Frauenseelsorge
Was brauchen Frauen für die Seele?
Die Seelsorge der katholischen Kirche werde den Bedürfnissen von Frauen immer weniger gerecht, klagen manche. Gibt es Gegenstrategien? Eleonore Bayer hat sich umgehört.
„Warum sitze ich eigentlich da in der Kirchenbank?“, schießt es Gertrud H. plötzlich während des Sonntagsgottesdienstes durch den Kopf. Von Woche zu Woche verstärkt sich in ihr das Gefühl, dass sie immer mehr aus Gewohnheit in die Kirche geht. Seit frühester Kindheit feiert sie zwar am Sonntag die Messe mit, aber je älter sie wird, desto weniger hat sie das Gefühl, aus der Eucharistiefeier Kraft für den Alltag zu schöpfen. Das strenge Ritual, Texte, die zwar vertraut sind, aber so gar nicht mehr persönlich treffen, eine Predigt, in der sie kaum noch Anknüpfungspunkte zu ihrem Leben findet. Die 64-jährige Pensionistin wird durch ihre immer spürbarer werdende Frustration zunehmend verunsichert.
„Immer mehr Frauen fühlen sich in der Kirche nicht ernst genommen“, stellt die Wiener Theologin Dr.in Veronika Prüller-Jagenteufel fest. „Weder in der Pastoral noch in der Liturgie wird auf ihre spezifischen Lebenssituationen genügend eingegangen. Dabei engagieren sich selbstverständlich noch immer wesentlich mehr Frauen als Männer in der Kirche. Aber verschiedene Untersuchungen zeigen deutlich, dass jüngere Frauen kaum mehr ein Naheverhältnis zur Kirche haben. Auch über die eigenen Kinder wachsen junge Mütter nicht mehr wie früher in eine Pfarrgemeinde hinein. Eine neue Generation von Gottesdienstbesucherinnen kommt da nicht mehr so schnell nach“, ist die Chefredakteurin der theologischen Fachzeitschrift „Diakonia“ überzeugt.
Für Pater Dr. Norbert Stigler OCist, Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Hochschule im niederösterreichischen Stift Heiligenkreuz, ist es „leider eine Tatsache, dass Frauen im Alter unter 40 kaum mehr in der Kirche zu finden sind“. Er glaubt, dass dies sicherlich „mit der Haltung der offiziellen katholischen Kirche zur Empfängnisregelung“ zu tun hat. „Wahrscheinlich erschwert aber auch unsere traditionelle Rede von Gott, dass die Frauen in unserer Kirche Heimat finden und ihre Identität ausbilden können“. Die Rede vom Allmächtigen, vom König, Herrn und Vater mache es Frauen nicht leicht, an ihre Gottebenbildlichkeit zu glauben. Sie fördere vor allem bei Frauen mit Gewalterfahrungen eher die Erfahrung von Unterdrückung, Ausgeliefertsein, Machtlosigkeit.
Lebensnahe Frauenseelsorge erfordert nach Ansicht von Dr.in Veronika Prüller-Jagenteufel eine intensive Auseinandersetzung mit den veränderten Lebensbedingungen von Mann und Frau in der heutigen Zeit. „Priester sollten sich die gewaltige Spannung zwischen Beruf und Familie, in der Frauen heute leben, vor Augen führen. Sie müssen sich mit der Frage beschäftigen, wo und wie Frauen diskriminiert werden. So können sie zum Beispiel davon ausgehen, dass unter 100 Frauen, die ihnen in der Kirche gegenübersitzen, bis zu 20 davon persönliche Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch haben, einige abgetrieben haben und manche eine zu Bruch gegangene Beziehung bewältigen müssen oder unter ungewollter Kinderlosigkeit leiden. Wenn nun versucht wird, die kirchliche Position in all diesen Fragen mit dem Holzhammer zu vermitteln, sind tiefe Verletzungen bei den Betroffenen unausweichlich. Jeder Priester sollte sich deshalb fragen, ob seine Verkündigung tatsächlich einladend und genug sensibel für die existenziellen Fragen von Frauen ist.“
Zur selbstkritischen Reflexion lädt auch Doris Gabriel ein, Organisations- und Gemeindeberaterin in der Erzdiözese Wien. „In der Pastoral muss viel mehr als bisher bei allen, die seelsorglich tätig sind, ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass es nicht den Menschen schlechthin gibt, egal ob als Mann oder Frau geboren. Es gibt geschlechtsspezifische Erfahrungen, die Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise machen, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualität, Ausgrenzung, Machtlosigkeit. Deshalb ist es wichtig zu erkennen: Mein Geschlecht spielt eine wesentliche Rolle bei meinen Vorstellungen und Erfahrungen. Das gilt für alle, sowohl für die Seelsorger und Seelsorgerinnen als auch für jene Frauen und Männer, die sie geistlich begleiten. Wenn ich als Seelsorgerin oder Seelsorger einen Menschen begleite, muss ich wissen, dass ich immer durch den Filter meiner persönlichen, geschlechtsspezifischen Erfahrungen höre. Es macht deshalb einen wesentlichen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann seelsorglich begleitet“.
