Mann Gottes, Maler, Bergsteiger
Interview mit Altbischof Reinhold Stecher
![]() Altbischof Reinhold Stecher - Bild: Der Ortler |
Wohl alle Bezeichnungen treffen auf den Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher zu. Vielleicht könnte man noch ergänzen, dass er auch kritische Positionen gegenüber der Kirchenhierarchie vertritt. Wie sieht er sich selbst, was verbindet ihn mit der Natur, mit der Malerei? Was denkt Bischof Stecher über den Tod? Schätzt er sich mit seiner Kirchenkritik als Liberaler ein? Wie sieht er einen Rücktritt des kranken Papstes und seine Zur-Schau-Stellung des Leidens? Welche Strukturen wünscht sich Altbischof Stecher für die Seelsorge? Antworten auf all diese Fragen gibt das folgende Gespräch, geführt von Josef Kuderna, ORF–Tirol.
Josef Kuderna: Man könnte auch sagen, es ist eine Art “Gottesdienst”, weil Sie ja sehr gern Gottes Natur malen.
Altbischof Reinhold Stecher: Das schon. Ich habe ja nur Landschaften gemalt. Mein Thema ist eigentlich immer die Schönheit dieser Welt gewesen, die ich sowohl als Jugendseelsorger als auch auf dem Berg immer mehr schätzen gelernt habe. Und zwar hat mich am meisten das Licht interessiert, die Spiele des Lichts in der Landschaft. Wobei ich mir natürlich nicht einbilde, dass es mir gelungen ist, dieses Licht so darzustellen, wie es die großen Meister gemacht haben.
Kuderna: Ihr Bilder erzielen ja ganz schöne Preise.
Stecher: Ja gut, das sind keine Preise, die etwa die künstlerische Qualität widerspiegeln, sondern das sind wohltätige Spenden. Die Bilder sind ja nur für solche Zwecke gemacht. Das sind wohltätige Spenden, die vielleicht manchmal mit gewissen Sympathiewerten verbunden waren. Aber ich muss Ihnen sagen, ich fühle mich bis heute nicht als Künstler, sondern doch als Hobbymaler.
Kuderna: Vor einigen Wochen hat Sie Ihre persönliche Vergangenheit eingeholt. Bei der Verabschiedung von Prof. Bodner in die Pension haben Sie sehr offen gesagt, dass er Sie einmal sozusagen dem Tod von der Schaufel geholt hat. Hat diese schwere Krankheit damals bei Ihnen, in Ihrem Denken, irgendetwas verändert?
Stecher: Also ich könnte nicht sagen, dass sie beim Denken etwa in Bezug auf meine Verantwortung und meine Tätigkeit als Bischof etwas verändert hätte. Aber bitte, ich glaube, dass jedes schwierigere Erlebnis und vor allem jede Konfrontation mit dem Tod einen Menschen irgendwo vielleicht doch verändert. Auch wenn er sich selbst das gar nicht so eingesteht. Es war natürlich eine gewisse Begegnung mit dem Tod, die man nicht so leicht vergisst. Ich bin jetzt öfter mit Sterbenden zusammen, ich fühle mich ein bisschen mehr dem Sterbenden verbunden, aber das entspricht wohl auch dem Alter. In meiner Jugend bin ich dem Tod als Massentod begegnet. Ich bin in den schlimmsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs gewesen und ich war immer ganz vorne an der Front. Das war alles so entsetzlich. Nur, verstehen Sie, es ist ein Unterschied, ob man als junger Mensch rund um sich Sterben sieht und sich denkt, na ja, vielleicht kommst doch davon, oder ob man in einer schweren Krankheit selbst mit dem Tod oder der Nähe des Todes konfrontiert wird. Das ist nicht das Gleiche. Der Tod wird immer etwas sein, was uns Menschen beschäftigt, ob wir gläubig oder ob wir nicht gläubig sind. Es wird der Tod immer ein Problem sein. Aber ich muss sagen, dieses damalige Erlebnis war gleichzeitig ein Erlebnis mehr von einer unglaublichen Vorsehung Gottes. Das ist eigentlich das Dominante, verstehen Sie.
Kuderna: Ist es leichter, sich als gläubiger oder als nichtgläubiger Mensch mit dem Tod zu beschäftigen?
