Benedetto mit gespreizten Fingern

Kritische Einschätzung des Weltjugendtages in Köln

Pustertaler Zeitung (PZ): Die schiere Menge der Besucherinnen und Besucher hat wohl wesentlich zur besonderen Atmosphäre beigetragen.


Waren beim 20. Weltjugendtag in Köln mit dabei (von links nach rechts) Franz Josef Egarter, Sandra Marcher, Sonja Kirchler und Evi Atzwanger

Franz Josef Egarter (St. Georgen, Mittelschullehrer, 37 Jahre alt): „Auf jeden Fall. Das Treffen war so gesehen durchaus vergleichbar mit einem Rockkonzert. Etwas abschätzig gesagt spürte man immer wieder eine Art Massenhysterie. Ich bin eher kritisch eingestellt gegenüber dem jetzigen Papst, aber in der Masse spielte das keine Rolle: Ich habe mit den anderen mitgesungen und mitgeschrieen: „Be-ne-detto! Be-ne-detto’!“

Der Papst hat in seinen Predigten davon gesprochen, die jungen Gläubigen sollten die "neuen Menschen" sein und sich für eine "bessere Welt" einsetzen. Mir persönlich wäre dieser Aufruf viel zu wenig konkret gewesen...

Sandra Marcher (Gais, Jugendreferentin beim Jugenddienst Dekanat Taufers, 23 Jahre alt): „Das ist richtig, der Papst wurde generell zu wenig konkret. Das haben viele Jugendliche kritisiert. Dazu kommt, dass er mir ziemlich kalt vorgekommen ist, ich war von ihm nicht begeistert. Er hat zum Beispiel immer seine Hände von sich weggespreizt, als ob er etwas abwehren möchte.“

Sonja Kirchler (St. Johann, Schülerin, 16 Jahre alt): „In den Medien wurde zwar behauptet, dieser Papst hätte wie sein Vorgänger die Herzen der Jugendlichen im Sturm erobert. Aber ich hatte den Eindruck, als ob dieser Papst nur eine Art Übergangspapst ist zwischen Johannes Paul II. und dem nächsten Papst. Meiner Meinung nach ist er einfach der strenge Theologe, der die jungen Menschen nicht zu nahe an sich heranlassen möchte, er kann sich nicht wirklich öffnen. Mir hat gefallen, dass Papst Benedikt nicht versucht, seinen Vorgänger nachzuahmen, sondern seinen eigenen Stil sucht - aber ihn noch nicht gefunden hat.

Sandra Marcher: Das hat man an Kleinigkeiten gemerkt: Nach der Abendandacht am zweiten Tag hat er den Jugendlichen keine gute Nacht gewünscht, obwohl es saukalt und ungemütlich war. Er hat nichts gesagt, er ist ohne ein Wort gegangen.

Die Kirche hat viele Probleme: Jugendlichen besuchen kaum noch die Gottesdienste, es gibt kaum noch junge Priester, viele halten den Zölibat für überholt und die Frauen stehen in der Kirche nach wie vor am Rand... War davon in Köln nicht die Rede?

Franz Josef Egarter: In Köln waren auch viele kirchenkritische Leute vertreten: Eine Homosexuelleninitiative hat für ihre Anliegen geworben, eine Gruppe hat Kondome verteilt (und wurden dafür ausgepfiffen). (Anm.d.Red.: Die "Wir sind Kirche Jugend" hat nicht Kondome verteilt, wohl aber Postkarten mit der Aufschrift "Condoms safe lifes", um auf die äußerst problematische Einstellung der röm.-kath. Kirche zur Sexualität und im Besonderen zu Kondomen z.B. auch als Schutz vor Aids/HIV verhindern und damit Leben hinzuweisen.) So reibungslos ist das Ganze also nicht abgelaufen, wie das in Medien dargestellt wurde.

Eugen Runggaldier, der Südtiroler Jugendseelsorger, hat nach seiner Rückkehr aus Köln gesagt, jetzt komme es darauf an, in den Ortskirchen dafür zu sorgen, die Begeisterung der Jugendlichen, die sie aus Köln mitgenommen haben, nicht zu schnell wieder abflauen zu lassen. Was habt ihr von diesem Treffen mit nach Hause genommen?

