Die Zukunft der Klöster und der sakramentalen Kirche

 Auszüge aus einem Interview, das die ff mit dem Kapuziner Paul Hofer führte (ff,  21.2.2002)

Schwerpunkte waren dabei die neue Situation des Kapuzinerordens aufgrund der Nachwuchsprobleme, der Umgang und die Umwidmung der Güter des Ordens und die Situation der sakramentalen Kirche insgesamt sowie ihre Perspektiven für die Zukunft.

 

ff: Das Patrimonium der Kapuziner wird derzeit nicht sinnvoll verwendet?

Paul Hofer: Das will ich gar nicht so pointiert sagen. Die Zeiten haben sich geändert. Vor zehn-zwanzig Jahren war diese Frage nicht akut. Damals waren diese Oasen - als solche bezeichne ich die Klöster und die dazugehörenden Gärten - noch mit Leben gefüllt. Damals gab es Nachwuchs für die Klöster. Heute gibt es diesen Nachwuchs nicht mehr. Wir Kapuziner müssen Perspektiven entwickeln. Wir können doch nicht diese Oasen langsam absterben lassen. Wir können nicht warten, bis der Heilige Geist kommt und eine tote Struktur zum Leben erweckt. Diesen Gefallen wird er uns nicht tun, soll er auch nicht tun.

 

ff: Kloster als tote Struktur; harte Worte.

Paul Hofer: Hart, aber so ist es. Eine Struktur ist dann tot, wenn sie von den Verantwortlichen sich selbst überlassen wird. Sie vermittelt keine Botschaft mehr. ...

Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass es nicht darum geht, Strukturen zu veräußern, sondern sie umzupolen. Für die anderen bedeutet dies, Abschied zu nehmen, fast zu sterben. Dabei müsste es ja so sein, dass diese Umpolen zu einem Stück Leben wird. Nur mit Überzeugung kann diese Angst Genommen werden. Denn Angst ist immer eine Blockade.

 

ff: Was verstehen Sie unter Umpolung?

Paul Hofer: ... Ich muss überlegen, wie ich das Kloster mit dem Umfeld in Kommunikation bringen kann. Jeder muss zugeben, dass die derzeitige Situation zu bedauern ist. Der Garten schweigt, wenn er nicht zu einer Kommunikationsschiene wird zwischen Stadt und Kloster. ... Wichtig ist, dass die Bevölkerung merkt, die Kapuziner suchen eine Kommunikationsschiene mit uns. Kommunikation vermitteln wir nämlich nicht mehr durchs Predigen oder durchs Spender der Sakramente.

 

ff: Wie bitte?

Paul Hofer: Die sakramentale Kirche ist auf dem Weg zum Friedhof.

 

ff: Da werden Ihre Brüder aber schlucken.

Paul Hofer: Und nicht nur sie. Ich weiß, diese Aussage ist gewagt. Aber ich bin überzeugt, dass es so ist.

 

ff: Wenn die sakramentale Kirche ausgedient hat, was ist dann heute die Funktion der Kirche?

Paul Hofer: Wenn ich das wüsste? Ich kann das nicht so einfach definieren. Für mich ist es natürlich leichter, über die Funktion der Kirche zu reden als für einen offiziellen Amtsträger, einen Generalvikar oder Bischof Ich habe Freiheiten und nütze sie. Meiner Meinung nach muss die Funktion der Kirche heute sein, den Menschen eine Botschaft zu vermitteln, die über die Alltäglichkeit hinausgeht. Es geht darum, eine Sehnsucht lebendig zu machen. Wie bringe ich diese Sehnsucht zum Spüren? Wo ist sie aufgefangen? In der Sonntagsmesse?

 

ff: Sie haben die Antwort bereits vorweggenommen.

Paul Hofer: Die Messe ist nur ein winzig kleiner Teil. Wesentlicher als das Sakramentsgebot wäre die Wiederentdeckung der Sonntagskultur, die abhanden gekommen ist. Schauen Sie doch die Samstagabend - Messe: Das ist ein typisches Übrigbleibsel von der Gebotserfüllung. Um den Sonntag frei zu haben und doch irgendwie der Pflicht nachzukommen, wurde dieser Trick erfunden. Um das Gewissen zu beruhigen. Das ist nicht richtig. Deshalb werde ich am Samstagabend nie eine Messe lesen.

 

ff: Die Kirchenobrigkeit scheint sich für eine andere Richtung entschieden zu haben, für eine Stärkung der sakramentalen Kirche.

Paul Hofer: Ich will eine Kirche, die diskussionsfähig ist. Wenn sie das nicht ist, dann ist es aus. Ich bin beileibe kein Ketzer. Ich schiebe Denkprozesse in den Vordergrund. Ich will öffnen und nicht einbunkern. Und ich hoffe, dass man das hier im Liebeswerk merkt.

 

ff: Wäre es besser mit dem Nachwuchs, wenn das Zölibat aufgehoben würde?

Paul Hofer: Weiß ich nicht. Aber es ist sicher falsch, mit dem Priesterberuf die Automation des Zölibates mitlaufen zu lassen. Der Ordensmann, der wählt ganz bewusst das Zölibat. Aber warum sollte ein Priester automatisch mit dem zölibatären Stand verbunden werden? Warum sollten Frauen nicht zum Priester geweiht werden dürfen? Und überhaupt: Der Priesterberuf muss wegkommen von dieser magischen Berufung. Von Gott auserwählt worden sein! Ich habe mir diesen Beruf selber gewählt. Dieser Beruf macht mir nicht deshalb Spaß, weil ich die Profess gemacht habe, sondern weil mir die Aufgabe erfüllend erscheint. Ich hoffe, dass die Diskussion in der Kirche um Zölibat und Frauenpriestertum Sauerteig wird. Ob damit das Nachwuchsproblem gelöst ist, das ist eine andere Frage.

