Literarische Seite
George Bernanos
Die begnadete Angst
„Kein Demokrat und kein Republikaner, kein Linker und ebenso kein Rechter, was soll ich schon sein? Ein Christ bin ich.“ Der zur Bewegung des Renouveau Catholique (u.a. Bloy, Claudel und Mauriac) zählende Autor beschreibt in seinen Romanen immer wieder einen anspruchsvollen, absoluten, auf Verzicht beruhenden Glauben. Wenige Jahre vor seinem Tod 1948 in Paris sollte Bernanos ein Drehbuch nach Gertrud von Le Forts Novelle „Die Letzte am Schafott“ (1932) schreiben. Diese Novelle, in der aktuelle zeitgeschichtliche Probleme und Gestalten durch die Zurückspiegelung in die Vergangenheit thematisiert werden, beruht auf den uns geschichtlich verbürgten Namen der 16 Karmeliterinnen von Compiègne, die, in der Französischen Revolution zum Tode verurteilt, singend das Schafott bestiegen.
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Leseprobe Kapitelsaal. Alle Klosterfrauen sind feierlich versammelt. Bevor die Priorin die Verordnung vorliest, betet sie mit ihren Töchtern das Loblied der heiligen Therese von Avila: „Ich bin Dein, bin für Dich in dieser Welt. Wie verfügst du über mich? Gib mir Reichtum oder äußerste Armut. Gib mir Trost oder Traurigkeit. Gib mir Freude oder Kummer, Du sanftes Leben, Du unverhüllte Sonne. Denn völlig habe ich mich hingegeben. Wie verfügst Du über mich?“ Die Priorin: Ich muss Ihnen die Verordnung des Abgeordnetenhauses vorlesen, durch die bis auf weiteres alle Ordensgelübde aufgehoben werden. „Verordnung vom 28. Oktober 1789. Die Nationalversammlung verordnet, dass das Ablegen von Ordensgelübden in allen Klöstern beiderlei Geschlechts aufgehoben ist, dass diese Verordnung sofort zur königlichen Unterschrift vorgelegt und allen Gerichten und Klöstern zugestellt wird.“ Eine solche Maßnahme muss uns alle betrüben, aber besonders hart trifft sie unsere Schwestern Konstanze und Blanche. |
Bernanos stellt die junge Postulantin Blanche de la Force ins Zentrum der Handlung, die sich aus Angst vor dem Leben in die geschützte Welt des Lebens im Karmel flüchtet. Die politischen Umstände werden mit ihrem Werdegang im Kloster verwoben, beide Handlungsstränge treiben spannend auf den Märtyrertod der 16 Ordensschwestern hin.
Der erst vom Nachlassverwalter posthum herausgegebene Roman feierte sowohl als Buch als auch als Hörspiel sowie auf der Bühne einen großen Erfolg. Leider sind sämtliche deutschen Übersetzungen des „Dialogues des Carmélites“ vergriffen, den Weg z.B. in die Bibliothek der Theologischen Hochschule in Brixen zu machen, lohnt sich für den theologisch interessierten Leser aber auf jeden Fall. Bernanos geht in diesem Werk speziell auf die Frage der Stellvertretung und der Gnade ein. Der schwere Tod der Priorin stellt das stellvertretende Opfer für Blanches späteren Sieg über ihre Angst dar.
Gelesen und empfohlen von Lisa Hammer