Terrorismus ist ein Gerechtigkeitsproblem

Hildegard Goss-MayrDie österreichische Schriftstellerin und Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr über Gewaltfreiheit in Zeiten des Terrorismus, Globalisierung und Europas Rolle zwischen den Großmächten.

Tageszeitung: Frau Goss-Mayr, wir wissen, dass Gewalt keine Lösung ist, sondern immer nur zu neuer Gewalt führt. Doch es scheint unmöglich, diese Spirale zu durchbrechen.

Hildegard Goss-Mayr: Das liegt, glaube ich, an einer alten Tradition, die immer noch wirksam ist und die sagt, dass Gewalt eine Lösung darstellt. Man muss aber auch sehen, dass sich im 20. Jahrhundert, einem Jahrhundert größter Gewaltanwendung in Europa, Gewaltfreiheit als Alternative aufgetan hat.

Durch den Terrorismus bricht jetzt eine ganz neue Gewaltfront auf.

Das ist sicher richtig, und es ist bislang noch nicht gelungen, überzeugend darzulegen, dass der Terrorismus nur überwunden werden kann, wenn man an die Wurzeln des Problems geht. Der Terrorismus hat seinen Ausgangspunkt in ungelösten Konflikten oder in der Minderbewertung von ethnischen Gruppen. Wenn man diese Fragen nicht umfassend angeht, kann man sie nicht lösen.

Darf ein Land wie Amerika sich nicht mit Gewalt gegen den Terrorismus wehren?

Ich glaube, dass es keine Lösung ist, sich mit Gewalt dagegen zu wehren. Das sieht man im Irak, wo der Terrorismus seit der Militärintervention stark angewachsen ist. Es braucht Gerechtigkeit für alle ethnischen und nationalen Gruppen, um das in den Griff zu bekommen.

Ist der Terror ein Gerechtigkeitsproblem?

Er ist grundlegend ein Gerechtigkeitsproblem und ein Problem des politischen Willens, Konflikte zu lösen. Wir müssen zuerst die Frage nach den Wurzeln klären, und dabei kommt man häufig zur Frage der Verteilung der Ressourcen.

Die himmelschreiend ungleich verteilt sind.

Ja. Die Großmächte und große Unternehmen legen ihre Hand auf die Ressourcen, dabei geht es um Profit und Macht, aber nicht um die Lösung der Probleme der Bevölkerung.

Macht Ihnen dieses neoliberale Denken im Rahmen der Globalisierung derzeit am meisten Sorgen?

Das macht mir große Sorgen, und diese globalen Zusammenhänge muss man bei jeder Analyse im Auge behalten. Es geht darum, die Bevölkerung zu ermächtigen, ihre Grundrechte aus der Kraft der Gewaltfreiheit zu verteidigen und das auch zu organisieren.

Darf man sich mit Gewalt gegen Gewalt wehren?

Wir in der gewaltfreien Bewegung bejahen auf jeden Fall die Selbstverteidigung. Die Frage ist, mit welchen Mitteln. Für ein gutes Ziel müssen gute Mittel eingesetzt werden. Das gelingt nicht immer, aber es geht um das Bemühen darum. Kinder und Jugendliche müssen in der Schule einüben, dass diese Kraft in ihnen liegt. Dann erlernen wir eine viel größere Bereitschaft zur gewaltfreien Konfliktbewältigung innerhalb und außerhalb unserer Nationen.

Es gibt eine biologistische Theorie, wonach Gewalt in unseren Genen verankert sei.

Das ist, glaube ich, Nonsens. Wir tragen die Möglichkeit zu beiden Verhaltensweisen in uns. Es kommt sehr darauf an, in welchem Umfeld Menschen herangebildet werden und welche Erfahrungen sie machen.

Glauben Sie, dass Europa gefeit ist vor neuen Gewaltausbrüchen?

Die Europäische Union stellt einen sehr positiven Schritt dar insofern es dadurch zu keinen militärischen Auseinandersetzungen mehr kommen wird. Das ist eine Friedensinitiative erstaunlichen Ausmaßes. Unser Vorschlag ist, dass Europa sich nicht neuerlich zu einer militärischen Großmacht aufrüstet, sondern aufgrund seiner ethischen Prinzipien zu einer Frieden schaffenden Kraft in der Welt wird. Dazu bräuchte es in Brüssel eine Kommission, die präventiv gewaltfreie Wege vorschlägt und unterstützt. Europa könnte sich die Verpflichtung geben, Konflikte im großen Maßstab gewaltfrei zu lösen.

Interview: Heinrich Schwazer