Geschichte
Ich hab die ganze Welt in der Tasche
Anna ging zwar tapfer in den Gottesdienst und in die Sonntagsschule, aber ziemlich ungern. Das hatte einen guten Grund. Was da gelehrt und gesagt wurde, fand Anna nämlich „viel zu weit weg von Mister Gott“. Dass sie ihn sich gleichzeitig als allmächtigen Schöpfer, als Quell unendlicher Liebe und als gerechten Richter unserer Missetaten vorstellen sollte, behagte ihr nicht. Für sie war Gott nicht „so hoch oben wie ein König, wo Polizisten vor seiner Tür stehen“, sondern jemand, der immer da ist und mit sich reden lässt, wenn man ihn sprechen möchte.
Was Anna in der Kirche am meisten gefiel, war der schöne Mosaikboden. An seinem Muster konnte sie sich nicht satt sehen, während die Worte des Pfarrers durch das Kirchenschiff hallten. „Da kitzelt es mich überall“, flüsterte sie mir zu. „Und wenn's einen überall kitzelt, dann ist Mister Gott ganz nah.“ Kitzeln aber tat sie der gemusterte Kirchenboden und nicht etwa die donnernde Predigt des Pfarrers. Im Übrigen beschäftigte Anna bei ihren Kirchenbesuchen am meisten, dass so viele Leute da waren, die auf ein Wunder zu warten schienen.
Anna konnte geduldig warten, davon habe ich schon gesprochen. Aber auf Wunder brauchte sie nicht zu warten. Nein, die erlebte sie ja überall und jeden Tag. Für Anna war die ganze Welt ein einziges Wunder, und das allergrößte Wunder war, dass sie in dieser Welt lebte.
Es gab jedoch auch was, das ihr nicht ganz so wunderbar vorkam. Und darüber schrieb sie ihren ersten Brief an Mister Gott.
Lieber Mister Gott!
Heut schreib ich Dir, was ich zu Fynn gesagt habe über Dich, aber der hat gesagt, schreib's ihm doch selbst. Ich glaub, der hat Angst, dass Du böse wirst, und er will keinen Ärger mit Dir. Auch nicht mit dem Pfarrer. Also: Furchtbar gern geh ich nicht in die Kirche, hab ich zu Fynn gesagt. Woher weißt du denn, ob Mister Gott da drin ist? Er kann drin sein, aber er muss nicht. Nur wenn wir ihn mit reinnehmen, dann ist er bestimmt drin. Ich würd ja an Mister Gott seine Stelle von allein auch nicht kommen. Ich würd immer warten, dass mich die Leute mitnehmen. Er ist ja auch gar nicht schwer, weil im Herz drin, da ist er so leicht wie eine Feder. Hab ich zu Fynn gesagt. Findest Du das schlimm?
Ich geh auch nicht gern in die Kirche, weil die Leute da so traurige Lieder singen. Die machen aus Dir einen, der immer schimpft, wie so ein Rechenlehrer, wenn man die Schulaufgaben nicht gemacht hat. Und dabei bist Du doch sehr lustig, find ich, und ganz riesig nett.
Fynn, Anna schreibt an Mister Gott, Scherz Verlag
In einer ruhigen Vollmondnacht träumte ich von einer weltweiten Gemeinschaft, die anders war als unsere gewöhnliche menschliche Gesellschaft. Die Vielfalt der Gruppen, Dienste und Begabungen war in ihr so groß, wie die Vielfalt der Blumen, der Gräser, der Käfer und der Sterne in Gottes wunderbarer Schöpfung. Doch es gab in ihr kein oben und keine unten, kein rechts und kein links. (Im Traum ist so etwas möglich.) Alle waren auf der gleichen Ebene und alle scharten sich um eine Mitte.
Nicht rechts die Guten und links die Schlechten, nicht oben die Männer und unten die Frauen, nicht rechts die Geweihten und links die Ungeweihten, nicht oben die Katholiken und unten die Evangelischen, nicht rechts die Reichen und links die Armen, nicht oben die Akademiker und unten die Analphabeten, nicht rechts die Europäer und links die sogenannte Dritte Welt, nicht oben die Christen und unten die Nichtchristen.
Helmut Th. Rohner, Dornbirn