Ausweg aus der Krise oder Bankrotterklärung?

Seelsorgseinheiten kritisch betrachtet

80 Seelsorgseinheiten werden in den kommenden Jahren in unserer Diözese entstehen. Ein Pfarrer wird mehrere Pfarreien betreuen müssen. Pfarrgemeinderäte sollen zusammengelegt werden, Laien verstärkt Aufgaben übernehmen. Mit dieser Neuorganisation der Seelsorge versucht die Diözesanleitung auf den immer akuter werdenden Priestermangel zu reagieren. Aber was ist daran neu? Weisen die Seelsorgseinheiten in die Zukunft oder darauf hin, dass das gegenwärtige priesterzentrierte Pfarrmodell bankrott ist? Meiner Meinung nach beinhalten sie nichts Neues. Sie verwalten nur den Mangel an Priestern und machen deutlich, dass die Kirchenleitung von der priesterzentrierten Ausrichtung der Seelsorge nicht abgehen möchte. „Sie wollen nichts ‚auslassen‘“, meinte eine engagierte Gläubige mir gegenüber.

Die Seelsorge ist mit den im Dienst befindlichen Priestern nicht mehr aufrechtzuerhalten. So legt man Pfarreien und Pfarrgemeinderäte eben zusammen, damit die Sakramente gespendet und die Verwaltung organisiert werden kann. Der Pfarrer wird zu einem Sakramentenautomaten degradiert. Die eigentliche Seelsorge, d.h. Gespräch und Begleitung der Gläubigen, Unterstützung der MitarbeiterInnen, Koordinierung der kirchl. Vereine und ihre Animation, geistliche Anregung auch der Verantwortlichen in einer Ortschaft (d.h. was Werte und Lebensfragen betrifft) ist kaum mehr möglich. Die Pfarreien verlieren damit teilweise ihre religiöse und soziale Aufgabe, die sie in der Gesellschaft innehaben und für die sie die Gesellschaft (über den Staat) auch finanziert.

Die Laien sollen in dieser Notsituation einspringen, um verschiedene Aufgaben in der Leitung und Verwaltung der Pfarrei zu übernehmen. Aber haben sie das bisher nicht auch schon getan? Und waren sie bisher nicht auch schon der Notnagel, die Lückenbüßer / großteils Lückenbüßerinnen? Zugleich wird auf der Ebene der Weltkirche immer wieder versucht, die so genannte eigentliche Aufgabe der Priester von der der Laien abzugrenzen. Z.B. dürfen Laien nach wie vor nicht predigen (Homilie bei Eucharistiefeier), eigentlich sollten sie auch nicht Kommunion austeilen, geschweige denn, eine Pfarrei leiten. Dies ist laut Kirchenrecht Priestern vorbehalten. In der gegenwärtigen Situation können die Aufgaben des Priesters von der  der Laien allerdings nicht mehr klar voneinander abgegrenzt werden.

Gegen pastorale Neuordnungen in Deutschland

Die pastoralen Neuordnungen tragen den Bedürfnissen der Gläubigen in keiner Weise Rechnung und vernachlässigen in sträflicher Weise die Gemeindebildung. Die Priester sind und werden mit den zunehmenden Leitungsaufgaben immer mehr überfordert. Die Ehrenamtlichen sind, wenn ihnen keine wirkliche Verantwortung und Kompetenz übertragen wird, zu Recht immer weniger bereit, als LückenbüßerInnen tätig zu sein.

Statt struktureller Scheinlösungen, die an der Kirchenbasis sehr umstritten sind, fordert „Wir sind Kirche“ die Bischöfe erneut auf, die Eigenverantwortung der Gemeinden nach dem Subsidiaritätsprinzip zu stärken. Alle Strukturmodelle, die auf den Priester als Gemeindeleiter fixiert sind, zerstören die christlichen Gemeinden in ihrem theologischen Kern. Damit die gemeinsame Mahlfeier Mittelpunkt gemeindlichen Lebens bleiben kann, müssen neue liturgische Formen entwickelt werden, die nicht auf das Amt fixiert sind.

Wir sind Kirche Deutschland,
Herbst 2007

Auch in dieser Notsituation wird den Laien keine oder nur sehr geringe Entscheidungsbefugnis zugestanden. Teamgeist mussten die Pfarrer früher nicht lernen und tun sich damit heute verständlicherweise schwer. Deshalb haben kritisch eingestellte Laien vielfach die kirchlichen Gremien verlassen, sind still ausgezogen. In einer demokratisch orientierten Gesellschaft ist das hierarchische Kirchenmodell nicht mehr verständlich. „Es ist ihnen (gemeint war die Kirchenleitung) nicht mehr zu helfen“, sagte kürzlich ein bisher engagierter Mitarbeiter einer Pfarrei zu mir, denn die Laien werden nicht entsprechend gewürdigt.

