"Nein, das akzeptiere ich nicht"

Frauen und Gewalt

Über Frauen im Krieg, die dunkle Seite der Religion und ein Mädchen, das alles wissen will. Fragen an die Ärztin Monika Hauser.

PUBLIK-FORUM: Frau Dr. Hauser, wie kam es, dass das Leid der vergewaltigten Frauen im Bosnien Krieg anfangs der 90er Jahre Sie derart berührt hat, dass Sie ihnen helfen wollten?

Monika HauserMONIKA HAUSER: Als Assistenzärztin in Essen hatte ich damals - im Herbst 1992 - bereits viel von der Gewalt an Frauen in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen. Als ich dann den Stern-Bericht über die Massenvergewaltigungen in Bosnien gelesen habe, der nur so von Blut und Tränen troff, war ich wütend, dass diese Frauen auch noch von der Presse benutzt wurden. Ich fragte bei internationalen Hilfsorganisationen: „Macht ihr was für die Frauen?“ Und überall hieß es: „Nein. Muslimischen Frauen, die geschändet sind, kann man nicht helfen.“ Meine Empörung über das Geschehen in Bosnien, über die Berichterstattung und über die Antwort der internationalen Hilfsgemeinschaft: „Da kann man nichts machen“ -hat mich dazu gebracht zu sagen: „Nein, das akzeptiere ich nicht. Ich fahre da hin und sehe, was ich tun kann.“

PUBLIK-FORUM: Warum haben Sie das alles so persönlich genommen?

HAUSER: Das hängt natürlich mit der Massivität der Situation in Bosnien zusammen. Aber auch mit meiner eigenen Biografie. Beides kam zusammen.

PUBLIK-FORUM: Haben Sie selbst sexualisierte Gewalt erlebt?

HAUSER: Nein; meine biografischen Wurzeln reichen tiefer. Als Kind während der Schulferien bei meinen Verwandten in Südtirol ist mir sehr früh klar geworden, dass die Großmutter sexualisierte Gewalt erlebt hat; dass auch meine Mutter und die Tanten sexuelle Übergriffe erlebt haben. Mir wurde klar, dass das in meinem Umfeld völlig normale Realität war.

PUBLIK-FORUM: Diese Frauen haben doch nicht vor Ihnen darüber gesprochen?

HAUSER: Das ist ein Trauma, das über die Generationen weitergegeben wird - mit einer speziellen Botschaft an die Mädchen, die Töchter. Es sind immer wieder Bemerkungen gefallen. Und ich habe früh starke Sensoren gehabt, das alles wahrzunehmen. Aber solche Erfahrungen habe nicht nur ich. Wenn ich mit meinen Kolleginnen spreche, wenn ich bei Veranstaltungen bin, berichten ja viele Frauen davon. Und ich benenne das hier so klar, um diesem Schweigen endlich eine Grenze zu setzen und zu sagen: Das ist in vielen Familien vorgekommen und kommt heute noch vor. Ich benenne es als eine meiner biografischen Wurzeln, die ich reflektiert habe, und als eines meiner Motivationsfelder. Es ist wichtig, dass wir bei unserer Arbeit - wo manchmal Ohnmacht und Allmacht eng mit einander verknüpft sind - genau nachdenken, warum wir sie tun. Sonst kommen wir schnell in die Nähe eines Helfer-Syndroms und zwingen den Leuten etwas auf, weil wir meinen, wir wüssten, was richtig ist.

PUBLIK-FORUM: Was verbindet Sie persönlich mit dem Thema Krieg?

HAUSER: Meine Familie kommt aus Südtirol, wo sich die Deutschsprachigen Anfang der 40er Jahre entscheiden mussten, ob sie im faschistischen Italien bleiben oder „heim“ ins Deutsche Reich gehen wollten. Meine Großeltern sind 1941 nach Bayern ausgewandert. Großvater wurde sofort zum Russland Feldzug eingezogen, und Großmutter stand da mit vier kleinen Kindern. Das heißt: Auch meine Mutter hat den Krieg erlebt; erst 1946 ist die Familie wieder zurückgegangen. Als ich ein Kind war, hat sie mir oft erzählt, wie sie als Zehn- oder Elfjährige mit dem kleinen Bruder auf der Wiese Gänse gehütet hat und die amerikanischen Tiefflieger kamen. Wie sie gehungert und wie sie die Bombennächte im Schutzkeller verbracht haben. Ich habe das alles in mich aufgesogen wie ein Schwamm und habe mit elf oder zwölf Jahren begonnen, mich extrem mit Krieg zu beschäftigen. Ich wollte alles ganz genau wissen - vermutlich, um dem Schrecken zu begegnen, der da irgendwie im Raum stand.