Doris Gabriel und Mag. Dr. Erich Lehner, Psychoanalytiker und Männerforscher, versuchten bei einer vom Pastoralamt der Erzdiözese Wien gemeinsam mit dem Kardinal König Haus, dem Bildungszentrum der Jesuiten, veranstalteten Tagung Kleriker und Laien für diese Thematik zu sensibilisieren. Sie regten die rund 100 Teilnehmerinnen zur Reflexion der eigenen Bilder von Mann- und Frausein an. „Denn ich muss mir meiner eigenen Bilder bewusst sein, damit ich sie nicht unbeabsichtigt auch dem oder der anderen aufzwinge.“ Der Zisterzienserpater Dr. Norbert Stigler machte nach der Tagung plötzlich folgende Erfahrung: „Im Gespräch mit einem mir vertrauten Ehepaar stellte ich verblüfft fest, wie oft ich einer Meinung mit dem Ehemann bin, und staune, wie anders das die Frau sieht und empfindet.“
Macht und Erotik reflektieren. Nachdenklich hat den erfahrenen Seelsorger und Pfarrer aber vor allem der Hinweis gemacht, dass in jeder seelsorglichen Beziehung Macht und Erotik eine nicht unwesentliche Rolle spielen, die sorgsame Reflexion - auch mit professioneller Begleitung wie Supervision - erfordert. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau, Priester und Laie sowie im Bezug auf Alter und Rolle, wie zum Beispiel Seelsorger/Betreute, beeinflussen die Beziehung. „Wir müssen in der Ausbildung künftig sicherlich verstärkt darauf schauen, dass die in der Seelsorge tätigen Menschen lernen, dies zu reflektieren“, betont der Zisterzienserpater.
Seelsorgerinnen gefragt. Doris Gabriel, die selbst als geistliche Begleiterin von Frauen tätig ist, unterstreicht die Bedeutung von Seelsorgerinnen. „Denn es gibt Themen, mit denen Priester überfordert sind. Frauen klagen immer wieder darüber, dass sie sich vom Priester nicht verstanden fühlen, und sie suchen deshalb die Aussprache mit einer Frau.“ Allerdings können Frauen, da sie keine Priesterweihe haben, weder ein Beichtgespräch mit der Vergebung der Sünden führen noch die Krankensalbung spenden. „An der Amtsfrage kommen wir beim Thema Frauenseelsorge nicht vorbei“, sind sich Gabriel und Prüller-Jagenteufel einig.
Weibliche Leitfiguren sind in der Kirche notwendig, unterstreicht die Theologin. „Die Frauen haben durchaus ein Bedürfnis von anderen zu lernen. Zur Entwicklung der eigenen Identität brauchen sie auch andere Frauen, um sie nachzuahmen oder um sich von ihnen abzuheben.“ Pastoralassistentinnen spielen dabei eine genauso bedeutende Rolle wie spezielle Frauenräume, „in denen Frauen sie selber sein dürfen, aufatmen können, ohne als Helferin oder Organisatorin in der Pfarre eingespannt zu werden.“
An der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz wird nun ein Schwerpunkt gesetzt: mindestens vier Stunden „Feministische Theologie“ bzw. „Frauen- und Geschlechterforschung“ schreiben die neuen Studienpläne vor.
Die Steirerin Gertrud H. macht feministische Exerzitien, besucht Werkwochen für Frauenspiritualität und fährt zu Frauensynoden, wo Christinnen gemeinsam nach Wegen in eine frauengerechte Kirche und Gesellschaft suchen.
Eleonore Bayer,
welt der frau, 11/2004, S. 30 -32,
Zeitschrift der Kath. Frauenbewegung Österreichs,
Linz, Tel. +43-732-770001-14
Die Forderungen nach Berücksichtigung der Frauen in der Lehre der Kirche sind nicht neu. Ein allumfassendes Gottesbild zu verkünden und die weiblichen Gottesvorstellungen der Bibel nicht zu verschweigen, wie zum Beispiel die Darstellung des Heiligen Geistes als Sophia, sind alte Forderungen. Auch der Ruf nach einer Frauen nicht diskriminierenden Umgangssprache, nach der Überwindung von alten Rollenbildern und nach mehr Mitverantwortung der Frauen in der Kirche ist nicht neu, allerdings wird er nach wie vor oft überhört.