Die Seelsorgseinheiten stellen keine Lösung dar. Das machte sogar der ehem. Univ.-Professor Johann Gamberoni (Dolomiten vom 24./25.4.08) mit Erfahrungen aus Deutschland und unter Hinweis auf den gescheiterten Versuch des Pfarrverbandes Brixen Süd deutlich. Die Seelsorgseinheiten sollen meiner Einschätzung nach nur das priesterzentrierte Kirchenmodell weiterführen. Wie lange wird das noch möglich sein? Schon im Rahmen des II. Vat. Konzils hätte der Pflichtzölibat freigestellt werden müssen, dann hätte sich die Kirche der Gesellschaft entsprechend weiterentwickelt, vermutlich auch Frauen dieselben Rechte eingeräumt. Das wäre ein langsamer Prozess gewesen, der der Kirchenentwicklung gut getan hätte. Da der konziliare Erneuerungsprozess durch die Päpste gestoppt, ja umgedreht wurde, ist es zur heute fatalen Situation gekommen.

Manche Pfarrer fühlen sich heute aber auch wichtiger, wenn sie mehrere Pfarreien übernehmen. Damit steigen sie im Wert. Und die Kirchenleitung kann sagen, wie notwendig die Pfarrer sind. Viele Gläubige stimmen dem auch zu. Leider werden noch viele Priester ihren Dienst aufgeben müssen (Pension oder Tod), bis die heutige Kirchenstruktur nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Dann muss die Kirchenleitung Reformen zulassen, sonst gefährdet sie den Fortbestand der Kirche.

Ein Pfarrer in Südtirol weigert sich allerdings, mehrere Pfarreien zu übernehmen. Es ist Johann Oberhammer, tätig in der Pfarrei Taisten. Warum müssen die Priester für die Versäumnisse und die Sturheit der Kirchenleitung büßen, fragt er sich. Er sei voll ausgelastet mit einer Pfarrei. Wenn doch diese Haltung viele Priester an den Tag legen würden!
Die Zusammenarbeit innerhalb der Pfarreien einer Seelsorgseinheit wird sicherlich viele Schwierigkeiten hervorrufen. Wer hat wann eine Eucharistiefeier, wo lebt der Pfarrer, was soll er tun und wo ist er überfordert? Wie wird ein gemeinsamer Pfarrgemeinderat errichtet und wie soll er funktionieren? Wie können die Bedürfnisse und Eigenheiten jeder Pfarrei berücksichtigt werden? Und alles nur, weil zu wenige Pfarrer sind. Da werden sich viele Pfarrmitglieder von der Diözesanleitung in Stich gelassen fühlen und austreten, denn auftreten ist in der Kirche kaum möglich. Die Initiativgruppe hat es 12 Jahre lang getan und ist auf eine Gummiwand  gestoßen. Die durchaus auch praktikablen Vorschläge wurden nicht einmal gemeinsam besprochen.

In Oberösterreich gibt es bereits einige Pfarreien, die die derzeitige Situation öffentlich kritisiert haben und sich in einem Brief an den Bischof Alois Schwarz gewandt haben. Er musste versprechen, das Anliegen in der Bischofskonferenz vorzubringen. Auch in Südtirol sollten die Pfarreien nicht einfach die gegenwärtige Situation als unabwendbares Schicksal hinnehmen, sondern in einigen Punkten gegensteuern.

Äußerst bedauerlich ist, dass die Kirchenleitung auf allen Ebenen die Schuld für den Priestermangel den Gläubigen in die Schuhe zu schieben versucht. Der Glaube habe nachgelassen, die Familien hätten weniger Kinder, die Mitarbeit gehe zurück. Dem ist nicht so. Religion und Spiritualität sind heute höher im Kurs als noch vor Jahrzehnten. Was aber abgenommen hat, ist die kirchliche Bindung, die Kirchlichkeit insgesamt. Religion und Kirche werden nicht mehr als Einheit gesehen. Und die Bedingungen für die Mitarbeit in der Kirche entsprechen nicht mehr den heutigen Erfordernissen. Darauf muss die Kirchenleitung eine Antwort geben, nicht klagen und ein schlechtes Gewissen einreden. Kurzfristige Erleichterung und langfristige Alternativen zu den Seelsorgseinheiten stellt Annegret Steck in ihrem Beitrag dar.

Carlo Carretto, der italienische geistliche Schriftsteller – gest. 1988, sprach sich für ein neues Modell von Seelsorge aus. Die Pfarreien sollten in ihren Reihen nach geeigneten Kandidaten (verheiratet oder nicht) für den Dienst des Priesters suchen, diese sollten dem Bischof vorgeschlagen werden, anschließend eine Ausbildung erhalten und geweiht werden, um dann die Eucharistie feiern und die Sakramente spenden zu können. Die verschiedenen Dienste in den Pfarreien, auch die Leitung, sollten auf alle aufgeteilt und ehrenamtlich übernommen werden. Die Pfarreien sollten weitgehend selbständig und eigenverantwortlich handeln. Vieles von diesem Vorschlag könnte umgesetzt werden, wenn das Kirchenmodell radikal vom Volk Gottes her verstanden würde.

Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Zollitsch hat öffentlich erklärt, er stehe zwar hinter dem Zölibat, es sei theologisch aber für die Priester nicht notwendig. Ein Hinweis, dass in der Kirchenhierarchie langsam ein Umdenken stattfindet? Wenn die nötigen Reformen nicht bald kommen, kommen sie zu spät. Dann wird es wohl eine ganz neue Form von Kirche geben. Vielleicht entspricht nur das dem Geist Gottes!

Robert Hochgruber