Wirkungen des 1. Ökumenischen Kirchentages in Berlin
„Ihr sollt ein Segen sein“ war das Thema des 1. Ökumenischen Kirchentags, der politisch, gesellschaftlich, religiös und kirchenpolitisch wirkte.
-
Politisch brachte das Berliner ökumenische Konzil der 200.000 Dauerteilnehmer und 250.000 Tagesgäste eine Veränderung. Denn die größte Dialogversammlung der Republik stellte sich hinter die Agenda 2010 des Bundeskanzlers sowie hinter den weiter greifenden bevorstehenden Abbau des Sozialstaats. Die politische Gerechtigkeitsfrage stellte der ÖKT allerdings nicht im Inland. Gerechtigkeit global war das Thema bei dem von Kirchentagspräsidentin Elisabeth Raiser stark gemachten Protest gegen die Menschen tötende Schuldknechtschaft der so genannten Dritten Welt. Insgesamt bestimmten politische Liberalität und Toleranz den ÖKT.
-
Gesellschaftlich zeigte sich der ÖKT als ein großes Wannenbad der Harmonie. Alle gemeinsam, alle miteinander. Die Freude hierüber sorgte für allseits gute Stimmung. Wer egal auf welchem Streitfeld Rechnungen begleichen wollte, wer öffentlich Konflikte zuspitzen und der Lösung entgegen treiben wollte, wer aus guten Gründen auf Provokation setzte, der fand keinen Resonanzboden. Gelassenheit herrschte. Leben und Leben lassen. Die Friedfertigkeit hat Gründe: das Diktat von Subjektivität und von Komplexität. Mit „Ich“ begannen die meisten Rednerinnen und Redner auf den kaum übersehbar vielen Podien ihre Statements. Ohne diese Art von betroffener Subjektivität kommt kein ÖKT Podium mehr aus. Die Fragen Bioethik, Geschlechtergerechtigkeit, Nahost, Afrika, Renten, Gesundheitsreform, Kindererziehung, Bildung usw. um die es gesellschaftlich und politisch geht, sind allesamt kompliziert. Und sämtliche Antworten bringen neue Fragen und Probleme mit sich. Es werden im neuen Jahrtausend also keine „Heilsfragen“ verhandelt, sondern eher lebensentscheidende, jedoch sehr vorläufige Probleme. Es war überraschend, wie Tausende in den inhaltlichen Großveranstaltungen gesenkten Hauptes still mitschrieben und geduldig zuhörten. Die Zeit des provokanten Protestes scheint vorbei. Kein Zorn Zuhörbereitschaft.
-
Religiös scheint die Epoche des EntwederOder mit dem 1. ÖKT vorüber. Sowohl-als-auch heißt die neue ökumenische Grundmelodie. Christ sein und Buddhist sein, oder: Drewermann lesen und gleichzeitig als kirchentreue katholische Pfarrgemeinderätin wirken. Nicht die Propheten der Konfrontation sind gefragt, sondern Frauen und Männer mit öffentlicher Glaubwürdigkeit. Im Blick auf die Gesamtveranstaltung war die Prägung des ÖKT modern-evangelisch bis soft-protestantisch mit kräftigen katholischen und leichteren freikirchlichen Zugaben. Inhaltlich bedeutet die festzustellende Vorherrschaft der evangelischen Kirchen-tagskultur: weitgehender Verzicht auf Steuerung; umso mehr marktförmige Liberalität; wenig Platz für dogmatische Belehrung sowie für abgrenzende Konfrontation. Fundamentalisten gleich welcher Art sind unerwünscht. Und die Fundamentalisten spürten das - und kamen erst gar nicht zum ÖKT.
-
Kirchenpolitisch war der ÖKT ein Meilenstein auf dem Weg der Ökumene. Dabei setzte man auf die Dialogfähigkeit der evangelischen und kathol. Kirchenleitungen. Trotzdem wird es auch in der Zukunft schwierig bleiben in der gelebten ökumenischen Praxis. Nach der eindeutigen Ablehnung des gemeinsamen Abendmahls durch den Vatikan wurde die eucharistische Gastfreundschaft in Berlin zum Kirchenpolitikum. Denn das gemeinsame Abendmahl wurde an allen Ecken und Enden der Stadt gefeiert, nicht nur auf dem Prenzlauer Berg.
Claudia Schwarze
Gemeindebrief der Evangelisch-Lutherischen
Gemeinde Bozen, August – September 2003