Missstände beseitigen - Reformen einleiten

Skandale in St. Pölten

Die Skandale im St. Pöltener Priesterseminar sind bekannt: mehr als 40.000 pornographische Bilder und einige Filme wurden von Seminaristen aus dem Internet herunter geladen. In Zeitschriften veröffentlichte Fotos zeigen Verantwortliche des Priesterseminars bei sexuellen Handlungen mit Seminaristen.

Obwohl die Vorfälle bereits im Herbst vergangenen Jahres bekannt wurden, ist Bischof Krenn untätig geblieben, ja er hat die Vorfälle sogar als „dumme Bubenstreiche“ und als „Bruderschaftskuss“ heruntergespielt. Erst Mitte Juli setzte er eine interne Prüfungskommission ein, wobei einer der Mitglieder selber ein Verdächtiger war. Nach anhaltendem öffentlichem Druck von Seiten verschiedener kirchlicher Organisationen und Persönlichkeiten, ebenso wie von Seiten der Bischofskonferenz ernannte der Vatikan einen apostolischen Administrator mit weitreichenden Vollmachten. Es ist der erzkonservative Klaus Küng, Bischof von Vorarlberg, Mitglied der umstrittenen Organisation Opus Dei. Er soll das Priesterseminar und die anderen Einrichtungen der Diözese untersuchen, dem Vatikan Bericht erstatten und geeignete Maßnahmen vorschlagen. Die Einsetzung des Visitators kommt einer Entmachtung, nicht aber Absetzung Kurt Krenns gleich. Freilich bleibt abzuwarten, ob und wann die Konsequenzen aus diesem Skandal wirklich gezogen werden.

Öffentliche Kritik tut gut

Zett: Die Kirche steht momentan auch nicht gerade als moralische Leuchte da - Stichwort St. Pölten. J. Innerhofer: Sie hat sicher weniger Kraft, weil sie mit sich selbst beschäftigt ist. Die stärkere öffentliche Kritik sehe ich durchaus positiv. So müssen wir uns als Vertreter der Kirche ständig hinterfragen, ob wir auch ehrlich und dem Evangelium gemäß leben. Früher waren wir manchmal schon arrogant. Diese öffentliche Kritik zwingt, bescheidener zu sein. Das tut nur gut. Fehlhaltungen in der Kirche müssen radikal ausgemerzt werden. Auf der anderen Seite ist die Kirche eine notwendige Kraft für das Zusammenleben. Sie stiftet Werte und Gemeinschaft. Wenn wir diese Kraft mehr und mehr aushöhlen, sägen wir am Ast. auf dem wir sitzen.

Aus einem Interview mit Josef Innerhofer,
Bozen, Zett, 25.7.2004, S. 3.

Die österreichische Plattform „Wir sind Kirche“, die 1995 das Kirchenvolksbegehren mit großem Erfolg durchgeführt hat, hat in verschiedenen Erklärungen deutlich gemacht, dass die äußerst umstrittene Ernennung Kurt Krenns zum Bischof, die gegen den Willen des Großteils der Gläubigen erfolgt ist, sich somit gerächt habe und nur ein Rücktritt Krenns die Skandale wirklich bereinigen und die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung etwas wiederherstellen könne. Krenn fehle weitgehend das, was einen Bischof auszeichnen sollte: Kompetenz in theologischen und humanwissenschaftlichen Fragen, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit sowie Entschiedenheit und Kompromissfähigkeit. Mit einem Rücktritt alleine seien jedoch die Probleme nicht gelöst. Die Plattform des Kirchenvolksbegehrens ruft dazu auf, die seit Jahren verlangten und weltweit anerkan-nten Reformen umzusetzen: eine positive Bewertung der Sexualität, eine zeitgemäße Priesterausbildung, die sich allen Fragen des Lebens und damit auch der Sexualität stellt, ein erneuertes, zeitgemäßes Amtsverständnis, die freie Wahl für Priester zwischen zölibatärer und nicht zölibatärer Lebensform, die volle Gleichberechtigung der Frauen, den Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, mit der Gleichwertigkeit aller Gläubigen und der Überwindung der Kluft zwischen Klerus und Laien, sowie die Mitsprache bei der Ernennung von Funktionsträgern wie z.B. Pfarrer oder Bischof. Der Reformstau in der römisch katholischen Kirche gehöre dringend behoben, erklären Hans Peter Hurka und Martha Heizer, die Vorsitzenden von „Wir sind Kirche“. Sie wenden sich zugleich entschieden gegen jeden Pauschalverdacht gegenüber Priestern und Priesteramtskandidaten, da die Vorfälle in St. Pölten nicht exemplarisch für die Kirche seien. Die Einsetzung des Visitators wird grundsätzlich begrüßt, allerdings müsse eine lückenlose und unabhängige Aufklärung stattfinden. Die Krise solle als Chance gesehen werden, die zu weitreichenden Reformen führt.

Es besteht die Hoffnung, dass auch in unserer Diözese der Fall Giorgio Carli transparent gehandhabt wird und dem Opfer Gerechtigkeit widerfährt. Die Einrichtung einer Kirchenvolksanwaltschaft sollte eine erste Konsequenz sein.

Robert Hochguber