PUBLIK-FORUM: Ist das ein Grundzug von Ihnen geworden? Dass Sie den Schrecken und die Gräuel, die andere erlebt haben, so nahe an sich heranlassen?

HAUSER: Ja. Die nächste wichtige Etappe war dann, dass ich mit 17 in ein Kibbuz nach Israel ging, wo ich fünf Wochen bei der Birnen- und Avocado-Ernte verbracht habe. Da waren sehr viele internationale Jugendliche, was für mich - aus meinem eher engen Schweizer Zuhause kommend - toll war: abends am Swimmingpool zusammen zu sitzen und Musik zu machen. Dort habe ich schon am ersten Abend zwei ältere Frauen kennen gelernt, die mich zu sich einluden. Sie begannen von Auschwitz zu erzählen, das sie beide überlebt hatten. In den folgenden fünf Wochen haben sie mir vieles erzählt. Also, das heißt doch: Ich habe „das Andere“ gesucht - und es hat mich immer gefunden. In der Klinik haben mich später die Frauen gefunden, die HIV-positiv waren, vergewaltigt worden sind, schwanger waren und Unterstützung brauchten. Mich hat das Leid der Frauen immer gefunden, und ich habe starke Sensoren gehabt, es zu sehen. Schon früh wollte ich sehr konkret helfen, deshalb bin ich Ärztin geworden. Heute verstehe ich meine Arbeit politisch: Ich will helfen und verändern, beides gehört für mich zusammen.

PUBLIK-FORUM: Wie kommt es zu so viel schrecklicher Gewalt gegen Frauen?

HAUSER: Männer üben Gewalt auf Frauen aus, weil sie innerhalb der patriarchalen Strukturen so die Möglichkeit der Kontrolle über sie erlangen. Aber wir müssen auch eine Konzession machen an das, was Hannah Arendt „die Banalität des Bösen“ genannt hat. Ich sehe beides miteinander verstrickt, wenn es um die Gewalt gegen Frauen geht. Es gibt sie, diese grundlose Bösartigkeit vor der wir fassungslos stehen und die man nicht erklären kann. Ich denke zum Beispiel an einen ugandischen Mann, der jahrelang im Krieg war und sich dann als Söldner einer paramilitärischen Gruppierung anschloss, weil er es nun ganz leicht hatte, junge Mädchen zu versklaven und mit ihnen zu machen was er wollte.

PUBLIK-FORUM: Haben Sie keine Angst, von der ständigen Gegenwart der Gewalt in Ihrem Leben psychisch erdrückt zu werden?

HAUSER: Je mehr ich sehe, wie alles zusammenhängt desto weniger schwächt mich das. Ich versuche der Gewalt dosiert und strategisch zu begegnen. Dagegen hauen mich scheinbar kleine Dinge um. Zum Beispiel habe ich letztes Jahr in Kabul erlebt wie ein kleines Mädchen seine Mutter im Gefängnis besucht hat, die da völlig zu Unrecht inhaftiert war. Das Mädchen hatte seine Mutter seit Monaten nicht gesehen. Als ich die Augen dieses Mädchens sah, den Blick ihres Onkels, die Augen der Mutter, und als ich hörte, dass es nach einer Stunde wieder weg musste, weil der Onkel draußen es so wollte, musste ich mich völlig erschüttert abwenden. In diesem Moment war ich überwältigt von dem, was diesem Mädchen angetan wurde. Es ist eine große Herausforderung, sich eine gesunde Distanz aufzubauen, um strategisch dem Bösen zu begegnen und sich gleichzeitig die Berührbarkeit zu bewahren.

