Situation der pastoralen Mitarbeiter/innen

Rangeleien im Weinberg des Herrn

Sie werden hoch geschätzt, aber nicht gewürdigt: Die Lage der Pastoralassistenten. Eine Momentaufnahme aus Berlin

Peter Kloss bezeichnet sich als „Grenzgänger“. Seit vielen Jahren arbeitet der Pastoralreferent (entspricht in etwa den Pastoralassistenten, wie sie in Südtirol genannt werden) in der Jugendseelsorge im Erzbistum Berlin, „immer an der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft“ .Der katholische Diplomtheologe Kloss versucht die Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit wach zu halten und zu stärken. Beispielsweise im Jugendwohlfahrtsausschuss oder auch den Berliner Bezirkspolitikern gegenüber. Als Mann der Kirche wird er akzeptiert, gerade weil er „ein ganz normaler Katholik“ ist, Familie hat und mit den Sorgen und Nöten der Berliner Jugendlichen bestens vertraut ist.

Pastoralreferent Hans-Joachim Ditz arbeitet auch an den so genannten „Schnittstellen“. Als Pastoralreferent kümmert sich der katholische Diplomtheologe in Kreuzberg um sozial Benachteiligte wie Arme und Obdachlose sowie um Muslime. Seinen Dienst versteht er als „Schar-nierfunktion“ zwischen Kirche und Gesellschaft. Ditz ist außerdem Sozialarbeiter. Insgesamt 22 Pastoralreferenten arbeiten in dem Diaspora-Bistum Berlin. Entweder an den „Schnittstellen“ oder auch in Krankenhäusern, Gefängnissen oder in der Bildungsarbeit. »Kategoriale Seelsorge« heißt das amtlich.

In Berlin gibt es seit gut 20 Jahren Pastoralreferenten. Seit der Wende auch im Ostteil des Bistums. Der ehemalige Berliner Bischof, der konservative Kardinal Joachim Meisner, wollte die Diplomtheologen im Laienstande nicht - und schloss kurzerhand den Bewerberkreis. Als Meisnerlängst in Köln amtierte, holte sein Nachfolger, Kardinal Georg Sterzinsky. Die Pastoralreferenten wieder ins Berliner Bistum. Frauen und Männer mit theologischem Diplom und dreijähriger Praxisausbildung sind das. Seelsorgeprofis allemal. „Sie werden hoch geschätzt“, sagt der Berliner Weihbischof Wolfgang Weider. Dennoch ist ihre Zukunft jetzt unsicher. Grund: Das Erzbistum muss sparen. Rund fünf Millionen fehlen im bischöflichen Haushalt. Deshalb ist ein genereller Stellenstopp verlügt worden. „Der gilt für alle, außer für die Priester und den Priesternachwuchs“, sagt Sterzinsky. Niemand werde in die Arbeitslosigkeit entlassen; doch es gebe auch keine Neueinstellungen. „Bis wir eine bessere Lösung gefunden haben“, sagt Kardinal Sterzinsky.

Für die Pastoralreferenten kommt hinzu: Sie sind dem Erzbistum zu teuer. ... Für Ditz scheint klar: „Die finanzielle Diskussion ist nur der Anlass für eine grundlegende Debatte“. Denn Pastoralreferenten und Pfarrer würden oft in Konkurrenz zueinander stehen. „Die Sorge der Kleriker ist, dass ihr Stand nicht mehr genug geachtet wird, wenn sie feststellen, dass auch Laien etwas tun können“.

Tatsache ist: Diese Laien mit vollem Theologiestudium verfügen oft über bessere pastorale Basiserfahrung als so mancher Priester, der über das Feiern von Messen und Sakramentenspendungen, ein paar Hausbesuche und etliche Sitzungen kaum hinauskommt. Es bleibt manchem Priester wenig Zeit für die Gespräche mit Menschen, die längst aus der Kirche ausgezogen sind.

Pastoralreferenten springen da in die Bresche. Doch ihrem pastoralen Enthusiasmus sind Grenzen gesetzt - auf römisches Geheiß, und zwar überall. nicht nur im Bistum Berlin. Sie dürfen nicht innerhalb der Messe predigen, nicht beerdigen und schon gar nicht den Sonntagsgottesdienst mit der Gemeinde leiten. „Nur im äußersten Notfall, wenn kein Priester in der Nähe ist, halten Pastoralreferenten auch Wortgottesdienste und teilen die Kommunion an die Gläubigen aus“, so berichtet Weihbischof Weider.

Dies ärgert die Laientheologen. Vor allem die Krankenhausseelsorger: Wenn sie Patienten wochenlang begleitet haben, dürfen sie ihnen nicht die Krankensalbung erteilen. Beerdigt werden Verstorbene dann von einem Priester, der sie oft gar nicht kannte. „In Berlin haben sich die Dekane mehrheitlich gegen das Beerdigen durch Pastoralreferenten ausgesprochen“, so Weider.

„Die Klerikerwollen ihre Macht nicht aus den Händen geben“, erklärt Pastoralreferent Ditz das Dilemma. Rund 2700 Pastoralreferenten arbeiten derzeit in Deutschland. Die meisten, 303, im Bistum Rottenburg-Stuttgart. In Fulda sind es 13 und in Görlitz gerade mal 2. Anders als in Berlin springen sie etwa in Süd- oder Westdeutschland öfter mal für fehlende Priester in die Bresche. In Berlin kann von Pfarrermangel indes keine Rede sein. 300 Priester sind hier für 390 000 Katholiken da. „Doch in zehn Jahren werden es auf Grund von Überalterung nur noch die Hälfte sein“, rechnet Kardinal Sterzinsky vor. Ein Grund, für die Pastoralreferenten den roten Teppich auszurollen? Fehlanzeige. Vor kurzem trafen sich Pastoralreferenten aus ganz Deutschland in Schöneiche bei Berlin.

Die Probleme, die sie mit der Amtskirche haben, sind – so wurde deutlich - nicht nur in Berlin gerade aktuell. Frustrationen und das Austragen von Grabenkämpfen zwischen Priestern und Laien gehören zum Alltag der Pastoralreferenten. „Manchmal bin ich so demotiviert, dass ich mir überlege, eine Flasche Rotwein auszutrinken“, erzählt ein Pastoralreferent aus dem Stuttgarter Raum. „Arbeit im Steinbruch“ nennen sie ihre Arbeit. Sterzinsky hörte den Teilnehmern des Treffens in Schöneiche interessiert und aufmerksam zu. Ob sich die Situation in seinem Bistum und anderswo grundlegend ändert, steht in den Sternen. Für die Berliner Laientheologen scheint indes klar: „Wir müssen lernen zu kämpfen, damit nicht ein ganzer Berufsstand von der Bildfläche verschwindet“.      

Monika Herrmann, Publik-Forum, Nr. 1, 11.1.2002