Stecher: Da kann ich nur vom Standpunkt des gläubigen Menschen aus sprechen: Wenn in diesem Glauben jenes Gottesbild dominiert, das Christus uns gebracht hat, das heißt das Bild eines im Tiefsten für uns unfassbar barmherzigen und gütigen Gottes, dann bekommt der Tod sicher eine mildere Note, eine hoffende Note. Ich kann mich schwer hineindenken in die Mentalität des vollständig ungläubigen Menschen. Obwohl ich mir manchmal denke, gar so viele ganz Ungläubige gibt’s gar nicht, auch wenn sie nicht konfessionell deklariert sind. Ich muss auch sagen, dass ich eine Erinnerung an die Kriegszeit habe, von meinen Kameraden her in diesen viereinhalb Jahren: Da hat man keine großen Sprüche gemacht, dazu war gar nicht die Atmosphäre, aber das hab ich oft gehört: „Ich beneide dich um deinen Glauben“. Ich kann mich schwer hineindenken in jemanden, der im Tod den Übergang ins Nichts sieht. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit anschaut, muss man feststellen, in der Menschheit ist es eigentlich nicht der Trend, das so zu sehen.
Stecher: Morgen am Ritten mit Blick auf Rosengarten und Latemar |
Kuderna: Als Außenstehender hatte man damals, nach Ihrer schweren Krankheit und Ihrer Wiedergenesung, den Eindruck, dass Sie Ihr Verhältnis zur Amtskirche - sagen wir - etwas relativiert haben. Ist dieser Eindruck eigentlich richtig?
Stecher: Also das hat damit überhaupt nichts zu tun. Das, was ich an einer gewissen Kritik an Details in der Amtskirche ausgesprochen habe, habe ich vorher schon längst - vielleicht nicht so in der Öffentlichkeit - auch den höchsten Stellen der Kirche gegenüber zum Ausdruck gebracht.
Kuderna: Wann immer Sie in der Öffentlichkeit gegenüber Details der Kirchenkritik geäußert haben, war das den Betroffenen nicht unbekannt?
Stecher: Nein, das war nicht unbekannt. Das habe ich alles schon vorher gesagt. Und ich hab es immer deutlich gesagt, weil ich davon überzeugt bin. Ich schließe da an meinen Vorgänger Paulus Rusch an, mit dem ich hier immer einer Meinung war, dass wir in der Kirche schon die eine oder andere Veränderung in der pastoralen Einstellung wünschen müssen.
Kuderna: Ich hab‘ ein Interview mit Ihrem Vorgänger gemacht wie er schon in der Pension war und war völlig überrascht: Er galt in der Öffentlichkeit als „Stockkonservativer“, was er in diesem Gespräch überhaupt nicht war. Wie stehen Sie heute zur Amtskirche?
Stecher: Da hat sich eigentlich nichts geändert. Ich bin mir im Klaren, dass eine Weltkirche fast selbstverständlich gewissen Schwankungen des Fortschrittlichen und eines dann reaktionären Konservativen ausgesetzt ist. Das Konzil war ein so weiter Schritt nach vorn, dass manche - wenn ich so sagen darf - das nicht verdaut haben. Es gab auch sicher nach dem Konzil Übertreibungen in beide Richtungen: Es gab progressive Übertreibungen, die dann ihrerseits wieder konservative Übertreibungen hervorgerufen haben. Bis zu einem gewissen Grad ist das eine selbstverständliche Sache und wenn man einen gewissen Überblick über die Kirchengeschichte hat, dann weiß man auch, dass das so ist. Ich bin dankbar so wie mein Vorgänger, dass wir an einer sehr, sehr guten theologischen Fakultät studieren konnten, hier in Innsbruck. Diese Fakultät war ja damals sehr maßgeblich bei den Vorbereitungen des 2. Vatikanums. Sie hatte damals, wenn ich heute zurückschaue, eine bemerkenswerte Mischung von Glaubenstreue und kritischer Offenheit. Und dabei ging es hier, im Canisianum, in der Nachbarschaft des ORF, auch spirituell um diese Einstellungen. Das wurde uns durch die Schule sehr eingeprägt und ich bin auch dankbar. Man wird dadurch eher gefeit gegen gewisse Extreme. Ich glaube, dass es nicht richtig ist, wenn man gegenüber allem, was man als reformbedürftig sieht, verstummt. Das ist falsch! Man muss das sagen, auch wenn man im Augenblick keine Erfolge hat.
Kuderna: Herr Bischof Stecher, Sie wurden immer als „Liberaler“ bezeichnet. Gefällt Ihnen das?
Die Marmolata, Reinhold Stecher |
Stecher: Nein! (dann lachend) Wissen Sie, mir wäre als Bezeichnung 1ieber „offener Konservativer“. Was soll „liberal“? Dass ich für Leute, die im Leben gescheitert sind in irgendeiner Form, oder Scheitern erlebt haben, die auch in der Kirche irgendwie gescheitert sind ... wenn man sich für die einsetzt, damit hier keine pauschalierenden Aburteilungen stattfinden, das hat nichts mit „liberal“ zu tun, sondern mit einer Verwirklichung der Liebe Christi in unserer Welt.
