Eucharstie und frühe Kirche - neue Sichtweise als Hilfe für heute
Vom 2. bis 23. Oktober fand in Rom die Weltbischofssynode statt. Sie stand unter dem Thema "Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkte des Lebens und der Sendung der Kirche". So erhaben es klingt, so schwer ist es, dies in die heutige kirchliche Wirklichkeit umzusetzen. Priestermangel, antiquierte Texte, Ausschluss von geschiedenen Wiederverheirateten u.a. verhindern oft eine zeitgemäße Liturgie. Vieles sei am heutigen Eucharistieverständnisses verengt, sagte der Grazer Neutestamentler Peter Trummer in der ORF 2 Sendung „Orientierung“. Eine Erweiterung würde manche Krise in der römisch-kath. Kirche beseitigen helfen.
Peter Trummer: „Die kirchliche Tradition ist davon geprägt, dass sie immer klare Definitionen gesucht hat und dass sie sich immer auf das Wesentliche zu konzentrieren versuchte und dabei aus der gesamten Eucharistie diese vier Worte „Das ist mein Leib“ mit einem Sondergewicht sondergleichen bedacht hat. So sind diese vier Worte geradezu zum Schnittpunkt aller Überlegungen geworden und es ist vergessen worden, dass die gesamte Feier – die Schriftlesungen, die Gebete, auch die Hymnen – ganz ganz wesentliche Funktionen haben.“
ORF 2 - Orientierung: In seinem neuen Buch „Das ist mein Leib“ weist P. Trummer darauf hin, dass es in der frühen Kirche andere Formen der Eucharistiefeier gegeben habe. Feiern, die ohne die so genannten Einsetzungsworte „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“ auskamen. Feiern, die sich nicht, wie die Kath. Kirche das heute tut, auf das letzte Abendmahl bezogen. Die frühchristliche Kirche z.B. habe das Wunder der Speisung der Fünftausend in den Mittelpunkt gerückt, ein voll legitimes Gemeinschaftsmahl, sagt der Theologe.
Peter Trummer: „Wenn Eucharistie als ein Gemeinschaftsmahl gefeiert wird, das den Einsetzungsbericht nicht enthält, dann sehe ich auch gar keine besonderen Schwierigkeiten, dass auch Laien ohne den heutigen priesterlichen Vorsitz Eucharistie feiern. Um freilich gleich dazuzusagen, dass dies nicht so ohne weiteres geht, sondern dass dafür priesterliche Funktionen ausgeprägt werden müssen.“
Orientierung: Die priesterlichen Funktionen bleiben in der römisch-kath. Kirche Männern vorbehalten, Männern, die zölibatär leben. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil deutlich machte, dass nicht der Priester, sondern die gesamte Gemeinde für die Feier verantwortlich ist, kann auf ein ordiniertes priesterliches Amt nicht verzichtet werden. Darauf weist der Salzburger Liturgiker Rudolf Pacik hin. Überlegenswert bleibe freilich, wer priesterliche Funktionen wahrnehmen darf. Denn in der Kirche gebe es einerseits Vollmachtsüberschuss, andererseits Vollmachtsdefizit.
Rudolf Pacik: Vollmachtsüberschuss: ich sage es, wie Hans Bernhard Mayer es geschrieben hat. Ein Beispiel: ein Kurienbischof ist zum Bischof geweiht. Er leitet aber keine Diözese. Es ist im Grunde genommen ein hoher Beamter. Was nichts gegen seine Tätigkeit ist, die sicher wichtig ist. Auf der anderen Seite gibt es so und so viele Pastoralassistentinnen und –assistenten, die Dienste der Gemeindeleitung übernehmen, aber gottesdienstliche Funktionen nur sehr beschränkt ausüben können, weil sie nicht ordiniert sind. Also könnte man, vielleicht für die nächsten 100 Jahre, einmal überlegen, diejenigen zu weihen, die ohnehin schon die Arbeit tun.“
Orientierung: Im Oktober findet im Vatikan die 11. ordentliche Weltbischofssynode statt. Im Mittelpunkt steht die Eucharistie. Die Frage der Zugangsbedingungen zum Priestertum wird dabei voraussichtlich zur Sprache kommen. Die Frage, ob nicht beispielsweise „Viri probati“, also in Familie, Ehe und Beruf bewährte Männer, Priester werden können. Die Frage, wie wir die Eucharistie für unsere Gemeinden garantieren können, führe notgedrungen an dieser Frage nicht vorbei, betonte Alois Kothgasser, der Erzbischof von Salzburg. In der Frage eines Priestertums der Frau verweist er auf Jesus und den Ursprung der Kirche und schließt die Priesterweihe von Frauen aus. Zu einem anderen Befund kommt der Grazer Professor für Neues Testament Peter Trummer. Frauen hätten sehr wohl in der Frühzeit des Christentums wichtige Funktionen übernommen. Das frühchristliche Leben sei zu einem ganz bemerkenswerten Teil auch bei sakramentalen Feiern von Frauen getragen worden, sagt der Theologe.
