
welt der frau, Zeitschrift der Kath. Frauenbewegung Österreichs, 7-8, 2007