Zweifeln, Glauben, Suchen....

Die Aufgabe der Kirche heute - ein Ostertext

von Roger Pycha, Primar der Psychiatrie in Bruneck

Herr Hochgruber bat mich am Telefon um einen Beitrag zum Herdenbrief „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ und meinte: „Sie haben bestimmt öfter mit kirchlich oder religiös bedingten Neurosen zu tun. Berichten Sie uns etwas darüber. Oder kommen Sie auf Ihre eigene Einstellung zu Glauben und Kirche zu sprechen.“

Höchstens letzteres kann ich tun. Denn ich habe zu meinem eigenen Erstaunen gemerkt, dass von der Kirche ausgehende Zwänge in meinen Therapien selten sind, bei jüngeren Patienten und Klienten praktisch gar nicht mehr vorkommen. Als hätte die Kirche ihren inquisitorischen Druck eingebüßt, als sei sie aus psychologischer Sicht keine Bedrohung mehr.

Was sie mir persönlich sofort wieder sympathischer macht. Kirche verwaltet heute wohl großteils Jenseitiges, Glaubenssätze, Dogmen, die sich nur mehr selten in täglichem Machtkampf oder in unsauberen Intrigen niederschlagen können. Sie wirkt umso überzeugender, je entmachteter sie ist. Sie wirkt um so bedeutender, je weniger Vertreter sie besitzt. Der allseits beklagte Priestermangel ist eine große Chance für die Kirche, ihre Wirkung auf einige wesentliche Gebiete zurückzunehmen und keine Überwachungshaltung der Bevölkerung gegenüber einzunehmen. Kirchen sind heute öfter fast leer und manchmal auch übervoll, weil niemand mehr aus sozialem Druck heraus gezwungen ist, in die Kirche zu gehen. Kirchgänger bringen Überzeugungen mit und nicht Angst. Seien sie auch bloß überzeugt, am Sonntag Gesellschaft suchen zu wollen, wegen der netten Mädchen vor und in der Kirche, oder wegen des Glases Wein und des Kartenspieles danach, so wird ihnen Kirche sozial verwendbar, und das ist irgendwie auch christlich, und ganz besonders katholisch (was übersetzt „für alle vorhanden“ bedeutet).

Dr. Roger Pycha Der Priestermangel lehrt die Kirche vielleicht neue, bessere Wege. Er könnte sie lehren, Vorschriften und Ansprüche aus Gebieten wie Sexualität und Ehe abzuziehen, um das Nachdenken auf wichtige Kernbereiche wie Frieden, Konflikt- und Konsensfähigkeit, Umgang mit Pluralismus und Informationsfülle, Verwendung von Natur und Technik, zu lenken. Um überhaupt mehr schlichtend als richtend, eher fragend als wissend einzugreifen ins menschliche Bewusstsein. Viele heute gegebene Antworten sind vorschnell oder einseitig. Antworten zur Entstehung der Welt müssten den Big Bang, das sich rasend ausbreitende Universum, die Kernfusion und das Verschmelzen von Elementarteilchen bei Sternenexplosionen zu schwereren Elementen als Wasserstoff und Helium, die Verdichtung der Erde zu einem flüssigen Kern aus Nickel, Eisen, Silizium und Aluminium, das irdische Magnetfeld, das vor dem Teilchenbeschuss der Sonne schützt, die Entstehung von Wasser auf der Glut und von Leben im Wasser, das Werden von Land und von Pflanzen und Tieren darauf, den Kreislauf von Sauerstoff und Kohlendioxyd, die Photosynthese und die Atmungskette, die Evolution des Menschen mit und neben anderen Säugetieren, einschließen. Antworten zu richtigem oder nützlichem Verhalten müssten die Erkenntnisse der Verhaltensfor-schung, der Psychologie und der Neurowissenschaften genauso mit berücksichtigen wie geschichtliche und soziologische Ideen oder kulturelle Vorlieben.

Vorschriften müssen im Zeitalter der reflektierenden Philosophie auch die Zweifel an ihrer Wirksamkeit, Durchführbarkeit und Sinnhaftigkeit zulassen. Autorität erwächst nicht mehr aus Titeln, einer langen Ahnenreihe oder gottgegebenem Amt allein, sondern in ihrer echtesten Form aus überzeugender Darstellung. Das heißt: Glaube ist nicht mehr Sache einer Kirche, sondern zuerst Suche, Anstrengung oder Errungenschaft des Einzelnen. Sein kreatives Fragen, seine Fähigkeit, mit viel Unsicherheit zu leben oder sich Wahrscheinlichkeiten zurecht zu legen, machen individuellen Glauben zunächst aus. Die Kirche ist einer unter mehreren Anbietern von Modellen, offeriert ihren Parteigängern soziale Vorteile. Unter anderem die sozialen Vorteile von so genannten Gewissheiten über das Jenseits und das Diesseits, und vor allem die Vorteile der kulturellen Bekanntheit.

