Literarische Seite
Der Menschensohn - Die Geschichte vom Leiden Jesu
von Michael Kohlmeier
Distanz wahren und misstrauisch bleiben braucht man bei dem Erzähler, auf den ich heute hinweisen will nicht. Vorstellen brauche ich den bereits vielfach ausgezeichneten österreichischen Gegenwartsautor sicher auch nicht. Wahrscheinlich ist er den meisten bereits bekannt durch Bücher wie „Geschichten von der Bibel“ oder „Moses“.
Das bereits 2001 erschienene Taschenbuch „Der Menschensohn“ erzählt eine völlig andere Passionsgeschichte als z.B. die in diesem Frühjahr viel diskutierte cineastische Verarbeitung von Mel Gibson. Köhlmeier wählt das nicht in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommene Thomasevangelium als Dreh- und Angelpunkt seiner Erzählung, immer wieder fließen Zitate daraus in den Text ein. Aus der Perspektive des Thomas, des Zweiflers, wird die Geschichte, oder besser gesagt: die Geschichten, die Legenden rund um das Leiden Jesu erzählt. Eine dem Stil des Buches entsprechende Alternative zum Selberlesen ist übrigens das auf Doppel-CD erschienene Hörbuch: einfach zurücklehnen und zuhören!
Leseprobe
„Aber wenn Jesus Geschichten erzählte – keine länger, als ein Mann dreimal den Atem anhalten kann -, dann vergaß Thomas, was er sich so sehr vorgenommen hatte, nämlich: Distanz zu halten, Skepsis zu bewahren, misstrauisch zu bleiben.“ (S. 62)
Thomas ist ein eifriger, talentierter Bauingenieur, der sogar mit der römischen Besatzungsmacht gemeinsame Sache macht. Er erklärt sich bereit, beim Ausbau der Wasserversorgung der Stadt mitzuarbeiten. Im Grunde seines Herzens fühlt er sich jedoch einsam und leer. Nachdem er auf der Baustelle aus ungeklärter Ursache zusammenbricht, vertraut er sich einem Arbeitskollegen und Freund an: Judas Iskariot. Dieser erzählt ihm von Jesus, einem Propheten, der auch Seelen heilen kann, und nimmt ihn mit zu einer Predigt. Thomas ist sehr skeptisch, er bleibt längere Zeit im Hintergrund bis ihm eine Aussage Jesu jeden Zweifel nimmt: Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Dieser Satz löste den Konflikt. Auf geniale Weise. Die Falle schnappte zu, aber fing keine Beute. Die Fallensteller waren jämmerlich bloßgestellt. Mit diesen wenigen Worten hat Jesus die innere Zerrissenheit des Thomas geheilt, als hätte er diese Worte nicht an die Abgesandten des Hohen Rates gerichtet, sondern an Thomas. Mit diesen Worten hat Jesus die Sehnsucht nach Liebe und die Sehnsucht nach höchster Rationalität zusammengeführt. Und dieser Satz war überzeugender gewesen für Thomas als alle Wunder, von denen ihm erzählt worden war. Er trat auf Jesus zu und sagte: „Ich möchte zu dir gehören.“ (S. 77)
Thomas schreibt von nun an alles auf, was Jesus sagt. Die Passion selbst erlebt er nur bis zur Verleumdung durch Judas am Ölberg als Augenzeuge mit, die weiteren Ereignisse erfährt Thomas durch Erzählungen des Petrus, des Josef von Arimatäa, des Johannes etc. Nachdem seine Freunde Petrus, Jakobus, Johannes und die anderen ihn nach einiger Zeit besuchen kommen und ihm von der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus erzählen, kann Thomas nicht glauben und folgt ihnen auch nicht. Daraufhin erscheint Jesus dem Thomas und er glaubt, als er seine Hände in dessen Wunden legen kann.
Der Menschensohn, Die Geschichte vom Leiden Jesu, Köhlmeier Michael, Taschenbuch Serie Piper 3312, ISBN 3-492-23312-0, ca. 8 Euro. Hörbuch: 2 CDs - ORF-CD 639, LC 5130 ORF Edition Radio Literatur 2001, ca. 22 Euro.
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