Was gut war. Ein Alexander Langer-Abc. Florian Kronbichler, Verlag Raetia, Bozen, 2005, 159 S., € 18.

Das, was bleibt

Das Vermächtnis A. Langers

Vor 10 Jahren ist Alexander Langer gestorben. Der 1946 in Sterzing Geborene war Politiker, Polemiker, Visionär, und in allem alternativ. Er war die Verkörperung des „anderen Südtirol“. Aus dem radikalen Christen der Jugendjahre wurde zunächst einer der führenden Köpfe der revolutionären 68er-Bewegung Italiens und später ein hoch geachteter Europaparlamentarier. Bis zur physischen und psychischen Erschöpfung widmete er sich dem Frieden zwischen den Menschen und mit der Natur.

Alexander Langer hat schreibend gelebt. Mehrmals hat er zu einem „Südtirol-Abc“ angesetzt, brachte ein solches aber nie zu Ende. Immer gab es Wichtigeres zu tun. Diesen Vorlieben folgend hat Florian Kronbichler - ein Meister der Erzählkunst - ein Alexander-Langer-Abc vorgelegt: „Vom Vermächtnis nur der Befund, nicht die Aufforderung“. Er erzählt mit „distanzierter Sympathie“ vom Menschen Langer, von seinen Stärken, aber auch seinen Schwächen, seinen Visionen und seinen Fallen.

Vor allem wird deutlich, was gut war und somit bleibt. Hier einige Auszüge aus dem Buch, die vor allem den Christen Langer zeigen.

Robert Hochgruber


Brücke

Kein Sprachbild kehrt in den Schriften Alexander Langers häufiger wieder als das der Brücke. Brücke in all ihren Bedeutungen, direkten und übertragenen, materiellen wie geistigen, persönlich-psychologisch wie gesellschaftlich-politischen. Brücke zu sein, bleibt ihm sein ganzes Leben lang Inhalt. S. 14 Christophorus, der „Christus-träger“, der Brückenheilige, der Patron der Flößer, Kraftfahrer, Lastenträger, Pilger und Reisenden war nicht nur sein Lieblingsheiliger. Alexander Langer fühlte sich zeitlebens selber als ein Christophorus. S. 18

Christ

Alexander Langer, zu jener Zeit Abgeordneter zum Südtiroler Landtag, trifft in Bozen auf den spazieren gehenden Bischof Joseph Gargitter. Die beiden verbindet miteinander ein Verhältnis gleichermaßen der Wertschätzung und des Argwohns. … Die Atmosphäre muss wohl recht entspannt gewesen sein, denn zum Abschied fragt Langer unvermittelt: ob er ihm - der Langer dem Bischof - nicht einmal bei der Messe ministrieren dürfe. Bischof Gargitter soll einen nicht einmal sehr überrumpelten Eindruck gemacht haben. Er erlaubte, und so erschien der Landtagsabgeordnete Alexander Langer zum vereinbarten Tag um 7 Uhr früh in der bischöflichen Privatkapelle und machte den Bischofsministranten. Nicht ohne ein bisschen aufgeregt gewesen zu sein und das vorher gestanden zu haben: Er wisse nicht, "ob ich's noch kann".

Die Episode ist aufschlussreich. Sie widerlegt die landläufige These, es gebe den schwärmerisch katholischen jungen Langer, danach den linksradikalen, zwangsläufig antikirchlichen (weil anti-institutionellen) politischen Langer, und allenfalls eine späte, ökumenisch grüne Rückbesinnung Langers auf Werte der Religiosität und der Kontemplation. Sie beweist: Diskret bis geheim hat der politische Langer ein religiöses Leben immer fortgeführt. Der Abschluss seiner "katholischen Phase" mit dem Eintritt in die politische Militanz … war nur ein äußerlicher. Dafür gibt's nicht nur das Ministranten-Geheimnis. Der Journalist und Politiker Langer bleibt nicht nur der Sprache der Bibel und der Bilderwelt seines Religionsunterrichts aus Kindheitszeiten treu. Nie wird er auch vergessen, Briefe oder wichtige Dokumente nach den jeweiligen kirchlichen Festen zu datieren (wenn sie sich grad anbieten), anstatt nur mit dem Tag des bürgerlichen Kalenders. Es heißt dann "Weihnachten 1985", "Pfingsten 95" oder "am Tag des seligen Heinrich von Bozen". S. 19, 21

Kirche

Nicht der tiefere Grund, aber der Anlass, der den einst militanten Katholiken seiner Kirche entfremdet hat, war ein banaler. Es ging auf 1968 zu.
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Da traf es sich, dass im tiefsten Bozner Arbeiterviertel, noch jenseits von Don Bosco an der Ecke Reschenstraße - Baristraße, die neue, sehr modern, sehr konziliar ausgerichtete Kirche "Pio X" eingerichtet wurde. Die Pfarrleitung hatte sich für einen teuren Teppichboden entschieden. Den Basischristen war solcher Luxus ein Ärgernis. Der Fußboden im Haus des Herrn hatte nicht herrschaftlicher zu sein als jener der Sozialwohnungen ringsum. Das schrieben sie so in ihre Zeitung, und die hohe Geistlichkeit reagierte sehr verärgert. Über der Lächerlichkeit ging ein Verhältnis in Brüche. Wie nie zugegeben, aber immer zu beobachten: In Prinzipienfragen ist leicht tolerant sein, die Brüche vollziehen sich im Klein-Konkreten. Der Auszug der Bozner Revolutionäre aus der Kirche steht jedenfalls in einem Zusammenhang mit jenem Teppichboden in der "Pio X".

Gelegenheiten, sich an "seiner" Kirche zu reiben, gab es in der Folge für Langer immer wieder. Als Generalabrechnung und wohl auch förmlicher Bruch mit ihr kann die Rede angesehen werden, die er im Mai 1969 auf Einladung der "Paulus-Gesellschaft" in Tübingen hält. Ihr Titel lautet: "Wider die falsche Demokratisierung der Kirche". (Veröffentlicht in „Impulse“ Nr. 2 und 3 im Jahr 2001 A.d.R.) Hier bringt der Südtiroler auf den Punkt, was in den Florentiner Jahren vorher in ihm herangereift ist. Die Tübinger Rede ist für Langer, was die Wittenberger Thesen für Martin Luther waren: der Form nach ein letzter Appell, inhaltlich aber doch schon der Abschied. Langer fordert auf zu einer radikalen Ent-Institutionalisierung der Kirche und zu einer Rückkehr zur "Kirche der Armen". Seine Rede schließt: "Eine institutionelle Kirche abseits der Armen und der Armut kann nie prophetisch sein." S. 67 f

Tod

Ich halte mich an die Richtschnur von Langers engstem Freund und Mitarbeiter Edi Rabini. Sie lautet: „Der Tod ist nicht zu interpretieren, der Tod ist zu respektieren.“ S. 117