Tut, was der Geist den Gemeinden sagt!
Brief von "Wir sind Kirche" Deutschlands an die Pfarreien
Pfingsten
ist das Fest, an dem wir die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger
und Jüngerinnen Jesu feiern. "Ich werde von meinem Geist ausgießen über
alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Prophetinnen und Propheten
sein," so lesen wir in der Apostelgeschichte mit Bezug auf den
Propheten Joel.
Gottes
Geist wird all denen zuteil, die sich auf Jesu Reich-Gottes Botschaft einlassen,
sie sind Geist-Begabte, die dieses Geschenk einsetzen im Dienst der Nachfolge
Jesu, wie auch immer die sich gestaltet.
Denn
Jesus selbst hat keine Anweisungen gegeben, wie die Nachfolgegemeinschaft von
radikal Gleichgestellten, Jüngerinnen
und Jünger Jesu, sich "organisieren" sollen, um das Vermächtnis Jesu
weiterzugeben und lebendig zu erhalten.
Wahre
Jüngerlnnenschaft Jesu manifestiert sich darin, ihm nachzufolgen, den
Mitmenschen so zu dienen, wie er es vorlebte. (Mk 10,42-45). Heilige Herrschaft
(Hierarchie) und sakramentales (Männer-) Priesteramt in unserer Kirche lassen
sich nicht mit Jesu Wort und Tat legitimieren.
Auch
in den von Paulus gegründeten Gemeinden finden wir keine festen Ämter-Strukturen,
keine Hierarchien kirchlicher Dienste. Alle, denen der Gottesgeist eine
Begabung, ein Charisma, schenkt, sind aufgefordert, dieses zum Wohle der
gesamten Gemeinde einzusetzen; die Charismen dürfen sich nicht gegenseitig
ausspielen, sie sind gleichwertig und gleich wichtig (1 Kor 12, 4-11). Sie sind
hingeordnet darauf, dass in den (relativ
kleinen) Gemeinden das Andenken an Jesu erlösendes Heilshandeln
angemessen und würdig gefeiert wird (1 Kor 11, 23-34).
Für
das gemeindliche Leben gebraucht Paulus das Bild vom Leib und dessen Gliedern‚
die alle gemeinsam einen lebendigen Organismus bilden. Frauen und Männer sind
in gleicher Weise in den frühkirchlichen Gemeinden engagiert:
Frauen
arbeiten als Diakoninnen, als Vorsteherinnen, als Leiterinnen von Hausgemeinden,
als Apostelinnen, als Missionarinnen (Röm 16, 1-4), die frühkirchliche
Taufformel von Gal 3, 26-29 darf nicht "spiritualisiert" werden, sie
bringt den konkreten Lebenshintergrund der Frauen und Männer zum Ausdruck, die
die Erinnerung an Jesus, den Christus, in ihren Gemeinden zu leben und
wachzuhalten versuchen.
Diese
Gemeinden kennen keine autoritären Leitungsfunktionen, denen sich die Glieder
unterzuordnen haben, sie verstehen sich selbst als ein Netz von
Eucharistiegemeinschaften, deren konkrete Organisation sich aus den Bedürfnissen
der Gemeinde selbst ergibt. Im Zentrum steht die authentische Bezeugung und Verkündigung
von Wort und Werk Jesu, von dem die Gemeinden im Glauben gewiss sind, dass er
insbesondere in ihren Mahlfeiern unter ihnen gegenwärtig ist.
Für
die Zeit des frühkirchlichen Anfanges (bis etwa kurz vor Ende des 1. Jhdts.) können
wir also davon ausgehen, daß Pluralität in der Organisation, keine
Differenzierung (oder Diskriminierung) nach dem Geschlecht, kein sacerdotales
Priesteramt, keine einheitliche Leitungsgewalt kennzeichnend für die Gemeinden
sind, wichtig sind pastoral-theologische Aspekte, nämlich das Gedächtnis an
Jesu Leben, Tod und Auferstehung als Mitte des gemeindlichen Tuns
geschwisterlich zu bewahren und weiterzugeben.
Dieses
"charismatische Gemeindemodell" des maßgeblichen Anfangs wird im
weiteren Verlauf der Kirchen— und deren Institutionalisierungsgeschichte
aufgegeben zugunsten des sacerdotalen, hierarchisch konzipierten Amtsverständnisses,
das bereits für die Gemeinden um die Mitte des 2. Jhdts. bestimmend wird.
Für unsere Gemeinden könnte die "gefährliche" aber auch befreiende Erinnerung an die Ursprünge inspirierend sein, damit sie wieder mit allen Gliedern authentisch Zeugnis ablegen können von der Geistgewirktheit aller Begabungen. Diese Charismen konstituieren lebendige Gemeinde in der Nachfolge Jesu, der keine Menschen zum Herrschen über andere, wohl aber alle zum Dienst an den Schwestern und Brüdern aufgefordert hat.