PUBLIK-FORUM: Haben Sie sich damals in Bosnien allein dieser Gewalt gestellt oder zusammen mit einer Gruppe?

HAUSER: Den ersten Schritt habe ich alleine gemacht. Aber ich habe dann sofort die richtigen Leute kennen gelernt. Hier in Deutschland war das unter anderem die Kölner Historikerin Gabi Mischkowski, die schon mit Frauenorganisationen in Zagreb in Kontakt war. Ich habe sie dorthin begleitet und bin nach Bosnien weiter gefahren, um mich selber umzuschauen. Gabi hat dann 1993 das Kölner Büro von Medica Mondiale aufgebaut. Das war für sie wohl auch ein Mittel, mit ihrer Hilflosigkeit in Bezug auf diesen so nahen Krieg umzugehen. Sie ist sehr feministisch-politisch, ich habe viel von ihr gelernt. Andere Frauen haben begeistert gesagt: „Wir können etwas tun; wir unterstützen Monika!“ In Bosnien wiederum habe ich hoch motivierte Fachfrauen gefunden. Die Krankenschwestern zum Beispiel. Viele hatten in ihren Kliniken erlebt, dass ihre Chefs die suizidalen schwangeren Frauen nicht unterstützt haben - woraufhin die Frauen dann tatsächlich Selbstmord verübten. Und als ich kam und sagte: „Wir müssen für diese Frauen eine eigene Klinik aufbauen“, haben sie begeistert mitgemacht.

PUBLIK-FORUM: Hatten Sie da schon eine finanzielle Basis für ein solches Projekt?

HAUSER: Nein, auch das ist wieder interessant: Karin Schüler,  Frauenreferentin bei der Bundes-AWO, die mich zunächst gar nicht kannte, bot mir vor meiner Abreise eine Viertel Million Spendengelder aus dem Mona-Lisa-Hilfsfond an, wenn ich nach meiner Rückkehr ein gutes Konzept präsentieren könnte. Danach wurde Karin Schüler Vorstandsfrau von Medica und ist bis heute eine wunderbare Unterstützerin.

PUBLIK-FORUM: Glauben Sie, dass das alles Zufälle sind?

HAUSER: Nein, seither nicht mehr. Ich bin ja ein eher rationaler Mensch und habe auch nicht umsonst Naturwissenschaften studiert: Ich erkläre mir die Dinge gerne - vielleicht auch eine Strategie, mich dem Schrecken zu nähern. Aber ich habe gelernt, dass man bestimmte Dinge nicht erklären kann. Ich nehme das heute an, ohne weiterhin dagegen zu revoltieren. Ich glaube nicht an Zufälle.

PUBLIK-FORUM: Glauben Sie an Gott?

HAUSER: Ich glaube nicht an einen Gott, wie er in den Kirchen instrumentalisiert wird. Aber ich denke durchaus, dass es etwas Übergeordnetes gibt, das für alle Menschen auf dieser Welt gilt. Ich würde es nicht unbedingt Gott nennen. Ich glaube an eine Kraft. Und die ist es ja auch, die ich in den Frauen erlebe: Wenn ich in Kabul in irgendeinem kleinen Zentrum bin und mit einer Frau rede, und auf einmal sehe ich dieses flackernde Feuer in ihren Augen - wenn wir uns also verstehen, als ob wir uns schon lange kennen würden -, dann ist das eine gemeinsame Kraft, die in dieser Welt trägt und die der Sinn meiner Arbeit ist.

PUBLIK-FORUM: Wie stehen Sie zur Religion?

HAUSER: Auf jeden Fall sind viele Elemente in der katholischen Kirche für mich negativ besetzt.

PUBLIK-FORUM: Sie sind katholisch?

HAUSER: Als Italienerin habe ich das in die Wiege gelegt bekommen. Und da bin ich natürlich als sehr aktive, die Frauen unterstützende Gynäkologin immer wieder in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs in Konfrontation geraten und habe mich klar für die Frauen entschieden.

PUBLIK-FORUM: In Ihrer Arbeit haben Sie ja vor allem auch mit dem Islam zu tun. Sehen Sie Religionen generell als hinderlich für Frauen an? Oder können sie unter bestimmten Bedingungen auch zur Frauenbefreiung beitragen?

