Bibelecke
Löscht den Geist nicht aus
„Löscht den Geist nicht aus!“, so ermahnt der Apostel Paulus seine Gemeinde im 1. Tessalonicherbrief. „Löscht den Geist nicht aus!“, diese Mahnung macht mich immer wieder betroffen und nachdenklich. Denn dieser Brief ist der erste uns bekannte Paulusbrief, also das älteste erhaltene Schriftstück nicht nur des Neuen Testamentes, sondern der Geschichte des Christentums überhaupt, geschrieben so um das Jahr 50/51. Da müsste eigentlich alles noch ganz frisch, ganz nahe sein. Die Augenzeugen der Geschehnisse um Jesus noch am Leben, die Geisterfahrung ganz lebendig und stark und die Begeisterung noch ungebrochen. Und dennoch die Mahnung: „Löscht den Geist nicht aus!“
Zwar kann Gottes Geist nicht ausgelöscht werden, und das wusste sicher auch Paulus, doch gab es offenbar schon zu seiner Zeit die Versuchung, das Wehen des Geistes Gottes zu kanalisieren, ihm Grenzen zu setzen, es einzufangen in Ordnungen und Lehrsätze und an Ämtern und Hierarchien festzu-machen. Ein domestizierter Heiliger Geist, über den verfügt und der verwaltet wird. Das allerdings wäre ein Götze.
Und so hat die Mahnung des Paulus bis auf den heutigen Tag nichts von ihrer Herausforderung eingebüßt: Löscht den Geist nicht aus, sondern gebt seinem Wehen Raum, verharrt nicht in der Erstarrung, lasst euch bewegen. Seid nicht ängstlich, wagt Neues, meldet euch zu Wort, teilt euch mit, werdet zu einer Gemeinschaft, in der es Verstehen gibt. Eigentlich ein schönes Programm!
Brigitte Grießmair
Auf ein Wort, RAI - Sender Bozen, 7.6.2003
Drei Wege zum Sinn
„Immer haben wir gearbeitet, alles gespart, uns kaum etwas gegönnt und wir haben uns gesagt: Dann in der Pension werden wir fortfahren und das Leben genießen - und kaum waren wir in der Pension, sind wir beide krank.“
Nach einer Weile schaute mich die Frau an und sagte: „Sie sind noch jung und gesund - leben sie jetzt - bei uns ist es zu spät.“
Es fällt mir immer wieder auf, dass sich oft jene Menschen mit Krankheit und Tod am schwersten tun, wenn sie das Gefühl nicht loswerden, etwas versäumt zu haben, oder erkennen müssen, wie unerfüllt ihr Leben bis jetzt war. Jene Menschen aber; die auf ein erlebnisreiches, erfülltes Leben zurückblicken dürfen, können manchmal mit einer staunenswerten Gelassenheit mit Krankheit und Sterben umgehen.
Obwohl ich immer wieder sehr schlimme Schicksale miterlebe, ja manchmal auch mitweine, so gehe ich beim Krankenhaus oft ermutigt, ja innerlich aufgefordert, hinaus, dass ich hier und jetzt beginne, ganz und intensiv zu leben.
Viktor Frankl nennt drei Wege, die zu einem erfüllten, sinnvollen Leben führen können. Als ersten Weg nennt er die „Erlebniswerte“: Es geht darum, mich selber und alles was mich umgibt, die Natur, die Kunst, die Musik und die Beziehung zu Mitmenschen bewusst wahrzunehmen und zu genießen.
Der zweite Weg sind die „Schöpferischen Werte“: Durch das Schaffen eines Werkes, und durch das sich Hingeben an eine Aufgabe erwächst Sinn.
Wie aber kann ein Mensch Sinn erfahren, dem es zum Beispiel durch eine Krankheit kaum mehr möglich ist, zu genießen oder etwas zu schaffen? Hier spricht Frankl von den „Einstellungswerten“: Es kommt darauf an, wie ich mit dem Leid umgehe, wofür oder für wen ich leide. Stehe ich es für mich durch - tue ich es für meine Familie - oder lege ich es in Gottes Hand? Frankl philosophiert nicht vom grünen Schreibtisch aus, sondern er hat vier Konzentrationslager durchlebt. So muss es auch für die eingangs erwähnte Frau nicht zu spät sein.
Franz Hirsch, Krankenhausseelsorger
und Psychotherapeut in Krems o.k.,
St. Pölten, 9 September 2002