Kommentar
Erfreuliches Signal oder letztes Aufgebot?
Ende Juni wurden vier Männer im Dom von Brixen zu Priestern geweiht. Kommentatoren sprachen von einem erfreulichen Signal, auch wenn dadurch der große Priestermangel nicht gemildert würde. Für mich als Zuschauer am Bildschirm erschien es als eines der letzten Aufgebote einer im Niedergang befindlichen klerikalen Kirche.
Seit 1995 wurden nie mehr so viele Priester für die Diözese geweiht. Noch vor 40 Jahren standen allerdings zehn und mehr vor dem Bischof. In den nächsten fünf Jahren wird es aber voraussichtlich jeweils eine Weihe geben. Dass vier Neupriester nur ein Tropfen auf den heißen Stein des Priestermangels darstellen, musste selbst RAI Kommentator Josef Innerhofer, ein altgedienter Priester, zugeben. Von den 280 Pfarreien des Landes sind derzeit 85, d. h. 30 Prozent, ohne Pfarrer am Ort. Und das Durchschnittsalter der Priester liegt bei 67 Jahren. Nicht auszudenken, wie die Situation in 10 Jahren aussehen wird. Da hilft es nur wenig, wenn Josef Innerhofer darauf hinweist, dass ein Priester heutzutage zwei oder drei Pfarreien betreuen könne. Die Ortschaften seien gut zugänglich und die Laien könnten viel mitarbeiten. Andererseits wird die Aufgabe des Priesters damit umschrieben, dass er Gemeinschaft stiften, die Menschen in allen Lebenslagen begleiten, die Gnade Gottes herabflehen, ein alternatives Leben führen solle. Wie das bei zwei, drei oder mehr Pfarreien möglich ist, bleibt ein Rätsel.
Die Kirchenleitung - in Rom wie auch in Bozen - lässt schon seit langem die Seelsorge, d.h. die religiöse, spirituelle Begleitung von Menschen, verkümmern, sagen Fachleute. Nur die Sakramentenspendung und die Verwaltung werden oder können noch aufrechterhalten werden. Laut mehreren Umfragen ist das religiöse Bedürfnis in der westlichen Gesellschaft aber im Steigen. Spirituelle Angebote sind hoch im Kurs, nur die katholische Kirche hält lieber an den derzeitigen Weihebedingungen Zölibat und Ausschluss der Frauen fest, als dass sie auf die Bedürfnisse von Gläubigen und weniger Gläubigen eingehen würde. In den protestantischen Kirchen und der orthodoxen Kirche, wie auch in der mit Rom unierten orthodoxen Kirche – dort gibt es den Pflichtzölibat für Priester nicht – existiert kein Priestermangel.
Der Priestermangel in der katholischen Kirche ist jedoch nur ein Hinweis auf eine grundlegendere Krise. Die klerikale, d.h. priesterzentrierte und absolutistisch ausgerichtete Kirche steht auf dem Prüfstand. Das will die Kirchenleitung auf allen Ebenen nicht wahrhaben. Die Struktur der Kirche steht zur Diskussion. Wie lange soll ein Papst im Amt bleiben, wer wählt den Bischof, was hat ein Pfarrgemeinderat zu entscheiden, was gelten die Meinungen von Theologinnen und Theologen? Letztlich hängt alles vom Papst, ebenso wie vom Bischof und vom Pfarrer ab. Wenn 40 angesehene Vertreterinnen und Vertreter und 75 Prozent der Schweizer Katholikinnen und Katholiken sich laut einer Umfrage für den Rücktritt des Papstes aussprechen, so wird das nur als Unverfrorenheit abgetan. Wenn Millionen von Gläubigen im deutschsprachigen Raum sich für Reformen aussprechen, wie beim Kirchenvolksbegehren von 1995, so antwortet die Kirchenleitung nicht einmal darauf. Ein Pfarrer besitzt nach wie vor ein Vetorecht, auch in organisatorischen Fragen. Andererseits nimmt der Kirchenbesuch stetig ab. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Bedeutung der Kirche nimmt im Leben der Menschen stetig ab. Dass der Kirche als moralische Instanz jedoch große Bedeutung beigemessen wird, wurde beim Engagement von Johannes Paul II. für den Frieden im Irak deutlich, auch wenn der Krieg nicht verhindert werden konnte. Die Stellungnahme des neuen Innsbrucker Bischofs Manfred Scheuer zum Transit wurde mit Freude aufgenommen.
Noch wird die klerikale Kirche von Politik und Medien hofiert, wie die Fernsehübertragung zeigt. Wie ein Bild aus vergangenen Zeiten mutete die zugegeben feierliche und erhebend wirkende Liturgie am vergangenen Samstag in Brixen an. Das Leben findet jedoch woanders statt, hatte man aber den Eindruck, auch wenn man die Äußerungen der Neupriester in verschiedenen Medien las.
Nein, nicht dem „Dreinreden“ der Kirche in allen Bereichen, wie es früher war, sei hier das Wort geredet. Nein, nicht die Kirche soll in Frage gestellt werden, sondern ihre derzeitige klerikale absolutistische Struktur. Nicht das Priestertum soll abgeschafft werden. Aber der Priester oder die Priesterin sollen keinen besonderen Status haben. Sie sollen frei und kompetent sein für die spirituelle religiöse Begleitung der Menschen in allen Lebenslagen.
Robert Hochguber, ff, Nr. 27, 1.7.2004