Nachgehen, informieren, Hilfe anbieten, Beratung suchen
Sexueller Missbrauch:
Helmut Schüller für offenen Umgang bei Vorwürfen
Mit Fällen über vermuteten oder tatsächlichen sexuellen Missbrauch in der Kirche ist der ehemalige Caritasdirektor Österreichs Helmut Schüller von Amts wegen konfrontiert. Der Priester leitet nämlich die Ombudsstelle (Kirchenvolksanwaltschaft) für sexuellen Missbrauch in der Erzdiözese Wien.
RAI-Sender Bozen: Warum ist sexueller Missbrauch in der Kirche besonders schlimm?
Helmut Schüller: Oft ist die Beziehung für das ganze Leben gestört oder sogar zerstört. Es reichen die Konsequenzen noch viel tiefer, weil die Menschen im Rahmen der Kirche und durch Seelsorge und ähnliches ja auch in viel tieferen Schichten angesprochen sind. Die Enttäuschung reicht tiefer. Die Verbitterung ist eine der auffälligsten Besonderheiten bei einem Missbrauch in der Kirche. Denn es ist ja auch so, dass besonders oft sich Kinder und Jugendliche, aber auch Menschen in seelisch unangenehmen Situationen hilfesuchend an Seelsorger wenden. Hier ist der Schaden besonders groß.
RAI-Sender Bozen: Wie soll die Kirche mit Gerüchten über sexuellen Missbrauch umgehen?
Helmut Schüller: Ich empfehle immer, den Sachen sofort nachzugehen, je schneller, je zügiger desto besser. Übrigens auch für den Fall, dass ein Gerücht nicht stimmt, ist es ja nur im Interesse des Beschuldigten, dass das rasch klargestellt wird. Aber es ist deshalb auch sehr wichtig, weil oft die akute Gefahr auch für andere besteht und weil sozusagen auch letztlich die ganze Gemeinde davon betroffen ist oder die kirchliche Gemeinschaft oder wie immer. Gerüchte, die nicht aufgeklärt werden, leben meistens weiter und bringen dann eine sehr ungute Atmosphäre in die Institutionen.
RAI-Sender Bozen: Wie sollte die Kirche vorgehen?
Helmut Schüller: Am besten ist es, die Aussagen oder die Berichte oder die Beobachtungen ernst zu nehmen. Es kommt sehr darauf an, wo es beginnt. Manchmal beginnt es nicht durch die Aussagen von Opfern, sondern durch Hinweise von Menschen, die meinen, Missbrauch zu beobachten. Wir haben hier in Wien aber auch in anderen Diözesen Österreichs z.B. dafür eigens eingerichtete Stellen, mit denen man sofort Kontakt aufnehmen soll, um einzuschätzen, worum es sich handeln könnte. Dann erfolgt umgehend auch die Information der Vorgesetzten. Ich empfehle auch sehr eine Beurlaubung von ernsthaft Beschuldigten für die Dauer der Klärung, um wirklich eine vorbehaltlose Klärung zu ermöglichen. Man soll sicher auch, sobald man den Eindruck hat, dass ein Vorwurf sozusagen plausibel und ernst zu nehmen ist, durchaus die Mitbetroffenen informieren. Zwei Dinge sind dann auch noch ganz wichtig: Man soll die Menschen schützen, die mit Aussagen an die Öffentlichkeit treten. Sehr häufig werden sie dann aus den Kreisen, aus denen sie kommen, beschuldigt und beschimpft. Das ist durchaus auch in Pfarrgemeinden oder in sonstigen Einrichtungen der Fall. Ihnen also Schutz geben. Das andere ist, den Opfern so rasch wie möglich Hilfe anbieten.
RAI-Sender Bozen: Verhindern ist sicher immer das Beste. Wie kann man das Risiko des Missbrauchs durch Mitarbeiter der Kirche minimieren?
Helmut Schüller: Man kann es erstens durch eine möglichst breite Information über Missbrauch an sich. Denn ich glaube schon, dass rechtzeitige Beobachtungen oder Beobachtungen in einem frühen Stadium schon sehr viel helfen können. Es ist meistens so, dass Missbrauchstäter, die sozusagen mit ihrem Verhalten Probleme haben und das nicht steuern oder kontrollieren können, oft gleichzeitig sehr intelligente, sehr gut ihr Tun tarnende Menschen sind. Sie weisen oft in ihrem beruflichen Leben durchaus Erfolg und Wohlverhalten auf. Das heißt, man soll grundsätzlich den Satz vergessen: Das kann ich mir nicht vorstellen. Breit informieren also.
Das Zweite ist, dass sich die Kirche ihre Mitarbeiter beim Eintritt in den Dienst genauer anschauen muß. Das gilt aber auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Wir hatten in Österreich auch schon einige Fälle von Missbrauch durch ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche im Ministrantenbereich und im Jugendarbeitsbereich. Und zusätzlich glaube ich - und das versuchen wir auch in unserer Diözese - brauchen die Bischöfe, bei denen letztlich in unserer Kirche die Entscheidungen landen, fachliche Beratung. Die amerikanischen Bischöfe z.B. haben eine solche Maßnahme vorgesehen. Dass Kommissionen von Fachleuten in den konkreten Fällen die Bischöfe dabei beraten, wie sie die Lage einschätzen sollen, wie sie mit den Tätern umgehen sollen, was einfach die notwendigen Entscheidungen sind.
Auschnitt aus Morgentelefon RAI-Sender Bozen, 16. Juli 2003