Evi Atzwanger (Bruneck, Schülerin, 17 Jahre alt): Mir wurde in Köln klar, dass die Begeisterung der Jugendlichen für die Kirche und den Glauben ganz wesentlich davon abhängt, wie ein Gottesdienst gefeiert wird. Wenn es langweilig zugeht, sind die Jugendlichen schnell enttäuscht. Warum sollte nicht jeder Gottesdienst zu einer richtigen Feier werden mit Tanzen und Klatschen? In Köln haben wir in einer Kirche ein richtiges Fest gefeiert, da war eine Trommlergruppe aus dem Kongo, die hat mächtig Stimmung gemacht. Wir haben zum Rhythmus getanzt und ein Bischof hat sich darüber am meisten gefreut.

Franz Josef Egarter: Mit der Institution Kirche hat mein Glaube wenig zu tun, ich verbinde Glaube vor allem mit Gemeinschaft und Begeisterung. Bei der Messe muss einfach der Funke überspringen, damit die richtige Stimmung aufkommt. Man kann Glaube und Kirche nicht klar trennen, weil man als Katholik immer irgendwie zur Kirche gehört. Die Jugendlichen möchten in der Kirche vieles ändern, können es aber nicht, also verabschieden sie sich halt innerlich von ihr.

Sandra Marcher: Als Jugendreferentin beim Jugenddienst Taufers stehe ich der Kirche als Institution nicht so kritisch gegenüber wie viel andere Jugendliche, denn ich weiß aus Erfahrung, dass es in der Kirche auch viele tolle Menschen gibt. Kirche ist nicht von sich aus langweilig, aber es käme darauf an, mehr aus ihr zu machen.

Pustertaler Zeitung, Nr. 17-378/05, 2.9.2005, S. 32 f


Als denkender und gläubiger Christ

... betone ich immer wieder, dass ich das "katholische" Element weniger empfinde, weil ich ganz einfach der Meinung bin, das Wort entspreche nicht mehr der Sache: "Katholikòs" sollte universal bedeuten... Die Konzilserfahrungen sind mehr oder weniger "out". Man betont immer mehr das Charisma des Papstes, ohne die Tatsache wahrhaben zu wollen, dass das "I Care"(es geht mich an) bei vielen Katholikinnen und Katholiken eine Rolle spielt.

Als Jugendlicher war ich Mitarbeiter und später Direktor der winzigen Zeitschrift "DMCD-Cristia-nesimo anarchico“, und verfasste auch Texte für ähnliche Zeitschriften in Österreich. Das war immerhin nach dem ersten Abschluss des Theologiestudiums in Innsbruck.

Inzwischen bereits etwas älter, habe ich das religionswissenschaftliche Studium in Brixen abgeschlossen, habe zwei Jahre am Rel. Wiss. Institut mitgearbeitet und arbeite immer noch als Religionssoziologe.

Heute bin ich als "Theologe", denkender Christ vielleicht etwas vorsichtiger. Ich bin „eingeheirateter Kolumbianer“ und besitze direkte Erfahrung aus der „Dritten Welt“. Mir geht es nicht mehr um rein "libertäres" Christentum, obwohl gewisse Ansätze nicht so schlecht waren. Vielleicht bin ich in anderer Hinsicht radikaler und hoffentlich auch konsequenter.

Ein Unbehagen ist bei allen "Katholikinnen und Katholiken" vorhanden, wegen des Mangels an Ökumenismus (vgl. die Aufforderungen Hans Küngs vor der Ernennung des neuen Papstes), wegen der "sexistischen Orientierung" (Küng aber nicht nur, auch "Impulse", warum denn nicht?), wegen der geringen "Theologiefreiheit" und wegen der erzkonservativen Sexualmoral (vgl. aber Bischofs Egger Interview in der FF vor einem Monat zur Papstwahl "Was heißt erzkonservativ?" - nicht gerade ein positives Zeichen) usw. Ich möchte alle Christinnen und Christen auffordern, nicht nur die sexualmoralische Problematik zu betonen, sondern auf das Gesamte zu achten.