Es kann also sein, dass ich Kirche brauche – zeitweise, oder mein ganzes Leben lang. Nur wenn ich sie brauchen und benützen kann, ist sie für mich von Wert. Nur wenn ich zu ihren Projekten beitrage (was ich auch durch Widerspruch kann), bin ich für sie von Wert. Im Zeitalter des Pluralismus können wir beide, Kirche und ich, aber auch ganz neutral nebeneinander herleben. Mit geringen und doch meist hilfreichen Berührungspunkten. Es gibt sicher so etwas wie grauen Katholizismus: Menschen, die fern von glühendem Bekennertum sind, aber einzelne Aspekte der Kirche nicht missen möchten, und deshalb das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Sie möchten mit Kirche ehelichen, karitativ sein, ihre Kinder gebären, Schicksalsschläge verarbeiten und sterben. Auch die Post, die Krankenhäuser und die Müllabfuhr sind wohl durchdachte, brauchbare Systeme, und doch denken wir v. a. dann an sie, wenn wir sie gerade brauchen. Ist Kirche bescheiden genug, sich so einstufen und verwenden zu lassen?

Muss sie ja nicht. Sie kann weiter Jenseits verwalten, das tut keinem weh außer der Konkurrenz (anderen Konfessionen). Wo sie aber tief empfindend auftritt, muss sich Kirche sagen, dass sie Jenseits verwaltet, um Menschen ganz konkret im Diesseits zu stärken. Und dann tut sich die Frage auf: Wie viel Verwaltung, wie viel Akte und Paragraphen sind nötig, um Menschen abzusichern?

Meines Erachtens braucht es wenig davon, aber viel lebendiges Vorbild. Kirche soll uns beistehen, mit eigenen Fehlern zurecht zu kommen, Negatives an uns anzunehmen, und nur die Anteile der Außenwelt zu verändern, die sich auch beeinflussen lassen. Sie hat sich großen Ideen wie Friede und Liebe verschrieben, und darf ruhig zeigen, dass sie daran fast zerbricht. Dass sie so für Missbrauch besonders anfällig wird. Dass sogar die kleineren Geschwister von Friede und Liebe, der begrenzte Konflikt und die gerechte Verteilung, von der Kindersterblichkeit bedroht sind.

Günstig ist, wenn der einzelne Gläubige innerhalb der Kirche sehr frei leben kann. Wenn sie ihm hilft, sich zu befreien. Wenn sie seinem Empfinden, seinem Nachdenken über Gefühle, seiner Bereitschaft zu gemeinsamem Tun neugierig nachspürt und Raum gibt. Jeder Gläubige ist zunächst Mensch, und damit zeitweise glaubenslos oder ungläubig. Jeder Priester ist zunächst Mensch, und daher mit Schwächen oder Beson-derheiten behaftet. Pädophilie, Alkoholismus, Suizid finden sich eben deshalb unter Priestern auch. Illegale Gespielinnen und Geliebte, verleugnete Kinder, intrigante Machtgelüste haben Bischöfe auch.

Diesbezüglich wirkt Sigmund Freud ehrlicher als die katholische Kirche: er hat die Theorie eines psychosexuellen Apparates in Eigenanalyse aufgestellt, er hat aufrichtig bei sich selbst gesucht und auf andere übertragen. Die katholische Kirche tut, als habe sie für schwierige Vorgänge in sich selbst einen blinden Fleck, oder nur ein Mehr an Geboten zur Verfügung.

Allerdings ist es unfair, ein soziales Gebilde mit einem Einzelmenschen zu vergleichen. Täte man es, würde man der Kirche den Status eines Neurotikers, der zwar gekonnt verdrängt, aber auch unsagbar darunter leidet, zuerkennen. Und hätte damit ein herrliches, auf 1,2 Milliarden Menschen verteiltes Sinnbild von Selbstähnlichkeit. Warum soll im Ganzen nicht herauskommen, was in vielen seiner Teile schlummert?

Das große, das wohl größte Paradox der Kirche liegt darin, dass sie mit all ihren Teilen immer wieder den Menschen nahe legt: Ihr müsst glauben, und zwar genau an diesen einen Gott. Das wäre, wie einem Mann zu sagen: du musst lieben, und zwar genau jene bestimmte Frau. Oder: sei spontan, sei kreativ. Auf Kommando spontan oder kreativ sein ist nicht mehr spontan oder kreativ. Auf Druck zu glauben ist nicht mehr glauben.