HAUSER: Ich sehe, dass Religion instrumentalisiert wird, gerade im Islam. In Afghanistan zum Beispiel werden im Namen des Islam Frauen unterdrückt und Neunjährige zwangsverheiratet. Aber das steht nirgendwo im Koran und in der Scharia, da gilt eine ganz andere Altersgrenze. Wir haben in Bosnien, in Zenica, eine Mualima: Das ist eine islamische Theologin, die im psychosozialen Team mit arbeitet. Die hat sehr viel psychologisches Trauma-Wissen durch Medica erhalten, und sie ist sehr wichtig, unter anderem für ländliche Frauen, die aus einem sehr religiösen Kontext kommen. Sie macht eine ganz klare Scharia-Auslegung, die völlig konträr ist zu der der Imame in Kabul. Da habe ich viel gelernt. Zuerst hatte ich Berührungsängste, aber heute ist diese Mualima für mich eine feministisch orientierte religiöse Frau, die gegen Frauenunterdrückung kämpft und den Herren sagt, was im Koran tatsächlich steht. Und mir gefällt so gut der Ausspruch einer alten Frau in Kabul: „Mein einziger Wunsch war immer, wenn die Taliban weg sind, lesen zu lernen, um mal wirklich den Koran zu lesen und selber zu wissen, was da eigentlich drin steht.“ Das zeigt doch, dass Frauen ahnen, dass der Koran instrumentalisiert wird und sie damit in Schach gehalten werden! Umgekehrt habe ich in Bosnien erlebt - im sehr weltlichen Islam dort -, dass es eine Fatwa gab, einen Schiedsspruch vom obersten Imam. Der sagte 1993: „Wir müssen die vergewaltigten Frauen in unserer Mitte aufnehmen. Sie dürfen nicht ausgegrenzt werden.“ Im katholischen Kroatien habe ich das Gegenteil gehört. Da habe ich nur erlebt, dass Frauen im Namen der Religion ausgegrenzt worden sind. Ich will ja überhaupt nicht den Islam verteidigen; mir geht es einfach darum zu sagen: Wenn man ihre Fundamentalismen anschaut, haben alle Religionen zutiefst patriarchale Strukturen.

PUBLIK-FORUM: Aber es ist ja nicht so, dass es nur im Islam eine frauenbewusste Theologie gibt. Im christlichen Kontext gibt es das breite Spektrum der feministischen Theologie.

HAUSER: Ja, das stimmt. Wir haben mit Simone Lintdörfer zu tun, einer Theologin und Psychotherapeutin. Sie hat viel in afrikanischen Ländern gearbeitet und stellt kritisch fest, dass Religion eine Befreiungsmöglichkeit für Frauen sein könnte, gerade in Gewaltkontexten. Das ist ihre Weise, mit der Realität umzugehen, und wir beide haben Berührungspunkte und Kooperationsmöglichkeiten. Ich gehe zwar insgesamt einen anderen Weg, aber ich finde diesen religionsorientierten Ansatz durchaus unterstützenswert.

Interview: Johanna Jäger-Sommer
PUBLIK-FORUM, Nr. 17, 9.9.2005, S. 42 – 44.


Weitere Informationen zu Medica Mondiale:  www.medicamondiale.org
Medica Mondiale finanziert sich durch Spenden. Konto bei der Raiffeisenkasse Laas  Nr. 03-00-01.872-4, medica mondiale e.V.

Monika HAUSER: 1959 in der Schweiz geboren, Südtirolerin (italienische Staatsbürgerin), verheiratet, ein Sohn, lebt in Deutschland und arbeitet für Frauen in der ganzen Welt. Sie ist Gynäkologin und Gründerin der Frauenhilfsorganisation Medica Mondiale. Der Verein setzt sich für traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Hauser erhielt zahlreiche Preise für ihre Arbeit, u.a. den Rotary-Preis Südtirol. Sie wurde 2005 über das Projekt „1000 Frauen für den Friedensnobelpreis“ für die Osloer Ehrung nominiert.