Weihnachtskritik

Unheilige Nacht

Je mehr Weihnachten, desto weniger Weihnachten: Die Schizophrenie einer Gesellschaft, die an ihrer Kirche vorbei lebt und deren Riten vermarktet...

Deshalb muss an Weihnachten möglichst lange offen bleiben und möglichst viel gekauft und gegessen werden: weil wir sonst womöglich gar nicht mehr wissen würden was anfangen mit Weihnachten.

Und trotzdem ist Weihnachten. Das Bedürfnis, das in diesem Fest zum Ausdruck kommt, rührt an Menschheitswünsche: Frieden, Freude, Solidarität in einer Welt, in der auch im Frieden Krieg geführt wird und in der die Masse einsam macht. Gäbe es Weihnachten nicht, es würde von Marktstrategen erfunden.

Das ist das Drama der katholischen Kirche: Sie hütet einen Schatz an Ritualen, die begehrter sind als je zuvor. Aber ihre Kunden behalten die Schachteln und schicken den Inhalt zurück. Die Rituale haben Hochkonjunktur und die Kirchen sind leer: So wie gute Christen im Leben sündigen und vor dem Tod nach einem Priester rufen, so wie trotz 30-prozentiger Scheidungsrate vor den Traualtar geschritten wird. Gott ist vielleicht nicht tot, aber für die schönen und schweren Stunden da, zum Taufen, Heiraten und Sterben. Und für Weihnachten.

Es kann an den Christen liegen, aber auch am Inhalt. Die Kirche hat ihre Macht daraus bezogen, dass sie ihr Volk in der Sünde hielt und ihm die Erlösung versprach. Jetzt fühlt sich das Volk in der Sünde wohl und kauft die Erlösung auf dem Christkindlmarkt.

Hans Karl Peterlini,
ff vom 21.12.2000


Es weihnachtet sehr

Es ist wieder soweit, es weihnachtet sehr,
die Dekorateure arbeiten schwer,
und große Kinderaugen gaffen
verzückt auf die neuesten Spielzeugwaffen.
Die Stadt ist belagert von Weihnachtsmännern,
vorsorglich gereinigt von Punkern und Pennern,
im letzten Waschgang weichgespült,
dass auch jeder die Reinheit der Liebe erfüllt.
Und weiche Flocken aus künstlichem Schnee
umsäuseln verträumt dein Portemonnaie.

Und draußen, wo wirklich die Kälte wohnt,
wo sich das Christkindgesäusel nicht lohnt,
drunten in den Asylen und Heimen
beginnt wieder das alljährliche Schleimen.
Ja, da warten sie dann, die Alten und Armen,
auf das behördliche Weihnachtserbarmen,
und obwohl sie eigentlich gar nichts mehr glauben,
haben sie immer noch leuchtende Augen.

Und weiße, gepflegte Politikerhände
beschwören betörend das baldige Ende
einer Not, die schon lange nicht mehr nötig ist,
doch die beim Fortgehn schon wieder jeder vergisst.
Und wie nebenbei wird dann noch angetragen,
am Wahltag das richtige Kreuzchen zu schlagen,
damit die wirklich großen Weihnachtsgaben
bei denen bleiben, die sie immer schon haben.
Und eisige Flocken aus rußigem Schnee
brennen weiter Löcher ins Portemonnaie.

Und sie warten und warten, die Alten und Armen
auf wirkliche Hilfe, auf echtes Erbarmen,
und obwohl sie eigentlich gar nichts mehr glauben,
haben sie immer noch leuchtende Augen.

Es ist wieder soweit, es weihnachtet sehr,
und wir tragen an unseren Geschenken so schwer,
und wir sind ja so jung und so irre gut drauf
und helfen schon mal jemand vom Boden auf.
Und das muss doch genügen, wir zahlen ja Steuern
und wählen doch Männer, die stets was beteuern,
und während wir denen alles glauben,
schleicht sich der Glanz aus unseren Augen.
Und es bläht sich und füllt sich das Portemonnaie,
und in die Taschen der Ärmsten rieselt der Schnee.

Konstantin Wecker