Reformstau erzwingt Selbsthilfe
Gespräch um Pflichtzölibat und Frauenordination mit dem Theologen Leo Karrer
Verweigert die katholische Kirche die Diskussion von Pflichtzölibat und Frauenordination könnten „Teile der Kirche zur Selbsthilfe greifen“, meint der bekannte schweizer Theologe Leo Karrer.
Leo Karrer, die katholische Synode des Kantons Luzern hat mit großer Mehrheit einer Erklärung zugestimmt, in der die Abschaffung des Pflichtzölibates und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt gefordert wird (siehe S. 7). Wie beurteilen Sie die Bedeutung dieser Erklärung?
Umstrittene Priesterinnenweihe auf der Donau am 29.6.2003
Leo Karrer: In dieser Erklärung der Luzerner Synode werden bekannte heiße Eisen der katholischen Kirche aufgegriffen, die auch früher immer wieder Thema von Stellungnahmen basiskirchlicher Organisationen gewesen sind: Ich denke beispielsweise an die groß angelegten Kirchenvolksbegehren, in denen bereits 1995 allein in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz mehrere Millionen Unterschriften gesammelt wurden. In der jüngsten Erklärung der Luzerner Synode kommt einmal mehr sehr deutlich zum Ausdruck, dass der Reformstau in Sachen Pflichtzölibat und Frauenordination ein großes Problem darstellt. Dieser Reformstau ist an der Wurzel ein Diskussionsstau.
Es scheint allerdings, dass sich in den vergangenen 30 Jahren in diesen Fragen kaum etwas bewegt hat...
Karrer: Tatsächlich hat sich in diesen 30 Jahren institutionell nichts bewegt, obwohl hier Veränderungen theologisch möglich und pastoral geboten wären. Was die innerkirchliche Auseinandersetzung so bemühend macht, ist der Umstand, dass man auf der Entscheidungsebene der katholischen Kirche - und damit meine ich die Bischofskonferenzen und die Kirchenleitung in Rom - nicht einmal ansatzweise bereit ist, diese heißen Eisen zu diskutieren. Das nimmt längerfristig vielen Menschen die Lust, sich überhaupt noch zu engagieren.
Sie wünschen sich also mehr Streitkultur innerhalb der katholischen Kirche?
Karrer: Ja. Damit meine ich eine Dialogkultur, die natürlich auch fairen Streit beinhaltet. Es fehlt auch in der Schweiz an konkreten Gesprächsinstrumenten, die notwendig sind, um die angespannte Situation zu entlasten und die Atmosphäre zu entgiften. Da genügt es nicht, ein einmaliges Bistumstreffen durchzuführen. Erforderlich sind institutionalisierte Foren wie beispielsweise die „Tagsatzung“, an der die verschiedenen Organisationen, Gruppierungen und Einzelpersonen mit den pastoral Verantwortlichen ins Gespräch kommen. Leider haben es die Schweizer Bischöfe versäumt, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen.
Warum tun sie das nicht?
Karrer: Ausschlaggebend sind wohl die gleichen Ängste, wie es sie schon in den Anfängen der Katholikentage in der Schweiz gegeben hat. Die Bischöfe haben Angst, es gäbe dadurch noch mehr Unruhe und eine weitere Polarisierung innerhalb der Kirche.
Was sind mögliche Konsequenzen, wenn die hängigen Probleme in der katholischen Kirche nicht offensiv angepackt werden?
Karrer: Wenn sich die Verantwortlichen zu lange der Diskussion verweigern, ist zu befürchten, dass Teile der Kirche zur Selbsthilfe greifen oder die Sache mit der Pfarrerbestellung selber an die Hand nehmen, ohne dabei die Bischöfe zu fragen. Dieser Vorgang wäre „schismatisierende Selbsthilfe“. Eine solche Entwicklung würde natürlich nicht meinem Kirchenverständnis entsprechen. Aber durch das fehlende Handeln der Kirchenleitung wächst zwangsläufig der Druck auf die noch wache Basis, sich selbst zu helfen. Unter der Hand weiß ich auch von Bischöfen - nicht nur in der Schweiz -, dass der gegenwärtige Reformstau manchen viel stärker auf den Magen drückt, als sie gegen außen zugeben können.
Heißt das, dass angesichts der akuten Notsituation in der Pastoral auch unter Bischöfen über die Landesgrenzen hinaus eine Solidarisierung einsetzen müsste?
Karrer: Bei den angesprochenen Fragen handelt es sich weiß Gott nicht nur um schweizerische Probleme. Zwar stellen sich diese Herausforderungen nicht überall gleich, doch aus meinen zahlreichen internationalen Kontakten nicht nur im deutschsprachigen Raum zeigt sich, dass in den verschiedenen Ländern doch sehr ähnliche Probleme anzutreffen sind. So hörte man beispielsweise 1987 in der Bischofssynode in Rom von Vertretern aus Afrika und Südamerika, dass sie eine Aufhebung des Pflichtzölibates oder die Weihe von Priesterinnen nicht grundsätzlich ablehnen.
