Segen zum Geleit
Im übrigen meine ich,
dass Gott uns das Geleit geben möge - immerdar -
auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung,
auf dem endlos schmalen Pfad zwischen Gut und Böse,
Herzenswünschen und niedrigen Spekulationen.
Er möge uns ganz nahe sein in unserer Not,
wenn wir uns im dornigen Gestrüpp der Wirklichkeit verlieren.
Er möge uns in den großen anonymen Städten wieder an die Hand nehmen,
damit wir seiner Fantasie folgen können.
Und auf dem weiten flachen Land wollen wir ihn auf unseren Wegen erkennen.
Er möge uns vor falschen Horizonten und dunklen Abgründen bewahren,
so dass wir nicht in Richtungen wandern, die uns im Kreise und an der Nase rumführen.
Er möge unseren kleinen Alltag betrachten, den wir mal recht mal schlecht bestehen müssen,
Die 12 Stunden Unrast und die 12 Stunden Ruhe vor dem Sturm.
Er hat den Tag und die Nacht geschaffen, hat auch den Alltag gemacht und den Schlaf.
Die 12 Stunden eilen und kümmern und laufen
und sorgen und streiten und ärgern und schweigen
und die 12 Stunden ausruhen und nichts mehr sehen und hören.
Gott hat auch den Traum und das tägliche Leben geschaffen.
Und er möge uns die vielen Streitigkeiten von morgens bis abends verzeihen,
das Hin und Herlaufen zwischen den vielen Fronten.
Und all die Vorwürfe, die wir uns gegenseitig machen,
möge er in herzhaftes Gelächter verwandeln,
und unsere Bosheiten in viele kleine Witze auflösen.
Wir bitten ihn Zeichen zu setzen und Wunder zu tun,
dass wir von all unseren Schuldzuweisungen ablassen
und jedwedem Gegner ein freier Gastgeber sind.
Er möge uns von seiner Freiheit ein Lied singen,
auf dass wir alle gestrigen Vorurteile außer Kraft
und alle Feindseligkeiten außer Gefecht setzten.
Er möge uns von seiner großen zeitlosen Zeit ein paar Stunden abgeben.
Und - Er kann gewiss nicht überall sein - Er möge
in unsere Stuben kommen und unsere Habseligkeiten segnen:
unsere Tassen und Teller, die Kanne, die Zuckerdose
und den Salzstreuer, die Essigflasche und den Brotkorb.
Er möge vor allem die Kinder schützen und die Tiere vor jeglicher Willkür.
Ja, Er möge sich zu uns an den Tisch setzen und erkennen,
wie sehr wir ihn alle brauchen, überall auf der ganzen Welt.
Denn wer will uns erlösen von all unserem weltgeschichtlichen Wahn,
auch von unseren täglichen Lebenskonflikten.
Gott unser Herr möge auch manchmal ein Machtwort sprechen
mit all jenen Herren, die sich selber zu Göttern ernannt,
die Menschen durch Maschinen ersetzen und für Geld Kriege führen,
und mit Drogen alle Zukunft zerstören.
Er möge sich unser erbarmen am Tage und in der Nacht,
in der großen Welt und in der kleinen Welt unseres Alltags.
Er möge uns unsere Krankheiten überstehen lassen
und uns in der Jugend und im Alter seine Schulter geben,
damit wir uns von Zeit zu Zeit, von Gegenwart zu Gegenwart,
an ihn anlehnen können, getröstet, gestärkt und ermutigt.
Amen.
Hans Dieter Hüsch