Beeindruckendes Fest

1. Ökumenischer Kirchentag in Berlin - mit Signalwirkung auch für Südtirol?

Es war ein großartiges beeindruckendes Fest der Begegnung. So wie von Deutschland die Reformation ausgegangen ist, gingen jetzt unübersehbare Signale für die Einheit der christlichen Kirchen aus. Vom 28.5. bis 1.6.2003 hatten sich weit mehr als 200.000 Christinnen und Christen vorwiegend aus der evangelischen und der katholischen Kirche in Berlin zum 1. ökumenischen Kirchentag getroffen. Anwesend waren alle christlichen Konfessionen sowie freikirchliche Gemeinschaften.

In der
Offizielles Plakat des 1. Ökum. Kirchentages
schier unübersichtlichen Fülle von Veranstaltungen (3000) wurde gesungen und gefeiert, diskutiert und debattiert, gebetet und meditiert. Die vielen jungen Menschen prägten das Bild des Kirchentages. Bedeutsam waren mir die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen. Beeindruckt war ich von einem Mann aus der ehemaligen DDR, der mit 14 Jahren wegen Staatszersetzung verhaftet worden war. Er hatte unter Freunden sich abschätzig über die damalige Volksarmee geäußert. Aus dem Arbeitslager floh er gemeinsam mit seinem Wärter in den Westen. Er lernte einen Beruf und war nebenbei in der Gefangenenseelsorge tätig. Heute ist er mit 56 Jahren arbeitslos, wie ein Drittel der Jugendlichen in der ehemaligen DDR auch. Wenn ich noch einmal nach Berlin komme, solle ich mit ihm eine Bootsfahrt machen, sagte er zum Abschied.

Umstritten war die Frage der eucharistischen interkonfessionellen Gastfreundschaft. Hatte sie doch der Vatikan im Vorfeld deutlich untersagt. Die deutschen Christinnen und Christen gaben die Antwort auf ihre Weise. In zwei vielbeachteten Gottesdiensten in der evangelischen Kirche Prenzlauer Berg Nord – organisiert von der evangelischen Gemeinde und der Bewegung um das Kirchenvolksbegehren - wurde zunächst eine Eucharistiefeier nach kath. Ritus gefeiert und zwei Tage darauf eine evangelische Abendmahlfeier. Beides mal wurden alle ausdrücklich zur Teilnahme am Mahl eingeladen. Es waren großartige Gottesdienste und mutige symbolträchtige Schritte, um eine versöhnte Einheit der Kirchen deutlich zu machen. In Gesprächen wurde mir deutlich, dass diese Praxis seit längerer Zeit in vielen Gemeinden üblich ist. Die kath. Kirchenleitung reagierte nach dem Kirchentag mit Machtdemonstration. Prof. Gotthold Hasenhüttel, der den kath. Gottesdienst geleitet hatte, wurde suspendiert, Pfarrer Bernhard Kroll, der bei der evangelischen Abendmahlfeier gepredigt hatte, wurde zeitweise beurlaubt. Trotzdem dürfte der Kirchentag einen Aufbruch deutlich gemacht haben, hinter den es wohl kein Zurück mehr geben wird.

Aus Südtirol hat auch eine Abordnung der evangelischen Gemeinde von Bozen mit Pfarrer Sebastian Zebe am Kirchentag teilgenommen. Ich habe in einer Veranstaltung mit internationaler Besetzung die Tätigkeit und Ausrichtung der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche vorgestellt und viel Interesse gefunden.

Erfreulich wäre, wenn es auch in Südtirol in absehbarer Zeit zu einem ökumenischen und sprachgruppenübergreifenden Kirchentag kommen würde. Ein solches Ereignis könnte darstellen, was Christ-Sein heute bedeutet, aktuelle Fragen in den verschiedensten Bereichen diskutieren, zu verstärkter Zusammenarbeit innerhalb der christlichen Kirchen und der Sprachgruppen führen, Zeichen der Versöhnung z.B. mit den Hutterern setzen und insgesamt zu einem Fest der Ermutigung und Bestärkung im Glauben werden.

Robert Hochgruber