Herzerfrischend - couragiert

Erlebnisbericht zur Vollversammlung der Initiativgruppe am 26.03.04

„Wie sehe ich Kirche – wie geht es mir in der Kirche“ - soweit der inhaltlich vorgegebene Leitfaden der diesjährigen Vollversammlung unserer Initiativgruppe, welche am 26.03.04 von 17.00 -21.00 Uhr im Bozner Pfarrheim stattfand. Ungefähr 20 Teilnehmer/innen fanden sich ein, um sich von den Stellungnahmen der geladenen Referenten/innen Martha Pichler und Anneliese Trebo, Bozen, und Hans Heiss, Brixen, anregen zu lassen und den eigenen Standpunkt zu reflektieren und gegebenenfalls darzulegen. Herzerfrischend und couragiert - was sonst leider so selten zu finden ist - die Offenheit, mit der hier Einsichten und Meinungen vorgetragen wurden.

So verwies Frau Martha Pichler freimütig auf die konservative und starre Haltung der zu mächtigen, reichen und ausschließlich männlich geprägten Amtskirche und deren Ängstlichkeit, im Erkennen der Zeichen der Zeit neue Wege zu wagen (Zölibat, Frauenfrage...). Anerkennend hob sie die positiven Ansätze der Ortskirche hervor (Laienpredigt , Caritas, Frauenliturgie...) und formulierte die Herausforderung für uns alle, sich mehr am Leben Jesu zu orientieren, auf andere zu zugehen und Mut zur eigenen Wahrheit zu haben. Dass noch die Kraft zum Träumen, dieses Vertrauen des Glaubens, in vielen lebendig ist, brachte auch der abschließende meditative Text zum Ausdruck. Die spontanen Beipflichtungen zu diesem ersten Statement zeigten, wie sehr Martha Pichler den Anwesenden aus dem Herzen gesprochen hatte. Frau Anneliese Trebo von der KFB Bozen unterstrich die Bedeutung der kleinen Schritte. Nach ihrem Empfinden wäre die Zeit reif für ein neues Konzil.

Als nicht mehr praktizierender Katholik mit sozusagen „ruhender Mitgliedschaft“ präsentierte Hans Heiss seine Außensicht zur Kirchenfrage in Südtirol: Zentraleuropa sei im öffentlichen und privaten Leben eng an die Kirche gebunden. In Tirol ergab sich die enge Bindung aus dem politischen Widerstand der letzten Jahrhunderte. Heute sei die Energie der Südtiroler Kirche erloschen. Spürbar sei ein lahmes Sich-fügen in die Zeit, geprägt von Ängstlichkeit. Noch immer sei die Kirche der Versuchung zur Macht ausgesetzt und in ständiger Gefahr, dieser zu erliegen. Die Aufgabe der Kirche heute sieht der Historiker und Politiker darin, sinnvoll zu vermitteln, zu dialogisieren, hinzuhören statt sich beharrlich auszuschweigen. Konfliktstärke und Mut zur Erneuerung seien gefragt. Frieden und Bewahrung der Schöpfung seien die wesentlichen Anliegen unserer Zeit. Auch das fortschreitende Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich würde zu einer wichtigen Frage, wobei hier die Caritas bereits lobenswerte Arbeit leiste. Das abschließende Wort zitiere ich: „Eine Öffnung und sanfte, aber radikale Reform der Amtskirche auch in Südtirol ist für die Entwicklung unserer Gesellschaft unerlässlich, im Sinne des Täufers Thomas Münzer: Wer den bitteren Christus nicht haben will, wird am süßen Honig ersticken.“ Den Ausführungen von Hans Heiss folgte ein reger Gedankenaustausch.

Persönlich empfand ich es als wohltuend, wie aufrichtig und engagiert diskutiert wurde und dass dem Einsatz der Initiativgruppe hohe Wertschätzung zuteil wurde, verbunden mit der Ermutigung zur Weiterarbeit. Doch auch das Gesellige kam nicht zu kurz. An die Pause am reichhaltigen Buffet schloss sich eine entspannende Phantasiereise mit „Reiseleiter“ Karl Trojer an. Nach dem Vorlegen des Jahres- und Finanzberichtes wurde der Vorstand einstimmig entlastet. Per Handheben wurde der „alte“ Vorstand neu gewählt: Vorsitzender Robert Hochgruber, stellvertretende Vorsitzende Annegret Steck; weitere Vorstandsmitglieder sind Albuin Baumgartner, Martha Hochgruber, Marianne Pichler und Karl Trojer. Die monatlich statt findenden Vorstandssitzungen werden weiterhin für alle Interessierten offen sein.

Dankbar für das bereichernde Treffen und erfüllt von der Vorfreude auf den im Sommer geplanten spirituellen Ausflug, zu dem alle herzlich willkommen sind, gingen wir gegen 21.00 Uhr auseinander.

Annegret Steck, Naturns