Ökumene konkret

Umgang mit der Vielfalt der Religionen

Das größte Hindernis auf dem Weg zu religionsübergreifender Harmonie besteht vielleicht in der mangelnden Anerkennung des Werts anderer Glaubenstraditionen. Bis vor relativ kurzer Zeit verlief die Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen, ja sogar zwischen einzelnen sozialen oder politischen Gemeinschaften eher schleppend oder war gar nicht vorhanden. Daher war es nicht so wichtig, ob man andere Glaubensformen akzeptabel fand oder nicht - ausgenommen, wenn Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen unmittelbar nebeneinander lebten. Diese frühere Einstellung ist aber heute nicht mehr denkbar. Die immer komplexer werdende, sich immer mehr vernetzende Welt zwingt uns dazu, das Vorhandensein anderer Kulturen ebenso anzuerkennen wie das anderer Volksgruppen oder, natürlich, anderer Glaubensrichtungen. Ob es uns gefällt oder nicht: für die meisten von uns gehört diese Vielfalt zum Alltag.

Ich glaube, der beste Weg zur Beseitigung von Unwissenheit und zur Schaffung von Verständnis liegt im Gespräch mit den Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse. Ich halte das auf verschiedene Arten für möglich. Sehr wertvoll sind Diskussionen unter Gelehrten, bei denen die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionen ausgelotet und gewürdigt werden. Auf einer anderen Ebene ist es nützlich, wenn Begegnungen zwischen einfachen, aber praktizierenden Anhängern verschiedener Glaubenstraditionen stattfinden, bei denen jeder seine Erfahrungen einbringt. Dies ist vielleicht die wirksamste Weise, um andere Denkweisen richtig einschätzen zu lernen. Was mich angeht, so haben mir zum Beispiel meine Begegnungen mit dem inzwischen verstorbenen Thomas Merton, einem Mönch des katholischen Zisterzienserordens, wertvolle Einsichten geschenkt; sie halfen mir dabei, tiefe Bewunderung für die christliche Lehre zu entwickeln. Ich halte es weiterhin für äußerst gut, wenn sich religiöse Führer gelegentlich treffen, um zusammen für ein gemeinsames Anliegen zu beten. Das Treffen in Assisi 1986, bei dem sich Abgesandte der bedeutendsten Weltreligionen zusammenfanden, um für den Frieden zu beten, war meiner Ansicht nach insofern für viele Gläubige ungeheuer wertvoll, als es die Solidarität und Friedensliebe aller Beteiligten symbolisch bekräftigte.

Dalai Lama, aus: 'Das Buch der Menschlichkeit'


Ökumene und Demokratie in der evangelischen Kirche

Georg Welker war ein Jahr Pfarrer der evangelischen Gemeinde von Meran. Was er im Kath. Sonntagsblatt zu Ökumene und zur Wahl des neuen evang. Pfarrers sagt.

Worin sehen Sie das Ziel der Ökumene?

Georg Welker: Das Ziel der Ökumene ist meiner Meinung nach keine Einheitskirche, sondern die Einheit in der Vielfalt, die eine gegenseitige Bereicherung bringen kann. Stärker als bisher müsste sich die Einheit der christlichen Kirchen in der Friedens- und Liebesbotschaft Christi zeigen. Der Friede ist ja ein zentrales Thema der Menschheit. Große Teile der Welt hungern. Da sind besonders die christlichen Kirchen gefordert.

Die Evangelische Gemeinde Meran hat eine neue Gemeindeleitung. Welche Aufgaben hat diese Leitung?

Georg Welker: Die letzte Verantwortung in der Evangelischen Gemeinde hat das Presbyterium (Pfarrgemeinderat); dieses wählt die Kuratorin (Leiterin). Der Pastor ist nur ein hauptamtlicher Mitarbeiter der Gemeindeleitung und dieser verantwortlich. Die Bestellung eines neuen Pastors ist sehr demokratisch: Die entsprechende Stelle wird in Deutschland ausgeschrieben. Die Bewerber müssen sich dann der Gemeinde mit einer Predigt vorstellen. Dann wird abgestimmt.

Kath. Sonntagsblatt, 14./21.8.2005

P.S. Inzwischen hat Pfarrer Martin Burgenmeister seinen Dienst in Meran aufgenommen. Ein herzliches Willkommen.