Literarische Seite

Leseprobe

„Im dreizehnten Monat seines Lebens begann er Grimassen zu schneiden und wie ein Tier zu stöhnen, in jagender Hast zu atmen und auf eine noch nie da gewesene Art zu keuchen. Sein großer Schädel hing schwer wie ein Kürbis an seinem dünnen Hals. Seine breite Stirn fächelte und furchte sich kreuz und quer wie ein zerknittertes Pergament. Seine Beine waren gekrümmt und ohne Leben wie zwei hölzerne Bögen. Seine dürren Ärmchen zappelten und zuckten. Lächerliche Laute stammelte sein Mund. Bekam er einen Anfall, so nahm man ihn aus der Wiege und schüttelte ihn ordentlich, bis sein Angesicht bläulich wurde und der Atem ihm beinahe verging.“ (S. 11)

"Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden. Hab keine Furcht und geh nach Haus! [...] Verlass deinen Sohn nicht, auch wenn er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir, er kommt aus dir, wie ein gesundes Kind auch." (Seite 17ff)

Joseph Roth: Hiob, dtv,
ISBN 3423130202,
187 Seiten, ca. 8 Euro

HIOB

JOSEPH ROTH

Der Roman spielt in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im jiddischen Schtetl Zuchnow in Südwestrussland. Die Eheleute Mendel und Deborah Singer führen ein karges aber recht zufriedenes Leben. Mendel Singer, die Hauptfigur, ist wie der biblische Hiob fromm, rechtschaffen und gottesfürchtig. Sein Leben als Jude, Vater und Lehrer läuft in gleichmäßigen Bahnen dahin. Plötzlich trifft ihn eine Kette von Schicksalsschlägen, an deren Beginn die Geburt seines vierten und letzten Kindes steht: sein Sohn Menuchim („der Tröster“) ist Epileptiker, ein „Krüppel“, der bis zu seinem 10. Lebensjahr nur das Wort „Mama“ sagen kann. Jahre später geht Mendels ältester Sohn Jonas zum Militär. Den jüngeren Sohn Schemarjah kann die Mutter Deborah mit ihrem heimlich Ersparten vom Militärdienst freikaufen. Ihm gelingt die Flucht nach Amerika, wo er es schnell zu einem gewissen Wohlstand bringt. Als die Tochter Mirjam beginnt, sich mit den verhassten Kosaken herumzutreiben, beschließen die Eltern, der Einladung von Schemarjah, „Sam“, zu folgen und nach Amerika auszuwandern. Menuchim jedoch muss zurück bleiben ...

„Hiob – Roman eines einfachen Mannes“, der bedeutendste Roman Joseph Roths (1894-1939), erschien 1930 in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Roth thematisiert das Hiob-Schicksal der Millionen, die an der damaligen Zeit zu leiden hatten, an einem exemplarischen Fall. In Mendel Singer spiegelt sich das Schicksal des jüdischen Volkes und teilweise auch Roths eigenes Leben. Der jüdische Autor flieht vor dem Naziregime nach Paris, wo er 1939 stirbt. Seine Frau wird 1940 von den Nazis als Geisteskranke ermordet.

Entgegen  der biblischen Vorlage („seinesgleichen nicht auf Erden“) wird die Gewöhnlichkeit Mendels betont. Er ist weder wohlhabend noch argumentativ begabt, seiner Frau und seinen Kindern gegenüber verhält er sich unsensibel und blind, sogar seinen kranken Sohn lässt er im Stich. Entsprechend der biblischen Hiobsgeschichte bekommt auch Mendel Besuch von seinen Freunden, als er ganz unten angekommen ist. Sie machen ihm Vorwürfe, lassen ihn aber nicht allein: „Vielleicht, lieber Mendel, hast du Gottes Pläne zu stören versucht, weil du Menuchim zurückgelassen hast? Ein kranker Sohn war dir beschieden, und ihr habt getan, als wäre es ein böser Sohn.“ Wie in der biblischen Josephsgeschichte wird der Jüngste eine geradezu messianische Rolle einnehmen und das lange erwartete Wunder wird bei der Seder-Feier zum Pessachfest geschehen. Auch sprachlich erinnert der Roman an die biblische Sprache: einfach, schlicht, bilderreich, formelhaft wiederkehrende Sätze, poetisch und teilweise doppeldeutig.

„Hiob“ ist ein Roman, der auch über 75 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt hat: die Theodizee-Frage und die Hoffnung auf Erlösung beschäftigt wohl jeden Menschen.

Gelesen und empfohlen von Lisa Hammer