Kein Weltethos ohne Welteros

Gedankensplitter 150 Jahre nachdem Sigmund Freud geboren wurde

Der Theologe Hans Küng schreibt in seinem Weltethos: „Kein Überleben ohne Weltethos - kein Weltfriede ohne Religionsfriede.“ In einem anderen Artikel schreibt Hans Küng: „Der Zölibat ist unmenschlich.“

Als wichtige Ergänzung ist hinzuzufügen: Kein Weltethos ohne Welteros. Wir erleben zurzeit in Rom einen Personenkult ohnegleichen. Der verstorbene Papst soll möglichst sofort heilig gesprochen werden, der deutsche Papst, wie sollte es plötzlich anders sein, bleibt der er war. Er liebt die großen Gesten, die äußere klerikale Pracht, die Selbstdarstellung, die Männerkirche als Manifestation des letzten autoritären hierarchischen Herrschaftssystems. Die Hoffnungen auf tief greifende Reformen, die für ein Weltethos unerlässlich wären, bleiben ein schöner Traum. Es sind keine neuen Ansätze feststellbar, kein Ausweg aus der Kirchenkrise erkennbar. Insgesamt ist die Tätigkeit des neuen Papstes äußerst widersprüchlich. Einerseits beschreibt er in seiner Enzyklika mit tiefsinnigen Worten die Liebe, andrerseits begegnet er Menschen mit konkreten Problemen z. B. den geschiedenen Wiederverheirateten und den Homosexuellen mit großer Härte. Gerade die deutschen Katholiken, einmal seine klarsichtigen Kritiker, genießen es, einen deutschen Papst zu haben.

In dieser Zeit ist es tröstlich zu hören, dass es Theologen gibt, die den verstorbenen Papst entglorifizieren wie der Schweizer Erwin Koller (Stiftung für Freiheit in der Kirche) und hochrangige Theologen wie Eugen Drewermann und Perry Schmidt- Leucke, die beide aus der Kirche ausgetreten sind und durch ihr literarisches Werk ausführlich dazu Stellung beziehen.

150 Jahre nachdem Sigmund Freud geboren wurde und mit seiner Psychoanalyse die Gesellschaft wachrüttelte, indem er ihr den Spiegel vorhielt, spricht ein Theologe wie Zulehner im Zusammenhang mit der Caritas-Enzyklika davon, dass es für zölibatäre Menschen darum geht, Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit positiv zu integrieren. So und ähnlich wird heute noch der Zölibat verteidigt und gerechtfertigt. Sigmund Freud würde sich vermutlich im Grab umdrehen. Warum wohl haben die Nazis seine Bücher verbrannt?!

Die Geschlechtsproblematik als die größte schöpfungsgeschichtliche Wirklichkeit ist für jeden Menschen die zentrale Lebensproblematik und hat größte Auswirkungen sowohl im Innern wie im Äußern, sie ist Kern und Angelpunkt auch des politischen Denkens und Handelns. Glückliche Menschen sind weniger habgierig, sind offener für die politische Dimension sozialer Zusammenhänge.

In allen Religionen hat die Stellung der Frau eine zentrale Bedeutung. In der katholischen Kirche leider immer noch in abgehobener, negativer Weise für die Frau mit konkreten Benachteiligungen. In Zeiten der Globalisierung scheinen alle Züge für die längst anstehenden Erneuerungen abgefahren. Es gibt einen neuen Krieg Reich gegen Arm. Die katholische Kirche hat einmal den Nationalsozialismus, anders als seine Opfer, gleichgeschaltet mühelos überlebt, sie leistet auch heute keinen Widerstand gegen die Entmenschlichung der Arbeitswelt, gegen die Ausgrenzung und Verarmung großer Bevölkerungsteile. Mit erhabenen Worten und liturgischen Massenveranstaltungen ist Unrecht nicht abwendbar, weder früher noch heute.

Maria Möhrle, Peiting BRD

P.S.: Zum Schluss eine kurze Anmerkung zum Artikel von Abbe Pierre auf S.6 der Impulse 1 / 2006: Ich bin überzeugt, Sexualität wie sie gemeint und von Gott geschenkt ist, ist viel mehr. Es geht nicht darum, gelegentlich nachzugeben oder dem sexuellen Verlangen keine Wurzeln schlagen zu lassen. Es geht vielmehr darum, dem Eros seine Bestimmung zurückzugeben und ihn als die große Gegenkraft des Seins in seiner ganzen Tragweite zu erkennen (auch politisch) und positiv zu leben und erleben.