Eugen Drewermann
Theologe - Therapeut - Pazifist
Eugen Drewermann wurde 1940 in Bergkamen / D. geboren, studierte Philosophie, Theologie und Psychoanalyse. 1956 Wehrdienstverweigerung und deshalb erster Konflikt mit der Lehre der katholischen Kirche. Sie vertrat damals die Auffassung, ein Katholik habe nicht das Recht, den Wehrdienst zu verweigern. 1966 wurde Drewermann zum Priester geweiht und war anschließend in der Pfarr- und Studentenseelsorge tätig. 1978 habilitierte er sich und war bis 1991 Privatdozent für Religionsgeschichte und Dogmatik an der kirchlichen Hochschule in Paderborn.
Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber der Amtskirche und wegen abweichender Meinungen in Fragen der Moraltheologie und Bibelauslegung folgte 1991 der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis, anschließend Predigtverbot und 1992 Suspension vom Priesteramt.
Ein wichtiger Auslöser war das Buch Kleriker - Psychogramm eines Ideals. Darin untersucht Drewermann mit den Mitteln der Psychoanalyse die seelische Verfassung der katholischen Kleriker und die zwangsneurotischen Strukturen der kirchlichen Institutionen und Ideale. Bedeutsamer noch sind seine Kommentare zum Markus- und Matthäusevangelium und das Grundlagenwerk Tiefenpsychologie und Exegese.
Eugen Drewermann ist heute als freier Schriftsteller und Vortragsreisender tätig, ebenso wie in der psychotherapeutischen Arbeit, die er als Fortführung seiner seelsorglichen Tätigkeit versteht.
Seine über 70 Buchveröffentlichungen handeln von Moraltheologie und Bibelauslegung, tiefenpsychologischen Märcheninterpretationen, Krieg, Frieden und Umweltkrise.
In seinem fünfteiligen theologischen Hauptwerk Glauben in Freiheit befasst er sich mit den neuesten Erkenntnissen der Anthropologie, der Evolutionsgeschichte, der modernen Biologie, Chemie und Physik ebenso wie mit der Kosmologie und verknüpft sie mit theologischen und religiösen Fragestellungen etwa noch einem Schöpfergott.
Drewermann befasst sich seit Jahren auch mit einer neuen christlichen Tierethik.
Das Johannes-Evangelium
Bilder einer neuen Welt, erster und zweiter Teil
Das Johannes-Evangelium konfrontiert die Leserin und den Leser mit der Frage nach seiner persönlichen Identität. Zu sich selbst finden, zu seiner Wahrheit stehen kann nach der Auffassung des Johannes nur, wer auf ein Gegenüber trifft, das ihn leben lässt und ihn bedingungslos aus reiner Güte akzeptiert. „Niemals dürfen wir Menschen, wollen wir diesen Namen verdienen, mit den Lebewesen an unserer Seite in der Art verfahren, wie die Natur es jederzeit tut. Wir bedürfen eines menschlichen Gegenübers, um unsere Menschlichkeit zu finden, und eben ein solches absolutes Gegenüber unserer Menschlichkeit will der Jesus des Johannes-Evangeliums uns vermitteln durch die Nähe seiner Person, die geformt ist von dem Vertrauen zu seinem „Vater“. „Wer begreift, dass sein Leben noch einmal ganz neu beginnt unter der Perspektive, die Jesus vermittelt, lernt solch eine befreiende Menschlichkeit kennen.“
Der zweite Teil dieses Predigtkommentars zum Johannes-Evangelium beginnt mit der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus, die eine Schlüsselposition für das Verständnis der gesamten zweiten Hälfte des Johannes-Evangeliums einnimmt: In der Begegnung mit dem Mann aus Nazaret erfährt unser Leben eine „Auferstehung“; es geschieht eine Art von „Sterben“, die den „Tod“ überwindet. Aber gerade weil Jesus einen Menschen aus seiner „Grabexistenz“ ins Leben zurückholt, werden die Hohen Priester ihm nach dem Leben trachten, und auch Lazarus selbst wollen sie töten. Zugespitzter kann das Paradox nicht formuliert werden: Wer in der Kraft Gottes zu leben beginnt, wird von dem bestehenden System in Religion und Politik als tödliche Gefahr empfunden und selbst getötet; damit teilt er die zentrale Erfahrung Jesu: dass den „Hass“ der „Welt“ (Joh 7,7; 15.18) unvermeidbar ein jeder auf sich zieht, der die „Wahrheit“ (die „Unverborgenheit“ Gottes) leben will (Joh 8,45).