Heute geht es aber nicht mehr nur um die Realisierung dieser alten, noch immer gültigen Forderungen nach Gleichberechtigung, Anerkennung und Mitbestimmung der Frauen in der Kirche. Es gilt nun vor allem den Schatz der christlichen Tradition so fruchtbar zu machen, dass Frauen daraus Stärke, Kraft und Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Lebenssinn und Spiritualität beziehen können.
„Ich habe gehofft, ich könnte diese Sehnsucht nach einem umfassenden Gottesbild, nach einer frauengerechten Sprache und Liturgie bei den Frauen wecken, aber das ist ziemlich hoffnungslos.“
Hermi Scharinger, Pastoralassistentin in drei kleinen Pfarren im niederösterreichischen Weinviertel, begann mit viel Elan ihre Arbeit. „Aber ich frage mich heute oft: Was hat das alles für einen Sinn? Will das außer mir überhaupt jemand in der Pfarre? Ich glaube, die noch zum Gottesdienst kommen, haben wenig Bedarf an einer geschlechtsspezifischen Seelsorge und die anderen erreichen wir nicht mehr, die suchen ihr Heil nicht mehr in der Kirche.“ Die regelmäßige Feier von Frauenliturgien mit Gleichgesinnten wurde ihr zur Kraftquelle.
Dort, wo Gott nur als ER, als Mann, Vater und Herr (Herrscher) angesprochen wird, erkennt die Sozialarbeiterin Elisabeth Wöran für sich als Frau mit all dem, was sie und ihr Leben als Alleinerzieherin ausmacht, keinen Platz. Vor einigen Jahren hat sie allerdings zur feministischen Spiritualität gefunden und diese als Geschenk empfunden. „Bei feministischen Besinnungstagen durfte ich erleben, was Ruach, die weibliche Form des Heiligen Geistes, bewirken kann. Plötzlich wurde ich gemeint, ich, als Frau, so, wie ich bin. Ich wurde nicht bewertet, beurteilt, mir wurde nicht erklärt, wie meine Spiritualität zu funktionieren hätte, sondern ich wurde akzeptiert, anerkannt, geliebt. Ich durfte Gott in meiner Frauensprache ansprechen.“ All das hat sie zutiefst berührt.
Bibel in frauengerechter Sprache
Stellen Sie sich vor: Sie schlagen Ihre Bibel auf und können im Wortlaut entdecken, es gab sie, die Jüngerin, die Apostelin, die Diakonin. Und es gab sie ja wirklich. Sie lesen in Ihrer Bibel und können sicher sein, hier wird ernst genommen, dass das Engagement und der Einfluss von Frauen aufgezeigt werden. Die Bibel in gerechter Sprache ist das Buch der Bücher für das neue Jahrtausend - auf der Höhe der derzeitigen Forschung, so verständlich wie möglich. Über 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten derzeit an einer aktuellen Übersetzung der hebräischen und griechischen Urtexte. Im Sommer 2006 soll die Bibel in gerechter Sprache auf den Markt kommen.
Jede Übersetzung ist zugleich eine Interpretation. Bei wichtigen Texten wie z.B. der Bibel führt das immer wieder zu Diskussionen darüber, wie es denn richtig ist - doch ist das immer eine Frage der Perspektive, eine Frage, über die sich also streiten lässt. Diese Bibel fordert zur eigenen Stellungnahme heraus und ermöglicht diese. Ja, es geht um Gerechtigkeit, denn Sprache ist und war immer ein politisches Instrument. Sie spiegelt gesellschaftliche Machtverhältnisse wider und kann sie auch verstärken.
Mit dieser gerechten Bibel bekommen Leserinnen und Leser ein Buch in die Hand, das anregt nachzudenken, nachzufragen, nachzuschauen. Ich freu’ mich auf die Lektüre. Und Sie?
Heidi Hintner, Auf ein Wort, RAI-Sender Bozen, 14.1.2005
Psalm 1
aus der Werkstatt der
„Bibel in gerechter Sprache“
Anm.: Für den Namen Gottes JHWH wird in den ersten Psalmen der Name Gott gewählt. Das gesamte Projekt benötigt finanzielle Unterstützung. Bitte sich an Luise Metzler metzler@bibel-in-gerechter-sprache.de wenden.
Auf die Strategie der Achtsamkeit und das Suchen nach kleinen Schritten setzt die Grazer Pastoraltheologin, Lebens- und Sozialberaterin Univ.-Ass. Mag.a Dr.in Maria Elisabeth Aigner. „Es ist wichtig offen zu sein für das, was die Menschen bewegt. Rezepte anzubieten ist angesichts der Komplexität der Lage zu wenig. Es braucht in der Seelsorge Priester und Pastoralassistentinnen, die sich betreffen lassen. Aber unumgänglich ist, dass sich auch Pfarrer- oder Dechantentagungen der Rolle der Frau in Kirche und Gesellschaft bzw. der sich wandelnden Geschlechterverhältnisse widmen."