Sich aufeinander ab-stimmen
Direkte Demokratie
Unsere Menschenwirklichkeit entsteht aus dem Beziehungsgeflecht von Individuen, die mehr oder weniger frei, aber jedenfalls alle mit dem Streben nach Freiheit, danach suchen, sich in dieser im Grunde grundsätzlich offenen, bewegten und lebendigen Welt einzurichten.
![]() Die Volksbefragten - Ein Bild der Künstlerin Sybille Kramer-Tezzele, Montan |
Was die Quantenphysiker in der Begrenztheit unserer Sprache beschreiben als ein hoch-korreliertes Zappeln der Quanten auf der Suche nach Herstellung von Gleichgewichtslagen, das ist beim Menschen die Suche danach, sich mit anderen Menschen in der Wirklichkeit zu orientieren und sich aufeinander abzustimmen. Das geschieht sprachlich, mit Hilfe der Stimme. Es geht um ein ständiges, um ein unablässiges Sich-Abstimmen untereinander und auf die Um- und Mitwelt.
Abstimmen: das ist die Zauberformel der Zukunft. Ich meine damit jetzt nicht das Abstimmen an der Urne, ich meine ein Sich-aufeinander-Abstimmen, wie es die Musiker eines Orchesters zu tun pflegen, um gemeinsam ein Musikstück zur eigenen und zur Freude der Zuhörer zu spielen. Sich aufeinander abstimmen, um gemeinsam auf eine zivile, erfreuliche und freundliche Art miteinander spielen zu können. Das setzt vollständige Freiheit des einzelnen voraus, ein jeder/jede von uns muss in seiner/ihrer Eigenart frei schwingen können und das verlangt vollkommene Gleichberechtigung im Zusammenspiel. Und wenn sie jetzt dagegen halten wollen, dass es dabei nötig ist, dass jemand den Ton angibt, dann stimme ich zu (stimme ich zu) unter der Bedingung, dass dieses Recht abwechselnd von allen ausgeübt werden können muss. Jeder muss eine Gesetzesinitiative, einen Vorschlag zur Volksabstimmung bringen können, wenn es ihm gelingt zu zeigen, dass sein Vorschlag ausreichend viele MitbürgerInnen interessiert.
Wenn Menschen nicht die Möglichkeit haben, sich friedlich aufeinander abzustimmen, sich zu verständigen über das was richtig ist und gelten soll, dann kommt es zu Dissonanzen, dann kommt es letztlich zu katastrophalen Brüchen in der Geschichte. Je feiner der Abstimmungsprozess möglich ist, desto sanfter die Entwicklung. Abstimmen heißt, unter sich verändernden Bedingungen sich immer wieder neu einrichten (so wie die Instrumente neu gestimmt werden müssen, wenn sich die klimatischen Verhältnisse, Temperatur und Luftfeuchtigkeit ändern).
Natürlich ist die Volksabstimmung eine Form dieses Abstimmens, natürlich eine hervorragende, aber eher eine grobe, im Vergleich zu den täglichen Feinabstimmungen, die über die zwischenmenschliche und die öffentliche Kommunikation stattfinden. Das Ab-stimmen geschieht sprachlich, mit der Stimme. „Wir reden, um uns zu einigen“. Diese Wirklichkeit beschreibt Jürgen Habermas mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns: Wahrheit, Gültigkeit, Vernunft ist nicht, sondern sie entsteht sprachlich im Raum der öffentlichen Kommunikation, die nach vernünftigen Sprachregeln erfolgt. Vernunft stellt sich her in Verständigungsprozessen. Je mehr und vielfältiger an dieser öffentlichen Kommunikation sich beteiligen, desto differenzierter wird gesehen, was ist. „Es ist der Sprachgebrauch – also ein Geschehen, nicht etwas als außer- oder überirdische Substanz Gedachtes – nimmt die Position des Absoluten in der Geschichte ein.“ (Zeit-Artikel über J. Habermas, 2001/236).
Volks-ab-stimmungen – hören Sie dieses Wort jetzt anders?! Das Volk stimmt sich aufeinander ab - Volksabstimmungen sind der Adel dieses Abstimmungsprozesses, sie sind die immer wieder zu erneuernde Ratifizierung eines in der Feinabstimmung wachsenden Übereinkommens zwischen uns Menschen. Ohne Volksabstimmungen bleiben diese Prozesse in der Gesellschaft unsichtbar und unbewusst und die Menschen unvergleichlich orientierungsloser. Mit Volksabstimmungen erhält dieses untereinander Sich-Abstimmen eine neue Qualität. Wir kennen sie als Streitkultur. Volksabstimmungen sind bei uns weitgehend etwas Unbekanntes, deshalb wundert es nicht, dass wir absolut keine Streitkultur haben. Die Schweizer stimmen sich mittlerweile seit 130 Jahren aufeinander ab und haben die schöne und wertvolle Fähigkeit entwickelt, öffentlich kontrovers auf sachliche und faire Weise zu streiten.
Stephan Lausch
Vortrag bei den Cusanus-Akademiegesprächen am 26.11.05