Hat das Ideal des Zölibates ausgedient?
Karrer: Nein. Ich meine, dass der Zölibat eine Lebensform darstellt, die nach wie vor zum Charisma eines Menschen gehören kann. Als grundsätzliche Voraussetzung zum Priesteramt halte ich ihn jedoch für theologisch nicht zulässig. Papst Johannes Paul II. hat ausdrücklich festgehalten, das Nein der römisch-katholischen Kirche zur Frauenordination sei «endgültig» und «nicht diskutierbar».
Verhindert das nicht weitere Diskussionen?
Karrer: Tatsächlich gibt es diese Aussage des Papstes in einem 1994 veröffentlichten Schreiben. Und ich habe Mühe damit, dass ein solches Rede- und damit Denkverbot in der Kirche nicht den prophetischen Protest auch von Bischöfen ausgelöst hat. Keine Frage darf in der Kirche von vornherein tabuisiert werden, denn das wäre Sünde wider den Geist. Für die Ordination von Frauen sehe ich kein theologisches Hindernis.
Wagen Sie eine Prognose, bis wann in der katholischen Kirche das Pflichtzölibat aufgehoben und die Frauenordination eingeführt sein wird?
Karrer: Ich könnte mir vorstellen, dass die Änderungen schneller kommen, als wir uns im Moment denken können. Die Frage einer Veränderung hängt wesentlich von den künftigen Päpsten ab. Und darin wird auch die Schwäche dieses Systems deutlich: Die katholische Kirche ist nach wie vor einseitig auf die Spitze der Kirchenleitung hin konzentriert, während die dringend notwendigen synodalen Strukturen zur Mitsprache der Gläubigen an der Kirchenbasis auch heute noch weit gehend fehlen.
Benno Bühlmann, Neue Luzerner Zeitung, 14. November 2003
Freistellung des Zölibates und Frauenordination
Erklärung der Synode von Luzern
In der Schweiz hat eine Erklärung der Synode der römisch-kath. Landeskirche des Kantons Luzern im Ende 2003 für Aufsehen gesorgt. Die Synode ist eine Art Kirchenparlament, bestehend aus etwa 80 Laien und ca. 20 Priestern. Sie ist eine Einrichtung der Landeskirche und verfügt zusammen mit den Pfarrgemeinden über die Einnahmen aus den Kirchensteuern. Sie werden unabhängig vom Diözesanbischof und nach demokratischen Prinzipien verwaltet. Die Pfarrgemeinden besitzen zudem das Recht, den Pfarrer zu wählen. In manchen Kantonen steht es ihnen sogar zu, den Pfarrer nach Ablauf einer bestimmten Frist wiederzuwählen bzw. zu entlassen.
Die Synode der Landeskirche des Kantons Luzern erklärte am 5.11.2003, dass Priestermangel, Zölibat und Frauenordination „Probleme sind, die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der katholischen Kirche bestimmen.“ Als engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche fühlten sich die Synodalen „gedrängt und auch berechtigt, uns für dringende Veränderungen, die schon längst fällig wären, einzusetzen“.
Ausgehend vom Hinweis, dass der Zölibat aus biblischer Sicht nicht Bedingung für die Zulassung zum Priesteramt sei, ausgehend von der veränderten Wohn- und Arbeitssituation der heutigen Priester und von der Notwendigkeit eines emotionalen Haltes bei einer Partnerin setzt sich die Synode für die Aufhebung des Pflichtzölibates und die Rehabilitierung der Priester, die wegen der Verletzung desPflichtzölibates dispensiert wurden, ein. Nicht die Abschaffung des als Charisma bezeichneten Zölibates wird gefordert, sondern die Freistellung, damit viele Seelsorger heute ihr Doppelleben aufgeben können. Die Glaubwürdigkeit der kath. Kirche könnte dadurch gefördert werden, erklärt die Synode.
Sodann wird die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche eingefordert. Frauen würden heute schon große Verantwortung tragen und in den Pfarrgemeinden „ihre seelsorglichen Funktionen ebenso wahrnehmen wie Männer. „Es besteht kein göttliches Gesetz, das die Weihe für Frauen verbietet“ erklärt die Synode entgegen der Enzyklika „Ordinatio sacerdotalis“ von 1994. „Die Ordination von Frauen würde unserer Kirche eine Bereicherung bringen“. Die Ordination der Frau sollte nicht mit Blick auf die Weltkirche verweigert werden, denn „die Bedürfnisse eines Landes können niemals zur gleichen Zeit die gleichen eines anderen Landes sein“ und das „Zentrale unseres Glaubens, die Nachfolge Jesu“ bliebe „trotz Reformen unangetastet“.
Die Präsidentin der Synode Jolanda Stadelmann-Tschopp wurde beauftragt, die Erklärung an Bischof Kurt Koch zu Handen der Schweizerischen Bischofskonferenz weiterzuleiten.
Sie wurde mit 73 Ja- zu 8 Gegenstimmen bei 9 Enthaltungen gutgeheißen.
KATHPRESS, 14.11.2003