Bei der Auslegung des Johannes-Evangeliums zieht Drewmann Parallelen zu Überlieferungen insbesondere der Religionen Griechenlands und Ägyptens heran, der Religion des Dionysos, des Asklepios und des Osiris. Die Bilder der alten Ägypter vom „ewigen Leben“ habe das Johannes-Evangelium aufgegriffen und „christologisch“ gedeutet.
Eugen Drewermann, Das Johannes-Evangelium, Bilder einer neuen Welt,
Erster Teil: Joh 1 - 10, Zweiter 496 S., Teil: Joh 11 – 21, Patmos,
2003, 439 S., beide ca. je 38 €.
Ein Mensch braucht mehr als nur Moral
Über Tugenden und Laster
Drewermann geht es um den Menschen, um seine Selbstidentität. Er problematisiert Laster und Tugenden von seinem psychologisch-therapeutischen Denkansatz her. Die Kernfrage lautet nach Drewermann, wie ein Mensch zu allererst in den Stand versetzt wird, das Gute, das er kennt und tun möchte, auch wirklich zu tun. Was als Laster erscheint, ist nicht willentlich vom Menschen auszumerzen, auch wenn das von der Kirche noch so vehement gefordert wird.
Laster spiegeln nach Drewermann die zutiefst menschliche Hilfsbedürftigkeit, die Nichtidentität des Menschen mit sich selbst. Sich nicht lasterhaft zu verhalten, ist nicht Ergebnis von disziplinierter und korrekter Selbstzucht, sondern vielmehr Ergebnis des Erlebens von Gnade. Umgekehrt gilt: Dasjenige, was in der Tradition als Tugend gelobt wird, hat seine Schattenseiten. Eine Gerechtigkeit, die zum „gerechten Krieg“ aufruft, könne gewiss nicht gerecht sein.
Für Drewermann wie für den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard gilt, dass das Gegenteil von Sünde nicht Tugend ist, sondern Glaube - Glaube, verstanden als ein Vertrauen, das stärker ist als die Angst. Drewermann zielt auf ein Publikum, das Sinn für Religiosität hat und auf individuelle Lebenszufriedenheit und Bewältigung des Alltags ausgerichtet ist.
Drewermann, einer der bekanntesten Kritiker katholischer Moraltheologie, weiß, dass die Wörter Tugend und Laster als völlig veraltete Begriffe gelten. Er setzt sich ganz bewusst eventuellen Vorwürfen des „Unzeitgemäßen“ aus. Er legt das antike und theologisch-mittelal-terliche Schema von Tugenden und Lastern, das die katholische Kirche bis heute tradiert, seinen ethischen Überlegungen zu Grunde, definiert die Begriffe aber unter dem Blickwinkel eines neuen Menschenbildes. Der Christ Drewermann orientiert sich an dem einst von Gesetzeshütern verurteilten Mann aus Nazaret. Dieser war kein Philosoph, kein Politiker, kein Traktatenschreiber, sondern ein Dichter, ein Therapeut, ein Prophet.
Man kann den Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht wirklich sehen ohne die Erkenntnisse der Psychoanalyse. Das ist schon lange eine zweite wichtige Voraussetzung für Drewermanns Überlegungen; nun fließen die praktischen Erfahrungen in das ethische Gesamtkonzept ein: Der Therapeut weiß, dass Menschen durch Prägungen, schwere Verletzungen (meist schon in der frühen Kindheit) oder Festschreibungen und Vorurteile krank werden und damit „lasterhaft“, neidisch, jähzornig oder vor allem auch depressiv. Kapitel für Kapitel formuliert er den alten Katalog der sieben Laster und zwölf Tugenden - umfassend und anders. Beruhen, so fragt er, Eifersucht und Neid nicht eigentlich auf dem Problem, sich nicht geliebt zu fühlen? Sind Eitelkeit und Stolz nicht Fragen des Selbstwertes? Entsteht Jähzorn nicht aus dem Gefühl, abgelehnt zu werden? Ist Schwermut. die wir heute so oft als Depression erleben, nicht Ausdruck einer Verlassenheit? Und im Positiven: Liebe, Mut oder Geduld erwachsen aus Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit, der Seele. Fast alles entfaltet der Autor in zwischenmenschlichen Dimensionen. Bei „Gerechtigkeit“, dem „Inbegriff des Sittlichen“ seit jeher, kommen vor allem gesellschaftlichen Aspekte ins Blickfeld. Ein Vordenker ist ihm vor allem der Philosoph Sören Kierkegaard. Natürlich werden Kultur, Politik, Wirtschaft und Medien analysiert.
Eugen Drewermann, Ein Mensch braucht mehr als nur Moral,
Über Tugenden und Laster,
Walter, 2002², 607 S., ca. 36 €.