Watten verbindet die Völker
Der gebürtige Marokkaner Abdelouahel El Abchi schrieb ein Buch über Watten und Runda
Tageszeitung: Herr Abdelouahed El Abchi, ….
Abdelouahed El Abchi: Die Südtiroler sagen einfach Abdel zu mir.
Sie sagen, die gegenseitigen Vorbehalte zwischen Südtirolern und Ausländern lassen sich am einfachsten bei einer Partie Watten aus der Welt schaffen? Wie kommen Sie drauf?
Das ist die Erfahrung, die ich hier in Südtirol gemacht habe. Ich arbeite als Mediator in den Schulen und Jugendzentren, am Nachmittag leite ich das Spielhaus des VKE. Am Anfang haben die Kinder mich gemieden. Ich habe schnell gemerkt, dass ich den ersten Schritt machen und etwas mit ihnen machen muss, was sie schon kennen. So habe ich angefangen, Mau Mau zu spielen. Das ist ganz ähnlich wie Futak in Marokko, und das hat sie neugierig gemacht. Von da an haben sie mich sofort akzeptiert, ich bin ein ganz normaler Spielpartner für sie geworden.
Die Sprache ist kein Problem?
Nicht mehr. Ich habe extra einen Kurs für Bozner Dialekt besucht, um mit ihnen zu reden.
Von Mau Mau sind Sie zum Watten gekommen?
Ja, ich wollte auch mit erwachsenen Südtirolern in Kontakt kommen und habe mir von einem Südtiroler Freund das Watten beibringen lassen. Sogar ein Buch über das Watten habe ich gelesen. Dann bin ich herumgefahren und habe in den Gasthäusern die Leute angeredet, ob sie mit mir watten wollen.
Wie war die Reaktion?
Es war komisch für die Leute, dass sie ein Ausländer anredet. Sie sind aber auch spontan, und wenn sie einmal mit dir spielen, behandeln sie dich wie einen normalen Watter und laden dich zum Trinken ein. Es gibt keine Grenzen mehr. Beim Watten bist du entweder ein guter oder ein schlechter Spieler, einfach ein Mensch.
Dann geht's nur mehr ums Watten?
Ja, und sobald der Bann einmal gebrochen ist, reden sie auch darüber, wie sie die Ausländer sehen und was sie für Ängste vor unserer Religion haben. Sie sind neugierig und wollen wissen, was die Ausländer machen, wie sie leben, was sie in ihrer Freizeit machen.
Was muss ein guter Watter können?
Es braucht Konzentration, Harmonie mit dem Partner, und man muss schlau sein. Die Südtiroler sagen, man müsse ein Lauser sein. Manchmal geht es auch heftig zu, und es wird gestritten, wenn einer eine falsche Karte wirft, aber es bleibt alles im freundschaftlichen Rahmen. Wir lernen beim Spiel, unsere Emotionen zu kontrollieren.
Und jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben, wie die Leute durch Watten zusammenkommen können?
Das Buch soll eine Hilfe sein für die Nordafrikaner und für die Einheimischen. Unser Leben ist auch ein Spiel, jeder spielt eine Rolle, wir müssen nur offen und ohne Angst miteinander spielen.
Welche Ängste haben die Südtiroler?
Die tiefste Angst gibt es vor unserer Religion. Sie fragen mich, warum der Islam so streng sei oder ob es stimme, dass man eine Frau töten könne, wenn sie einen Mann verlasse. Man spürt, dass die Menschen viele Informationen aus den Medien haben, mit denen sie nicht umgehen können. Sie wollen wissen, warum unsere Frauen zuhause bleiben müssten oder wie wir unsere Freizeit verbrächten. Ein Thema ist auch, dass die Ausländer das Südtiroler Sozialsystem ausnützten. Manche glauben sogar, dass es in Südtirol 30 Prozent Ausländer gibt. Alle diese Gespräche laufen während des Spiels ab.
Was antworten Sie Ihnen?