Zum neuen Papst nur Folgendes: in den '60-ern hatte Prof. Ratzinger glänzende Texte zur Christologie und ihrer Beziehung zur Ekklesiologie verfasst, worin immer wieder betont wurde, der Papst sei "kein Monarch im kaiserlichen oder orientalischen Sinne". Ratzinger galt als gemäßigt-fortschrittlicher Theologe (wobei das erste Adjektiv immer wieder wichtiger ist...). Ich hoffe darauf, dass die ihm zugeschriebene - und leider zum Grossteil vorhandene konservative Wende nach dem „Konzilssyndrom“ nicht mehr so stark durchschlägt. Er hat als Verantwortlicher der Glaubenskommission viele Theologen verbannt und ausgegrenzt. Möge Papst Benedikt XVI sich an seine frühere Tätigkeit erinnern. Ich zweifle an seine „Wende“. Trotzdem sollte das „Prinzip Hoffung“ (Bloch, Moltmann) vorhanden bleiben. Ansonsten, würde auch dieser Traum erlöschen, würde nur der Kirchenaustritt übrig bleiben. Mit Melville hoffe ich; es sei nie nötig, so weit zu gehen.

Eugen Galasso, Bozen


Leben in Fülle: jetzt und später

Die Frohbotschaft ist meiner Ansicht nach wie dargelegt die Theologie, das Credo von Pierre Teilhard de Chardijn - dass das Leid und das Böse nicht existieren, weil Gott es zulässt, sondern dass Gott, der heilige - heilende - Heil bringende Geist seit jeher mit all seiner Kraft, mit seiner ganzen Energie dafür kämpft, im gesamten Weltall ein ewiges Paradies entstehen zu lassen:

Sobald er dies geschafft hat, werden wir nach meiner Meinung das Leben in Fülle haben, dann wird die Freude in uns sein (wenn wir das Unsrige dazu beitragen).

Martin Dissertori, St. Pauls/Ep.


Frau eines Diakons entgegnet

Zum Leserbrief auf der Seite 9 MEINUNGSFORUM in der Ausgabe Nr. 29 - April 2005 möchte ich mich als Ehefrau eines ständigen Diakons zu Wort melden und mich gegen die Aussagen vehement verwehren, und zwar dass: „die Herren Diakone als alternde Jahrgänge und Ehepartner faktisch zölibatär leben und sexuell kalmiert und kontrolliert (so zu sagen von der Ehefrau) werden.“

Diese Behauptung finde ich geschmacklos und ganz einfach als eine Frechheit! Hat Frau Elisabeth Höglinger noch nie etwas von Berufung, Idealismus, oder auch von einem aus Überzeugung christlich gelebten Leben gehört? Das finde ich sehr schade - denn ich als Frau eines Diakons empfinde es als Bereicherung und als sehr schön - mitzuerleben, wie eine Berufung im Glaubensleben wachsen kann und bin stolz auf meinen Mann und froh, dass er bereit war sich in den Dienst für die Mitmenschen zu stellen und so offen ein Lebenszeugnis abzugeben.

Als sehr wohltuend haben wir empfunden, dass in unserer Pfarrgemeinde der Diakon angenommen wurde, so wie er ist. Das erklärt und bekräftigt uns in der Annahme, dass die Chance, einen ständigen Diakon in der Pfarrgemeinde zu haben, durchwegs als Bereicherung für alle angesehen werden kann.

Ich darf Frau Höglinger beruhigen und kann ihr versichern, dass die Ehe mit einem ständigen Diakon durchwegs als ein „normales Ehe- bzw. Familienleben“ gelebt wird und wir nicht abgestempelt werden wollen.

Eines hat Frau Elisabeth Höglinger allerdings nicht genannt: Auch die Krankensalbung zu spenden ist dem Priester vorbehalten und somit dem Diakon nicht erlaubt.

Freundliche Grüße

Marianna Forer Oberfrank, Mühlen in Taufers