Die große Überraschung

Vor 10 Jahren Kirchenvolksbegehren in Österreich

Als sich vor 10 Jahren die Eintragungsfrist zum Kirchenvolks-Begehren zu Ende neigte, wurden die Erwartungen weit übertroffen. Mehr als 500.000 Menschen haben sich den 5 Forderungen in Österreich angeschlossen: Geschwisterlichkeit, gleiche Rechte und Pflichten in der Kirche für Mann und Frau, Aufhebung des Pflichtzölibats, positive Bewertung der Sexualität und Frohbotschaft statt Drohbotschaft. Die Vorfälle um Kardinal Groer waren zwar Anlass, nicht jedoch der eigentliche Grund dafür.

Gefordert und fachlich untermauert

Die Forderungen haben wir begründet und fachlich untermauert. In keiner Diskussion konnte uns vorgehalten werden, wir verstoßen gegen die Lehre Jesu Christi oder die Dogmen der Kirche. Alle Gegenargumente verlaufen im Sand: „Ihr seid nur eine kleine Gruppe“ oder „die Bischöfe sind die falschen Adressaten, weil die Fragen in der Weltkirche entschieden werden müssen“ - weltweit sind gleich lautende Forderungen aktuell.

„Nicht äußerliche Strukturfragen sind das Problem, sondern der fehlende Glaube“ - wir meinen, das Evangelium, die Botschaft Jesu verlangt die Reformen, damit die Kirche wieder glaubwürdiger wird.

„Ihr zerstört die Kirche“ - wir meinen, die Reformen dienen dem Aufbau einer zeitgemäßen und verantwortbaren Kirche. Sie fordern in Fragen des Glaubens persönlich Stellung zu beziehen und eigene Gewissensentscheidungen. „Was fehlt, ist der Dialog! Wo sind die Bischöfe, die sich für den Dialog verantwortlich wissen?"

Und täglich fügt uns Gott neue Menschen hinzu

Bei der Zahl an Unterzeichnerinnen und Unterzeichner ist es nicht geblie-ben. Viele Umfragen weisen aus: mehr als 2/3 der Kirchgängerinnen und mehr als 80 -90 % der Bevölkerung stimmen den Forderungen zu. Leider hat die Kirchenleitung den Dialog abgewürgt. Und so treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus. Viele sehen keine Chance mehr auf Reformen und gehen ihre eigenen Wege. Die Kirchenleitung trägt das ihre dazu bei.

Unsere strategischen Ziele

Reformen kommen nicht aus Rom, WIR müssen damit beginnen.

Wir sind Kirche Österreich,
Nr. 48, Oktober 2005

P..S. Die gesamte Publikation zur 10 Jahresfeier in Innsbruck ist bei der Initiativgruppe erhältlich.


Initiativgruppe in Spiegel Spezial

„Die Protestbewegung gegen die Verkrustung der Institution Kirche ging seit Mitte der neunziger Jahre wie eine Welle durch die katholische Welt. Angestoßen hatten sie in Europa maßgeblich kritische Gruppen in Österreich, die 1995 als Reaktion auf den Missbrauchsskandal um den damaligen Wiener Erzbischof und Kardinal Hans Hermann Groër das erste Kirchenvolksbegehren starteten.

In mehr als 30 Ländern gibt es inzwischen ähnlich spontan entstandene Gruppen wie in Hannover. In Südtirol heißen sie „Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche“, in Kanada „Catholics of Vision“, in Katalonien „Somos Iglésia“.

In Südafrika koordiniert Dina Cormick die „Women´s Ordination South Africa“, eine Frauengruppe in Durban, die sich seit dem Sieg über die Apartheid für Geschlechter-Gerechtigkeit in der katholischen Kirche einsetzt. In Australien gibt es die „Australien Reforming Catholics“, ein Netzwerk kritischer Gläubiger, das sich vor allem dafür einsetzt, Frauen als Priesterinnen zuzulassen – eines der schönsten Tabus für Papst und Bischöfe.“

Spiegel Spezial 3/2005, 7. April 2005, S. 118 ff