Mehr als die Hälfte aller katholischen Gottesdienste wird weltweit von Laien gehalten, während die Zahl der Priester, zumindest bei uns, ständig weiter abnimmt und sich in den nächsten Jahren halbieren wird.
Peter Trummer,
Wir sind Kirche,
Nr. 36, 2002
Peter Trummer: „Wir haben etliche Hauskirchen im Neuen Testament, die von Frauen geleitet werden. Das schließt natürlich auch eine eucharistische Kompetenz mit ein. Von daher denke ich, dass der Ausschluss von Frauen viele viele Ursachen hat, aber dass es sich heute in unserer modernen Gesellschaft absolut tragisch ausnehmen würde, wenn wir im Sinne einer vermeintlichen Bindung an die Tradition daran festhalten wollten. Wir würden dabei auch die biblische Tradition über unseren Leisten biegen, über einen männlichen Leisten. Und das stimmt absolut nicht.“
Orientierung: Ernstnehmen will Peter Trummer die derzeitige Situation der römisch-kath. Kirche. Mit seinem neuen Eucharistiebuch will er Auswege und Perspektiven aufzeigen und auch der Kirchenführung sagen: es wird wieder vielfältigere Formen von Eucharistie geben müssen, damit nicht noch mehr Gläubige der Kirche den Rücken kehren.
Peter Trummer: „Da geht ein Potential verloren. Das ist geradezu unverantwortlich. Das können wir nicht gutmachen, indem wir sagen, wir sind eine Gemeinschaft, eine kleine Herde und so. Das wäre ein Verschleudern von Talenten. Das wäre ein Versagen gegenüber den religiösen Bedürfnissen. Es ist wohl klar, dass die Menschen nicht weniger religiös geworden sind. Sie wenden sich von der Kirche ab, weil die Kirche ihre eigentlichen religiösen Fragen immer weniger aufgreifen und beantworten kann. Und ich denke, wenn wir die Eucharistie wieder in einer verständlichen Sprache anbieten, wird auch genügend Bedarf angemeldet werden.“
ORF 2, „Orientierung“ (Sonntags, 30.1.2005 um 12.30 Uhr)
Spirituelle Eigenverantwortung
Die Herzen der Menschen jedoch, ihre Eigenverantwortung und Leistungsvermögen funktionieren nicht nach äußerem Zwang. Auch nicht der Glaube, die Liebe, die Beziehungen, alles Wesentliche also, was wir zum Leben brauchen - auch und gerade im Angesicht Gottes! Deswegen haben wir unsere eigene Spiritualität viel mehr wahrzunehmen und auszubilden. Wir dürfen und können sie nicht mehr bequem auf eigens beamtete Personen abschieben, selbst dort, wo diese noch einigermaßen bedarfsdeckend vorhanden scheinen. Wir haben - bei aller Notwendigkeit gerade der Gemeinschaft und Einheit aller Glaubenden - das eigentlich „Priesterliche“ unseres jeweiligen Christ-Seins selbst in die Hand nehmen. Dies ist schon aus dem einfachen Umstand heraus notwendig, dass wir im eigenen Tod absolut allein und ohne professionelle Vermittlung vor unserem Schöpfer stehen und von Angesicht zu Angesicht ihn und uns erkennen. Also sollten wir uns dem Heiligen schon jetzt mit mehr Vertrauen und Zuversicht annähern. Die Funktion eines dennoch immer notwendigen kirchlichen Amtes liegt da ganz wo anders. Dort haben sich allerdings viel mehr Funktionen und Aspekte angesammelt als wirklich gut ist. Darunter haben alle zu leiden, nicht nur die Priester, sondern auch die Gemeinden.
In der Frühzeit der Kirche und in den neutestamentlichen Hauskirchen gab es kein Priestertum im heutigen Sinn. Wenn jemand die Eucharistie, die Danksagung im Sinne Jesu gesprochen hat, dann waren dies die Gastgeberinnen oder Gastgeber eines solchen christlichen Mahles. Alles andere hätte jeder antiken Sitte widersprochen, sowohl im Judentum als auch in der hellenistisch-römischen Welt.
Peter Trummer, Wir sind Kirche, Nr. 36, 2002
Mit dem Begriff der Hauskirchen wird der Befund charakterisiert, dass es in der frühen Kirche nichts anderes gegeben hat als die Versammlungen von Christinnen und Christen innerhalb von Privathäusern. Erst im 3. Jahrhundert werden kirchliche Gemeinschaftseinrichtungen (etwa in den römischen Katakomben) sichtbar. Kirchen im heutigen Sinn und Verständnis, in entsprechender Anzahl und Ausmaßen gibt es erst seit der Konstantinischen Wende. Auch das dazugehörige Amtsverständnis entwickelte sich erst allmählich.
