Literatur und Religion
Theos
Reise
Passend
zur kommenden Ferien- und Reisezeit möchte ich eine angenehm zu lesende
Ferienlektüre vorstellen: auf ca. 700 Seiten begleitet der Leser Theo, einen
14-jährigen Franzosen, zu den Religionen der Welt. Die beiden Fragen „Woher
komme ich?“ und „Wohin gehe ich?“ treiben den jungen Theo zunächst zu
einem grenzenlosen Wissensdurst. Angesichts einer mysteriös bleibenden
Blutkrankheit entreißt ihn seine reiche Tante Marthe aus dem Pariser Schul- und
Krankenhausalltag und begibt sich mit ihm auf die Reise zu wichtigen religiösen
Stätten der Welt. In Jerusalem, Ägypten, Rio, Benares, Istanbul, Dakar, und
viele mehr hört Theo traditionelle Mythen, wohnt Gottesdiensten und
Geisterbeschwörungen bei und darf sogar an den heiligsten Festen teilnehmen.
Die Erfahrungen und Begegnungen auf dieser etwas anderen Weltreise sollen zur
Heilung des zunächst zunehmend kränklichen Theo beitragen. Die
Blutuntersuchungen belegen den „Erfolg“ der Reise: Theo beendet diese
„heil an Körper und Seele“.
Die
bereits 1998 erschienene deutsche Übersetzung des französischen Originals lädt
zur tieferen Auseinandersetzung der im Roman sehr lebendig, allerdings teilweise
unstrukturiert und aus einem europäisch-christlichen Blickwinkel dargestellten
Religionen ein. Das sehr ausführliche Register im Anhang erlaubt ein schnelles
Auffinden von Textpassagen zu verschiedenen Themen – dies erleichtert den
Einsatz im Unterricht ungemein.
Lisa
Hammer, Brixen
Eine
Leseprobe zum Hineinschmecken:
Ah,
bevor ich´s vergesse!“, rief er plötzlich. „Tante Marthe hat mir ein Gebet
gegeben, das wir lesen sollen, wenn wir beide allein sind. Da, lies es mir
vor.“
„Schreitet
ruhig durch Lärm und Hast und seid des Friedens eingedenk, den die Stille
bergen kann. Lebt soweit es ohne Selbstaufgabe geht, in Frieden mit allen
Menschen. Sagt ruhig und klar, was ihr für wahr haltet: Und hört den anderen
zu, auch dem Einfältigen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte.
Meidet den Lärmenden und die Aggressiven, sie sind eine Qual für den Geist.
Wenn ihr euch mit anderen vergleicht, könntet ihr eitel und scharf werden: Es
wird immer Größere und Kleinere geben als euch ...“
„Das
ist wohl wahr“, sagte Theo. „Warte, ich lös dich ab. Freut euch dessen,
was ihr vorhabt, genau wie dessen, was ihr bereits erreicht habt, interessiert
euch für euer Fortkommen, so bescheiden es auch sei: Es ist ein wahrer Besitz
im wechselnden Glück des Lebens. Bei euren Geschäften lasst Vorsicht walten,
denn die Welt ist voller Betrug.“
„Das
gefällt mir nicht so gut“, sagte Fatou. „Zeig, wie geht es weiter? Aber
das soll euch nicht blind gegenüber der vorhandenen Rechtschaffenheit machen.
Viele Menschen streben nach großen Idealen, und überall ist das Leben voller
Mut. Seid ihr selbst. Vor allem aber heuchelt keine Zuneigung! Und seid nicht
zynisch in der Liebe, denn auch im Augenblick aller Dürre und Enttäuschungen
ist sie doch immer während wie das Gras auf dem Feld ...“
„Es
lebe das Gras!“, rief Theo. „Ich les weiter. Nehmt den Rat der Jahre gütig
und gelassen an und gebt dankbar die Dinge eurer Jugend auf. Stärkt die Kraft
eures Geistes, damit sie auch im plötzlichem Unglück schütze. Aber lasst euch
von Chimären nicht bekümmern. Viele Ängste entstehen aus Ermüdung und
Einsamkeit... Seid sanftmütig zu euch selbst, aber haltet heilsame Disziplin.
Ihr seid Kinder des Universums, genau wie die Bäume und Sterne: Ihr habt das
Recht hier zu sein ... Hörst du?“, sagte er. „Wir haben das Recht, hier
zu sein.“
„Lass
mich das Ende lesen“, bat Fatou. „Und ob ihr es wisset oder nicht, das
Universum entfaltet sich so, wie es ,soll. Darum lebt in Frieden mit Gott, wie
immer eurer Vorstellung von ihm aussehen mag, und behaltet, was immer euer
Arbeiten und Sehnen sein mag, in der lärmenden Wirrnis des Lebens den Frieden
eurer Seele. Trotz aller Arglist, aller Plackerei und gescheiterter Träume ist
die Welt doch schön. Seid vorsichtig... Strebt danach, glücklich zu sein!“
„Wer hat das geschrieben?“, murmelte Theo. „Guck mal, unten auf dem Blatt: `Gefunden 1692 in einer alten Kirche in Baltimore. Anonym.`“
Theos
Reise, Roman über die Religionen der Welt, Catherine Clément, 1998,
713 S., dtv, 10 €.