Abdelouahed El Abchi. Zwei Kulturen ins Spiel bringen: Watten, Runda, Mau Mau und Futak. Ein Beitrag zur Integration. Deutsch-Arabische Ausgabe mit Watt- und Rundakarten. Edition Raetia 2008, 96 Seiten, 9.90 €.
Dass ich das nicht so erlebt habe. Alle Religionen wollen uns helfen, besser zu leben und miteinander zusammenzuleben.
Ist das nicht manchmal verletzend für Sie?
Nein, sie wollen mich nicht verletzen, im Gegenteil, sie erzählen mir ihre Ängste, um die Wahrheit zu erfahren. Es gibt natürlich Vorurteile wie: Alle Marrocchini sind Drogenhändler und die Albaner gewalttätig. Vor allem bei den Kindern merkt man, dass sie oft zuhause pauschale Urteile über Ausländer zu hören bekommen. Andererseits haben auch die ausländischen Jugendlichen oft Probleme mit ihren Eltern, die gar nicht wollen, dass ihre Kinder mit Südtirolern zusammenkommen.
Wie begegnen Ihnen die Südtiroler?
Die Südtiroler sind sehr offen, auch wenn man das auf der Straße nicht so merkt. Man muss nur mit ihnen reden, und dazu braucht es die Sprache. Sobald sie sehen, dass du ihre Sprache sprichst, ist die Angst vorbei. Ich rede Dialekt mit ihnen, das allein öffnet einem schon die Türen.
Kennen Sie einen Sarner Witz?
Natürlich. Wissen Sie, wie viele Sarner Witze es gibt? Hundert? Nein! Keinen einzigen, sie sind alle wahr. Mir persönlich gefallen am besten die Witze, die etwas über die Gesellschaft aussagen.
Heinrich Schwazer, Tagezeitung am Sonntag, 24.2.2008, Nr. 40
Einerseits halten es ungefähr 80 bis 85 Prozent unserer getauften (und gefirmten?) Christinnen und Christen gar nicht für notwendig, sich zu ihrem Glauben durch eine regelmäßige Sonntagspraxis zu bekennen (das Judentum konnte die Diaspora nur durch das Festhalten am Sabbat überstehen!), andererseits wird immer auf die Gefahr Islam für das Christentum hingewiesen. Wenn das Christentum hierzulande sich selbst immer mehr aushöhlt, dann durch Werteverfall und durch die verkrusteten Strukturen einer Amtskirche, die vielen Menschen keine Heimat mehr bietet. Ich denke hier besonders an wiederverheiratete Geschiedene, an Homosexuelle, aber auch an den Umgang mit verheirateten Priestern und dass im Jahre 2008 für Frauen noch nicht einmal der Weg zum Diakonat offen steht. Muslime können für uns Christen eine Bereicherung sein, wenn wir uns auf den Weg machen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Trennendes beiderseitig zu respektieren. Sehen wir doch zuerst einmal den Menschen mit seinen Gefühlen und seiner Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe, bevor wir uns Vorurteile zu eigen machen, die von Misstrauen und Angst zeugen. Mahatma Gandhi hat folgendermaßen gebetet: "So bete ich, dass jeder Christ ein besserer Christ, jeder Moslem ein besserer Moslem, jeder Hindu ein besserer Hindu werde!" Diesen Gebetsgedanken bewege ich gerne in meinem Herzen.
Annegret Steck, Naturns
„Auch Muslime dürfen Religion wechseln“
Muslime, die ihre Religion wechseln, dürfen (auf Erden) nicht bestraft werden: Das stellt der ägyptische Großmufti Ali Gomaa in einem Rechtsgutachten fest; nur Gott können die Sünde der Abkehr vom Glauben „am Tag des Jüngsten Gerichts“ bestrafen. Das Gutachten des Großmuftis hat großes Gewicht, weil er der Vorsitzende des Dar-al-Ifta ist, der seit 1875 bestehenden offiziellen ägyptischen Behörde, die islamische Rechtsgutachten erstellt. Beim ägyptischen Höchstgericht war der Fall von zwölf Kopten anhängig, die nach dem Übertritt zum Islam zum Christentum zurückkehren möchten.
Dolomiten, 4./5.8.2007