Peter Trummer,
Wir sind Kirche, Nr. 36, 2002
Wandlung des Tuns, nicht des Brotes
Eucharistieverständnis der frühen Kirche
Wenn wir im Unterschied zu den traditionellen Definitionen in Bezug auf Eucharistie und Amt auf die neutestamentlichen Quellen selbst schauen, kommen ganz andere Bilder zum Tragen: Da wird nirgendwo eine heilige Opferspeise gegessen, sondern da ist Jesus der Gastgeber bzw. der Mitessende. Zum Beispiel im siebten Sendschreiben der Offenbarung an die Gemeinde von Laodizea: Siehe ich stehe an der Tür und klopfe an ...und ich werde Mahl halten mit ihm/ mit ihr und er/sie mit mir (Offb 3,20). Oder beim Frühstück am See (Joh 21), wo Jesus selbst liebevoll das Essen wärmt. Auch die Emmausszene bei Lukas und die folgende Begegnung mit dem Auferstandenen beschreibt ihn als Mitessenden (Lk 24).
Von einem solchen Eucharistieverständnis her konnte und kann es auch nie die Frage sein, dass es einer eigenen Ordination bedarf, um sie legitim feiern zu können. Denn es geht dabei nicht um eine „Wandlungsgewalt“ über die Objekte von Brot und Wein - das käme ziemlich nahe an Magie heran -, sondern es geht um eine Verwandlung der dankbar feiernden Menschen oder - noch besser - um eine Wandlung ihres Tuns. Die abendländisch-mittelalterliche „Materie“ eines Sakramentes kann jedoch nicht bloß ein „Material“ sein, sondern es geht um ein Tun, eine gemeinsame Handlung, und das heißt um einen segensvollen Umgang miteinander, damit wir „ein Leib“, „Leib Christi“ werden, untereinander und mit der ganzen Schöpfung. Das meint Eucharistie im Allgemeinen und im Besonderen, weil Jesus seine Mahlgemeinschaften im Namen seines gütigen Gottes über alle menschlichen Grenzen hinweg praktiziert hat. Das ist von Menschen gar nicht so leicht und selbstverständlich zu verwirklichen, ja erfährt auch innerhalb der christlichen Kirchen und Gemeinschaften immer wieder die Tendenzen zur Abgrenzung und Vereinnahmung. Und deswegen braucht es auch immer so etwas wie ein kirchliches Amt, und zwar in dem Sinne, dass wenigstens einzelne entschieden dafür einstehen, die jesuanische Offenheit und seinen Willen hinsichtlich der Einheit aller Glaubenden gerade im zentralen kirchlichen Tun der Eucharistie nicht zu vernachlässigen.
Dass die Sache von vielen dennoch sehr viel anders empfunden wird und gerne über das kirchliche Lehramt als einzige und allgemein verbindliche Version suggeriert werden möchte, hängt mit ganz anderen Faktoren zusammen als mit den jesuanischen Ursprüngen und den sie bezeugenden biblischen Quellen.
Peter Trummer, Wir sind Kirche, Nr. 36, 2002
„Mitten in der Dunkelheit scheint ein Licht“
Die christlichen Kirchen und weit darüber hinaus trauerten Menschen um Frère Roger Schütz, den Gründer und Prior von Taizé, der am 16. August gewaltsam ums Leben kam. Zehntausende von jungen Christen hat Frère Roger nach Taizé gezogen, hat ihnen spirituelle Nahrung gegeben, hat aufgezeigt, wie Engagement und Kontemplation untrennbar miteinander verwoben sind. Er hat die Einheit von Nächsten- und Gottesliebe in zahllosen Ansprachen und Meditationen begründet und beschrieben und die Ökumene der Konfessionen und Religionen beispielhaft vorgelebt. Frère Roger war ein Wegbereiter was die ökumenische Ausrichtung seiner Theologie und des Gemeinschaftslebens in Taizé anbelangt. Und ein Vorreiter des schlichten, naturverträglichen Lebens. In einem Interview im Publik-Forum sagte er: „Gott ist die Liebe. Gott kann nur lieben. Darin liegt das ganze Evangelium.“
Frère Roger wird der Welt fehlen. Doch dass sein Geist und seine Idee weiter wirken, ist gewiss. Frère Roger sagte einmal: „Mögen wir uns manchmal wie in einer Nacht befinden, mitten in der Dunkelheit scheint ein Licht. Der Apostel Petrus lädt ein, es zu betrachten, „bis der Morgen anbricht und der Tag aufgeht in unserem Herzen’“.
Eine charismatische Persönlichkeit ist tot. Ein Heiliger, wie ihn der evangelische Bischof Huber nannte.
Noch am 12. Mai, seinem 90. Geburtstag, hat Frère Roger, Gründer und Prior der Gemeinschaft von Taizé, zur Idee seiner Communauté erklärt, es ginge darum, „Christus für die anderen zu leben. Wir wollen für sie zuallererst Menschen sein, die zuhören, und nicht Meister des geistlichen Lebens.“ Über die Zukunft seiner ökumenischen Gemeinschaft mache er sich keine Sorgen: „Ich habe Vertrauen in meine Brüder.“
Publik-Forum, Nr. 9 / Nr 16 2005