Pädophilie und Zölibat

Warum die Ehelosigkeit der Priester freiwillig sein soll

Zugegeben, dass sexuelle Vergehen gegen Kinder und Jugendliche nicht direkt mit dem Zölibat zu tun haben. Wenn dabei trotzdem wieder darüber diskutiert wird, so doch wohl deshalb, weil auch da vieles von der kirchlichen Führerschaft verdeckt und verdreht wird, zum Leidwesen vieler Männer, Frauen und Kinder. Es muss immer wieder klar unterschieden werden zwischen Zölibat und dem kirchlichen Gesetz, das die Ehelosigkeit mit dem kirchl. Dienst (Priestertum) verbindet.

Aus dem Neuen Testament und aus Erfahrung wissen wir, dass das Gesetz nicht rechtfertigt, nicht heiligt. Auch würde ich es als verletzend empfinden, den Verteidigern einer freien Wahl in der Sache zu unterstellen, es ginge ihnen darum „ihre Triebe auszulassen“, wie kürzlich jemand meinte, selbst wenn es Paulus ähnlich ausdrückt: „Besser heiraten als brennen“. Die Moraltheologie ist seither etwas weiter in ihrer Wertung des Sexuellen und hinterfragt sogar den Wert der freiwilligen Ehelosigkeit selbst. Man braucht nur Genesis aufzuschlagen, um zu erfahren, dass es für den Menschen nicht gut ist, dass er allein sei, und dass es die Zweiheit von Mann und Frau ist, die Gottes Ebenbild widerspiegelt. Mit anderen Worten, es geht also um die Selbstverwirklichung in der geschlechtlichen Gegenseitigkeit und nicht darum „Triebe auszulassen“.

Einen weiteren Gesichtspunkt bringt Bischof Stecher ans Licht, wenn er davor warnt, die Sache Christi menschlichen Normen, wie es das Zölibatsgesetz ist, unterzuordnen anstatt ihr zu dienen. Wenn das letzte Konzil zugibt, dass verheiratete Priester der Ostkirche die Sache Gottes würdig vertreten, dann fragt man sich, wieso in unserer lateinischen Kirche das Gute um des angeblich Vollkommeneren wegen unterdrückt wird und das trotz des wachsenden Priestermangels.

Schließlich kann man nicht oft genug die Bedenken des verstorbenen Moraltheologen Bernhard Häring ins Gedächtnis rufen: Es kann sich doch niemand erdreisten, „dem Geiste der Freiheit die Kanäle und Bedingungen zu diktieren, in und durch die er zu wirken hat“, etwa nur über das männliche Geschlecht und, unter diesem, nur über Ehelose. Ich finde das einfach eine Sünde gegen den Geist Gottes, der weht wo er will.

Wie man sieht, legt die Frage des Zölibats ein Problem frei, das mit der kirchlichen Struktur und Praxis zu tun hat. Aber auch die Art und Weise, wie man den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen von Seiten so vieler Priester im Vatikan behandelt hat, zeigt, wie wenig man dort bereit ist, sich vom Geist Gottes leiten zu lassen. Solche Verbrechen sind vor das weltliche Gericht zu bringen, wie die eines jeden Bürgers, einschließlich jener, die durch ihr Schweigen oder Verdecken mitverantwortlich sind, sonst müssten die Bischöfe auch das Kirchenvolk vor weltlichen Gerichten in Schutz nehmen, denn „Christ sein ist mehr als Priester oder Bischof sein“ (Johannes Paul II). Strafen verteilen ist nicht Sache der Kirchenleitung, denn in ihr gibt es, nach den Weisungen Jesu, keinen Machtbereich von Oben nach Unten.

Bevor wir Christinnen und Christen sind, sind wir alle - Laien, Priester und Bischöfe - Bürgerinnen und Bürger einer staatlichen Ordnung. Wenn uns als Christen eines auszeichnen sollte, dann das, dass wir vorbildliche Staatsbürger sind. Die Krise in der Kirche, die durch sexuellen Missbrauch von Priestern entstanden ist, ist ein hausgemachtes Problem. Wäre ihre Struktur nicht vertikal, hierarchisch und paternalistisch aufgebaut, so hätte kein Bischof die Verantwortung für individuelle Vergehen zu tragen, und es wäre nicht das gesamte Gottesvolk darin verwickelt. Denn schließlich handelte es sich um erwachsene Menschen, die wussten, was sie taten.

Franz Wieser, Lima