Sexueller Missbrauch

"Wir sind alle erst Lernende"

Neues Bewusstsein hilft Opfern, über Missbrauch zu sprechen

Positiv beurteilte Helmut Schüller, der Leiter der Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Wien, die öffentliche Diskussion über sexuellen Missbrauch. In der ORF-Sendung "Thema" meinte Schüller, dass das damit geschaffene Bewusstsein vielen Opfern helfe, über den Missbrauch zu sprechen. Ebenso würden sich auch erst dadurch viele Menschen mit dem Thema an sich und den zu Grunde liegenden Ursachen auseinander setzen. Zugleich zeigte Schüller Verständnis dafür, dass die Bevölkerung von Gemeinden, in denen es zu solchen Vorfällen gekommen ist, einer öffentlichen Diskussion eher ablehnend gegenüberstehe. „Man ist schockiert und die gesamte Gemeinde fühlt sich stigmatisiert“, so Schüller wörtlich, der gleichzeitig aber dazu aufrief, sich der Diskussion zu stellen.

Grundsätzlich wies der Leiter der Ombudsstelle darauf hin, dass es für Verantwortungsträger schwer sei, angemessen zu reagieren, „weil wir alle erst Lernende sind.“ In der Kirche wie auch in der Gesellschaft beginne man erst, sich mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs auseinander zusetzen. Am wichtigsten sei es, so Schüller, bei allen Maßnahmen immer die Opfer vor Augen zu haben und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Ehemalige Ministranten des Stiftes Seitenstetten hatten vor im Herbst 2002 Vorwürfe des sexuellem Missbrauchs gegen einen Benediktiner-Frater erhoben. Dieser hatte daraufhin selbst Anzeige erstattet und sich geständig gezeigt. Alle Taten erfolgten zwischen 1986 und 1989, als die Betroffenen noch unter 14 Jahre alt waren. Die Staatsanwaltschaft St. Pölten ermittelte in Folge und stellte schließlich das Verfahren wegen Verjährung ein. Das Stift ermöglichte den Betroffenen Therapien.

Der Seitenstettner Abt Bruno Heigl betonte im Laufe der Sendung „Thema“, dass man in der Ordensgemeinschaft mit Hilfe von Therapeuten und Psychologen die Vorkommnisse aufarbeiten werde. Weiters kündigte er an, dass zukünftig bei der Aufnahme neuer Ordensmitglieder neben dem üblichen ärztlichen Attest auch ein psychologisches Gutachten verlangt werde. In der Ausbildung müsse zusätzlich das Thema "Sexualität" stärker thematisiert werden, so Abt Heigl, der auch neue und klare Richtlinien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ankündigte.

KAP, Wien. 27.11.2002