Grundhaltungen
Ungehorsam als Pflicht
Blinder Gehorsam ungenügt
Mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen sich bei der 2. Kirchenvolks-Konferenz rz in Wien für eine Kirche mit menschlichem Antlitz aus, in deren Leben Gottes Liebe sichtbar wird. Sie wollen nicht länger mit ansehen, dass sich Menschen durch rigorose Anwendung kirchlicher Vorschriften entmündigt, gekränkt, ausgegrenzt oder verletzt fühlen. Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Laien wie Kleriker – erleben in ihrer Arbeit immer wieder, dass das Kirchenrecht sogar als dem Evangelium widersprechend empfunden wird. Hier muss um der Menschen und um Gottes Willen rasch Abhilfe geschaffen werden, will die Kirche wieder als Hort der Menschlichkeit erfahren werden und ihr Ansehen in der Gesellschaft sowie ihre moralische Autorität nicht gänzlich verlieren.
Konstruktive Kritik und persönliche Verantwortung
"Ungehorsam ist nicht bloß in Ausnahmesituationen legitim, sondern in gewisser Hinsicht eine Tugend", stellte der bekannte und angesehene Moraltheologe Univ.-Prof. Dr. Hans Rotter SJ im Eröffnungsreferat fest. Wenn "Kritik als Partizipation an der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl" gesehen wird, können Gegensätze überwunden werden. Nicht nur im staatlichen sondern auch im kirchlichen Bereich ist es notwendig, "die Unterordnung unter eine legitime Autorität nach dem Urteil des eigenen Gewissens zu prüfen und zu verantworten", meint Rotter.
"Gegen die Anmaßung von Menschen, im Namen Gottes zu richten, stellt Jesus die beinahe unbeschränkte Bereitschaft zu vergeben", stellte Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Langer in seinem Referat fest. "Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes und eigentlich seine Überwindung. Sie ist eine Antwort auf die Herausforderung der konkreten Situation und kennt keine vorherigen Unterscheidungen, was erlaubt oder unerlaubt ist", betonte er. Es gelte, "den inneren Sinn einer Norm zu erfassen und in einer geänderten Situation diesen zu verwirklichen, nicht den Wortlaut der Norm", meinte der Religionspädagoge und Katechet.
Um Gottes Willen ungehorsam
In acht Workshops zu konkreten Fragen des kirchlichen Lebens listeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kirchenvolks-Konferenz die Breite der tatsächlich stattfindenden Regelübertretungen auf. Sie berichteten über ihre positiven Erfahrungen durch das Umgehen vorgegebener Normen. Aus diesen Gründen rufen sie die Mitglieder der römisch-katholischen Kirche auf, in ständigem Dialog miteinander und dem eigenen Gewissen folgend mutig und verantwortungsvoll ihr Leben und ihren Einsatz in der Kirche aus Liebe zu den Menschen zu gestalten. Sie erkennen Gott als das Zentrum ihres Lebens und Wirkens und nicht zuerst das Kirchenrecht.
Langer: "Angesichts des gegebenen pastoralen Notstands dürfen Christen nicht in unüberlegtem Gehorsam verharren. Für einen heiligen Ungehorsam müssen sie jedoch mit ihrer Person einstehen. Es geht um die Menschen, und es geht um die Sorge Gottes für die Menschen, die er Menschen anvertraut hat."
Ingrid Thurner
Trau dich, wenn du etwas verändern willst
Das war das Motto der 17. Landesversammlung der Frauen im KVW im März 2003
Die Referentin Margrit Küchler von Ah aus der Schweiz ermutigte die Frauen, klar Position zu beziehen. Stellung beziehen heißt, klar sein in der Sprache und im Verhalten, es bedeutet Transparenz in die Strukturen und in die Entscheidungsprozesse zu bringen. Position beziehen heißt für die Referentin auch strategisch denken und überlegt handeln, „wenn dies auch scheinbar unweibliche Eigenschaften sind“. Wer Stellung bezieht, dem muss bewusst sein, dass dies auch Folgen und Konsequenzen hat. Mut und Zivilcourage sind ohne Konflikte nicht zu haben. „Konflikte und Widerstand bieten Chancen zu wirklichen Veränderungen, da es allen Beteiligten um etwas Wichtiges geht“, sagte Küchler.
Im abschließenden Wortgottesdienst verglich Josef Stricker, der geistliche Assistent im KVW, das Motto der Frauenlandesversammlung mit dem Pfingstereignis. Dort ging es darum, hinauszugehen in die Welt und etwas zu verändern. Dafür brauche es drei Eigenschaften des Geist Gottes: die Fähigkeit des Durchblicks, um Zusammenhänge zu sehen und das Wesentliche zu erkennen; die Fähigkeit zur Fernsicht, um über die eigene Nasenlänge blicken zu können; und das Streben nach Ganzheit. Kopf und Herz gehören wie Leib und Seele, Verstand und Sinne zusammen und machen den ganzen Menschen aus.
Kompass, Monatsz. des KVW, Mai 2003