Wo liegt denn da eine Lösung? Wie kann ich im Kleinen weiter machen? Wenn Fragen die Vorstufe des Glaubens darstellen, dann gelange ich jetzt dort hin. Und die Kirche hält mich nicht auf, sie lässt meine Glaubensgeburt zu. Im Mittelalter hätte man mich vielleicht verbrannt dafür. Aber damals war Verschiedenheit gefährlicher als heute, sie wurde mit mangelnder Unterwerfung, mit Insubordination gleichgesetzt.

Vielleicht ist eine Lösung für mich nicht einfach paradox, sondern sogar paradox einfach.

Häufig werden Probleme durch ihre Überzeichnung gelöst. Krisen dadurch bereinigt, dass man sie verstärkt, bis gehandelt werden muss. Die Kirche ist mir vielleicht die Mauer, an der die Wellen meiner Fragen brechen. Der Widerstand, der mir immer wieder sagt: Das kann die Antwort ja nicht sein. Oder: Ich will eine Antwort für dieses Leben, nicht für ein nächstes. Oder: Ich will etwas glauben, was intim zu mir gehört, und nicht etwas Aufgesetztes. Indem die Kirche mein Problem verstärkt, mein Leid verschärft, hilft sie mir suchen. Manchmal, nach dem Prinzip des blinden Huhnes, hilft sie mir sogar finden. Und niemals bedroht sie dabei mein physisches Leben. Schimpfen über den Papst – über diesen reisezähen Kerl, der überall hin kommt, mit seinen politisch so intuitiv richtigen Ideen zum Weltfrieden, mit seinen gesellschaftlich so überholten Ansichten zur Wiederverheiratung Geschiedener, zu Homosexualität und Verhütungsmitteln. Schimpfen über seine abgöttische Liebe zu Opus Dei…. Aber dann mischt sich Bewunderung in meine Schimpftirade, wie er mit seiner Parkinsonkrankheit umgeht, wie er am Schutz des Lebens festhält.

Vielleicht ist Glaube heute ambivalent, oder vielschichtig. Ein Teilnehmen an einer wichtigen Antwortsuche-Bewegung, die immer neue Aspekte und Fragen aufwirft. Ist Euthanasie in Ordnung, wenn jemand zu sterben wünscht und sich selber nicht mehr das Leben nehmen kann, weil er vom Hals abwärts gelähmt ist und weiß, dass langsam auch die Atemmuskeln versagen werden? Ist der Ehepartner dieses Menschen, der angekündigt hat, ihn aus Mitleid zu töten, ein Mörder, Vollstecker oder Helfer? Ist es erlaubt, sicherheitshalber 5 Eizellen künstlich zu befruchten, und 4 davon zu verwerfen?

Bei all diesen Dingen ist die Position der Kirche wichtig. Es ist aber genauso wichtig, dass der Staat weniger rigide Regeln vorgibt – eheähnliche Gemeinschaften anerkennt, Wiederverheiratung zulässt, Abtreibung ermöglicht. Es ist absolut in Ordnung, dass die Wissenschaftsgemeinde und die moderne Medizin sagen, wir verwirklichen alles, was der Menschheit hilfreich sein kann: Organverpflanzung, Leihmutterschaft, Stammzellenforschung und –züchtung, Genentschlüsselung, Genmanipulation und Genreparatur. Der Kirche eignet nicht mehr die (vermeintlich) einzig richtige, sondern eine unter mehreren erwägenswerten Positionen. Sie hilft entscheiden.

Vielleicht ist der Staat für den modernen Glauben gleich wichtig wie die Kirche – als Gegengewicht des Machbaren zu den vielen Verboten. Vielleicht ist er als menschenähnliches Gebilde sogar wichtiger als die Kirche. Er hat den Vorsprung der Demokratie. Diesbezüglich steckt die Kirche noch im Altertum oder im Mittelalter. Sie reizt einfach pausenlos zur Demokratisierung.

Unaufhaltsam wird diese kommen. Je mehr stockkonservative Kirchenleute es gibt, desto früher. Der Großteil der Priestertätigkeit wird an Laien ausgelagert werden, der größere Teil davon an Frauen, die sich nicht mit dem Demutsvorbild der Gottesmutter Maria zufrieden geben werden. Vor allem aber werden es Laientheologinnen sein, die die nächsten Generationen im Glauben unterweisen (so man Glauben lehren kann). Sie werden ein ganz anderes Rollenverständnis ihrer selbst einführen. Vielleicht heißt es bald, Frauen brauchen keine Priester zu sein.

Wenn ich über den Papst schimpfe, tut ihm das nicht weh, und es hilft mir glauben. Wenn ich etwas anderes glaube, als die katholische Kirche mir vorgibt, nehme ich ihren Auftrag an die Menschen ernst. Nämlich jenen, sie zu befreien und ihnen beizustehen. Weil dieser Auftrag wichtiger ist als jeder religiöse Inhalt es sein kann.