Kuderna: In der Kirche hat man momentan nicht den Eindruck, dass es um die Frage geht, wohin das Pendel schlägt, sondern die katholische Kirche präsentiert sich derzeit mit einem sehr kranken Papst. Halten Sie es für richtig, dass sich Johannes Paul II. als Mensch - im Dienste der Kirche - so quält?
Stecher: Das ist schwer zu sagen. Obwohl diese Tradition ja nicht ungebrochen ist - es gibt einen Papst, der zurückgetreten ist - vermute ich, dass die traditionellen Vorstellungen vom Papsttum hier eine große Rolle spielen. Menschlich gesprochen - ich rede jetzt nur vom Bischofsamt, nicht vom Papstamt - hätte ich immer das Gefühl gehabt, dass man mit 75 ein so hohes Amt wie Bischof nicht mehr ausüben sollte: Da kommen gewisse Fixierungen und Verhärtungen eigentlich biologisch selbstverständlich. Ich persönlich bin ja immer für 70 bei den Bischöfen eingetreten. Nun, wir haben 75, das ist sowieso hoch. Wissen Sie, in dem Alter zwischen 70 und Sterben, da kann der Alterungsschub unter Umständen über Nacht eintreten, da können Veränderungen eintreten. Sagen wir, Senilitäten in einem solchen Amt zu entwickeln, das kann man sich eigentlich um der Aufgabe willen nicht leisten. Aber ich kann schwer Rat geben für das Papstamt. Das ist natürlich immer so gewesen, dass die Päpste bis zum Schluss geblieben sind. Eine grundsätzliche Schwierigkeit ist das aber keine, denn grundsätzlich kann der Papst zurücktreten.
Kuderna: Ist es Ihrer Meinung nach richtig, dass der oberste Repräsentant der Kirche das Leiden so offenbart für die Menschen?
Stecher: Es wird vielleicht manche Leute beeindrucken, das sicher. Nein, hier geht’s aber nicht darum, glaube ich. Schwierig ist, wenn man nicht gesund ist, dass in einem Amt so viele Entscheidungen konzentriert werden. Wie wir die heutige Kirche organisiert haben, ist diese Entscheidungskonzentration sowieso zu groß. Die ist schon beim Bischof zu groß, muss ich ganz offen sagen: Was soll ein Bischof nicht alles können, wissen, auf was soll er nicht alles reagieren? Das ist fast nicht mehr möglich. Ich persönlich glaube, es gehört zur Würde des Altwerdens, dass man mit seinem Altwerden sozusagen eine Gemeinschaft nicht belastet, mehr als es unbedingt notwendig ist.
Kuderna: Was würden Sie der Kirche wünschen, wie es weitergehen soll, ganz in großen Linien?
Stecher: Ich würde der Kirche wünschen (eine lange Pause), dass sie zum Beispiel - (lächelnd) ich kann hier nicht die ganze Kirche reformieren, das ist ein bisschen viel verlangt -, dass sie in einer Welt, die so technisiert, so unpersönlich, so manipuliert wird, wie wir sie heute haben, dass in einer solchen Welt in der Kirche alle Strukturen gesegnet sein müssen, die persönlich sind. Darum bin ich bestürzt über die Verdünnung der Priester, weil damit die Seelsorge sich notwendig aus den persönlichen Kontakten zurückzieht auf irgendwelche Vollzüge. Das, glaube ich, ist eine Fehlentwicklung. Ich würde der Kirche Strukturen wünschen, wo die Botschaft und die Realisierung der christlichen Liebe „am Mann“ bleibt. Ich habe immer gesagt: Alles, was persönlich ist, ist gesegnet. Ich schreibe lieber einen Brief, als dass ich meinen Sekretär etwas tippen lasse oder irgendein Fax verschicke. Alles, was persönlich ist, würde unserer Zeit mehr entsprechen. Das hängt dann natürlich auch mit Strukturen zusammen: Zu große Diözesen - da kann’s der Bischof nicht mehr, bei uns geht’s gerade noch. Zu große Pfarreien oder geballte, zusammengezogene Pfarreien, da kann der Priester nicht mehr. Deswegen wünsche ich meiner Kirche Überlegungen zu Strukturen, was natürlich gewisse Veränderungen bedeuten würde, zu Strukturen, in denen der persönliche Kontakt und ein Netz von persönlichen Beziehungen den Menschen hilft, in diesem Leben mit einem frohen Glauben zu stehen.
Kuderna: Danke, Herr Bischof, für dieses Gespräch.
kulturhaus.tirol ORF, 1/2003, 4. Ausgabe