 

ff: Ist die Umpolung der Strukturen in Meran richtunggebend auch für andere Situationen?

Paul Hofer: Die Kapuzinerprovinz Brixen muss ihre Klöster, also ihre Besitzungen, insgesamt betrachten. Das muss eingebettet sein in ein Konzept. Ich glaube, wir haben sichtbare Zeichen gesetzt, wohin unsere Denkweise geht. Schauen Sie Bruneck: Bruneck wird zurzeit komplett umgebaut. Dreiviertel des Klosters wird der Serafin-Stiftung übergeben. Wohnungen für alte Menschen, die zu schade sind, um sie in ein Altersheim zu stecken. Der Garten wurde ebenfalls geteilt - meiner Meinung nach zu wenig: Die Hälfte wird Kinderspielplatz. Auch das ist mit Widerstand geschehen. Aber heute sind die Brüder damit voll einverstanden, weil dies Zeichen der Hoffnung sind. Harmonie und Kommunikation zwischen den Brüdern, den alten Menschen, den Kindern. Bruneck hat einen völlig neuen Inhalt bekommen.

 

ff: Die Kapuziner gelten als Bettelorden. Wenn jetzt dieser Bettelorden ans Verkaufen geht: Was mussten dann die reichen Orden tun?

Paul Hofer: Ich will nicht über andere reden. Ich sage, wir Kapuziner haben keine Legitimation, zu den Leuten betteln zu gehen. Die Leute sehen die Kapuziner gern, aber wir sollten den Mut aufbringen, ihnen zu vermitteln, dass wir schuldig geworden sind. Ich bin überzeugt, dass wir in der Vergangenheit Leute abgeklopft haben, die ärmer waren als wir. Ich will keine Pfeile schießen, aber es stände uns gut an, darüber nachzudenken. Solange mit dem Betteln Botschaften der Kommunikation verbunden waren, konnte man darüber reden. Aber betteln gehen, um vorzuschieben, man könne nicht leben, das ist nicht legitim.

 

ff: Sie stoßen das traditionelle Bild des barfüßigen Kapuziners vom Altar.

Paul Hofer: Das ist doch längst ein Theaterstück. Wenn heute noch jemand sein Kapuzinerdasein nur auf diese Weise vermittelt, dann spielt er Theater. Es gibt auch eine andere, eine authentischere und ehrlichere Art, als mit Schlappen, ungewaschen und ungepflegt durch die Gegend zu hatschen, um den Eindruck zu hinterlassen, wie arm wir sind. Das grenzt an Volkstäuschung.

 

ff: Was ist dann ein Kapuziner?

Paul Hofer: Ein Kapuziner sollte eine Figur sein, zu der die Leute Vertrauen haben. Er müsste eine Einladung sein, dass die Schöpfung getragen ist von einem gütigen, nicht von einem strafenden Vater. Das gelingt uns nicht mehr automatisch durch die Verteilung der Sakramente. Schauen Sie doch die Beichte an: Die Beichte hat vor allem dazu gedient, der Kirche Macht zu geben. Das hat lange funktioniert. Jetzt funktioniert es nicht mehr. Die Leute haben heute Versöhnung nötig. Wie arm sind wir doch zum Beispiel im Ritus der Beerdigung. Das ist doch keine Harmonie, die dort vermittelt wird. Keine Spur von Versöhnung und von einem wartenden Vatergott. Wir schieben immer noch den Richter voraus: Erlöse ihn von Schuld und Sünde. Das ist doch, unmöglich!

 

ff: Braucht es die sakramentale Kirche denn überhaupt noch?

Paul Hofer: Gute Frage. Ich würde mich hüten zu sagen, ja, es braucht sie noch. Ich will aber auch nicht sagen, dass es sie nicht mehr braucht. Ich sage nur, die heutige Kirche wird sich ändern müssen. Und sie wird sich ändern. Denn diese Ausreden, die jungen Leute seien wegen des Wohlstandes nicht mehr ansprechfähig, funktionieren nicht mehr. Die jungen Leute sind sehr wohl ansprechbar. Die sakramentale Kirche wird andere Wege trampeln müssen. Und dort, wo sie dahintrampelt, warten Leute, die mitgenommen werden möchten. Aber die kommen nicht mit, wenn man ihnen Sakramente zu bieten hat und sonst nicht.

 

ff: Die Macht der Orden drückt sich seit jeher in ihren Besitzungen aus. Bald werden die Kapuziner machtlos sein.

Paul Hofer: Schlimm ist, wenn Besitzungen als solche betrachtet werden und nicht in ihrer Funktion. Die Kirche muss wissen, dass sie nicht mehr über ein geschütztes Ambiente verfügt. Früher war das kirchliche Wort Gesetz. Damit ist es vorbei. So ist es auch mit den Besitzungen. Ich will nicht darüber reden, wie wir zu diesen Besitzungen gekommen sind. Abe rich finde es langsam an der Zeit, dieses Patrimonium wieder der Allgemeinheit zurückzugeben.

Interview: Norbert Dall’Ò