Brief an den Papst

An den Bischof von Rom, Papst Benedikt XVI. Vatikanstadt - ROM

Grüß Gott!

Im kath. - christlichen Wochenblatt "neue bildpost" Nr.29 vom 14.7.05 fand ich die Notiz, wonach Sie im Rahmen der liturgischen Feierlichkeiten zur Beisetzung des verehrten verstorbenen Papstes auf dem Petersplatz in Rom dem Prior von Taizé, Frère Roger Schutz, die hl. Kommunion gereicht haben. Ein großes Hoffnungszeichen! - Denn soweit mir bekannt, gehört Frère Roger der reformierten protestantischen Bekenntnisgemeinschaft an und ist nie formell zur Katholischen Kirche übergetreten. Andererseits wurde laut neuesten Verlautbarungen aus dem Vatikan gerade von Ihrer Seite die Interkommunion wieder eindeutig untersagt.

Ich kann dem Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls recht gut folgen, der sich - laut derselben Notiz - bemüht, den Vorgang aus der realen Platzverteilung heraus verständlich zu machen, bzw. zu entschuldigen: “In dieser Situation erschien es unmöglich, ihm das allerheiligste Sakrament zu verweigern, zumal sein katholischer Glaube wohlbekannt ist.“

Darf ich mich darauf berufen, dass auch ich bei Eucharistiefeiern, die ich in der Gemeinde leite, oft genug Freunde evangelischen Bekenntnisses vorfinde, deren Glauben auch mir in einzelnen Fällen wohlbekannt ist und die oft sogar mit einem viel wacheren Bewusstsein und häufig auch mit größerer Ehrfurcht am Abendmahl teilzunehmen wünschen als ich es von vielen Christen der eigenen katholischen Gemeinde kenne. Warum soll es da weniger „unmöglich“ sein, zwischen ihrem Glauben und meinem, bzw. unserem Glauben (als Katholiken) die Barriere des Ausgeschlossen-Seins aufzurichten?

Im Namen Christi bitte ich Sie von ganzem Herzen, die so schmerzlich trennende Barriere in der Herzmitte der christlichen Botschaft abzubauen. Ich berufe mich auf die ersten Empfänger, die Apostel. Wie könnte ich annehmen, dass sie lange theologische Unterscheidungen zwischen sich und der angebotenen Gabe eingeschoben hätten, bevor sie bereit waren, in die Leib-Gemeinschaft mit ihrem Meister zu treten? Und er selbst - hat er nicht auch dem Judas das Brot desselben Mahles gereicht? Ich bin ein einfacher Priester, aber ich werde nie begreifen können, dass ein christlich anders bekennender aber doch ehrlich glaubender Christ von vorneherein unwürdiger sein sollte an der Vergegenwärtigung des Abendmahles Jesu teilzunehmen als der Verräter Judas. Wobei doch die Katholische Kirche mit ihrem Weihepriestertum ganz besonders davon überzeugt ist, in der rechtmäßigen Nachfolge der Apostel zu stehen.

Mit dem Ausdruck der allergrößten Wertschätzung und mit allen Segenswünschen

Georg Peer, Kath. Pfarrer
Naturns, 27.7.2005


Eigenverantwortung zeigen

Martin Burgenmeister, der aus Württemberg stammt, drei erwachsene Söhne hat und nun mit seiner Frau seit dem 1. August in der Evangelischen Christuskirche in Meran weilt, findet Georg Peers Akt schon „sehr bemerkenswert“ und wundert sich, „dass sich ein katholischer Priester traut, sich hierzu so offen zu äußern.“ Zumal in Südtirol gar nicht so viele wissen würden, was evangelische Christen überhaupt sind. Der evangelische Priester verhofft sich jedenfalls, dass solche Priester wie Peer „uns weiterführen und zusammenbringen werden.“ Burgenmeister wünscht sich in Zukunft noch viele Gemeinsamkeiten wie Gottesdienste, einen gemeinsamen Weltgebetstag der Frauen und Bibelwochen. Wenn dadurch die Verbindung zwischen Evangelischer und Katholischer Kirche wachsen könnte, könnte auch die Frage der gegenseitigen Gastfreundschaft bei Abendmahl und Eucharistiefeier geklärt werden, hofft er. Burgenmeister: „Von der evangelischen Seite haben wir keinerlei Probleme, alle Christen zur Teilnahme des Abendmahles einzuladen, die katholische Kirche hat da einige Grenzen gesetzt. Für uns ist es entscheidend, dass jeder einzelne Bürger das verantworten kann, was er tut.“ Damit winkt der Gottesmann praktisch in Richtung mündige Bürger und Eigenverantwortung, die die katholische Kirche ihren Schafen scheinbar noch nicht zugestehen wolle. Burgenmeister bedauert die strengen Auflagen der Katholiken, doch er ist zuversichtlich, denn von der Basis und von einigen Priestern her komme starkes Interesse dafür. Burgenmeister: „Ich hoffe, dass dieser innerkirchliche Prozess bald in die Wege geleitet wird.“

Tageszeitung, 7.9.2005, S. 11