Seelsorgseinheiten - Tod der Seelsorge
Zwischenruf eines verheirateten Priesters
Wie so oft in Südtirol meint man wieder einmal etwas erfunden zu haben was das Problem des Priestermangels beheben kann: die so genannten Seelsorgseinheiten, ein Begriff der in anderen Diözesen Europas schon längst bekannt ist und deren Auswirkungen bereits die ersten Früchte gebracht hat: in vielen Pfarreien den Tod der Seelsorge.
Beim Gespräch am Runden Tisch im RAI-Sender Bozen am 8.04.08, nach der Tagesschau, konnte man den Eindruck gewinnen als wären die anwesenden Seelsorger nahezu froh, dass es an Priesternachwuchs mangle, denn nun hätten die Priester endlich Zeit für spirituelle und echt seelsorgliche Belange, während der Rest von Laien übernommen würde. Nichts mehr als Augenauswischerei, denn wer bereits zwei und mehrere Pfarreien zu betreuen hat, weiß davon ein Lied zu singen: er wird noch mehr zum Manager, zum Autofahrer, zu einem Menschen der nirgends anzutreffen ist außer per Telefon/Handy, wenn’s gut geht. Aber vor allem wird er noch mehr dem Stress erliegen, heilloser Überforderung ausgeliefert sein und immer mehr an Depressionen leiden, weil er sich dazu noch Gewissensbisse macht, wenn der Laden nicht so läuft wie er laufen sollte.
Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass die kirchlichen Oberhirten -auch unser Bischof- gemeinsam mit Rom, stur an Prinzipien festhalten, während sie mit ansehen wie sich ihre untergebenen Mitbrüder zu Tode raggern und die Seelsorge in den Pfarreien stirbt, wo der Priester nicht mehr oder nur selten hinkommt. Aber auch für dieses Desaster hat man bereits eine Antwort gefunden: die Menschen von heute glauben nicht mehr. Ob die Behaupter dieser These Recht haben, wird sich in etlichen Jahren zeigen, wenn die sog. Sekten auch in Südtirol immer mehr Einzug halten und an Boden gewinnen werden. In Brasilien beklagen die Bischöfe bereits den Übertritt vieler Katholikinnen und Katholiken zu anderen Religionsgemeinschaften: die Sekten haben dort zurzeit Hochkonjunktur. Der Mensch braucht einen Halt, der ihm Hoffnung gibt. Diesen Halt suchen sich auch hierzulande bereits jetzt schon viele Südtirolerinnen und Südtiroler außerhalb der katholischen Kirche. Sicher hat das auch damit zu tun, dass die Kirchenführung der letzten Jahrzehnte stark bemüht ist, alte Traditionen und menschenfeindliche Gesetze aufrecht zu erhalten (Problematiken wie die der Geschiedenen und Wiederverheirateten, der Schwulen und Lesben, der Frauen ...) und jede Öffnung nach außen abblocken, ganz gegen den Sinn des II Vat. Konzils.
Aber einer der Hauptgründe liegt sicher darin, dass sich die Kirche immer mehr einigelt, abschirmt aus Angst vor Neuem, vor allem wenn neue Ideen von Unten, vom Volk kommen, das, leider Gottes, nach wie vor nicht ernst genommen wird. Denn nach wie vor werden für das Volk Gottes Entscheidungen getroffen, aber nie mit dem Volk, im Gegenteil: Initiativen die vom Volk kommen, werden ignoriert oder boykottiert. Wie ist der Großteil des Klerus und der Bischöfe mit dem Kirchenvolksbegehren im In- und Ausland umgegangen? Beschämend! Damals hat man über 18.000 Unterschriften in Südtirol, weltweit ca. 2,5 Mill. den Rücken gekehrt. Getan als ob nichts gewesen wäre. Heute sucht man für die Seelsorgseinheiten mündige Christinnen und Christen, die bereit sind Aufgaben zu übernehmen. Armutszeugnis das von selber spricht.
Bei dieser Kirchenvolksbefragung wurden bereits Vorschläge zur teilweisen Behebung des Priestermangels erbracht, aber diese werden bis heute vehement tabuisiert, obwohl sie reelle Alternativen sind: Aufhebung des Pflichtzölibates, Zulassung der verheirateten Priester zur Ausführung ihres Weihepriestertums, Zulassung der Frau zum Weihepriestertum, Weihe von viri probati und mulieres probatae.
Werden diese Themen angesprochen, bekommt man immer noch die Zauberworte „noch zu früh“ zu hören. Kann sein, dass es noch zu früh ist, denn bekanntlich kann was Neues erst dann entstehen, wenn das Alte völlig abgerissen oder nicht mehr existenzfähig ist.
Vielleicht müssen sich der Rest der Seelsorger kaputt arbeiten und die Seminare noch leerer werden, vielleicht muss es so weit kommen bis nicht einmal mehr genügend Seelsorger zur Verfügung stehen für die paar Seelsorgseinheiten. Vielleicht ist es dann nicht mehr zu früh Entscheidungen zu treffen die längst schon fällig gewesen wären.
Aber Gott hat einen langen Atem. Er kann warten. Die Kirche aber könnte viel Leid und Schaden verhindern, wenn sie endlich mehr auf Gott und die Zeichen der Zeit hören würde.
Alfons Messner, nicht laisierter, verheirateter Priester mit drei Kindern, Bozen